Hildesheim - Monatelang hatten Politiker und Verwaltungsmitarbeiter überlegt, wie es mit der historischen Brücke unter der Dammstraße weitergehen soll. Ende Juni legte der Rat den Kurs dann schließlich fest: Das Bauwerk verschwindet im Boden, es wird mit einer Betonplatte abgedeckt, die Fahrbahn darüber wieder hergestellt – das alles „zeitlich effektiv“ und „so schnell wie möglich“. Doch seit vier Wochen hat sich in der Dammstraße nichts getan. Nun sieht es so aus, als ob es dort weitergeht.
Vor allem die CDU hatte immer wieder aufs Tempo gedrückt: Der Rat müsse noch vor der Sommerpause entscheiden, desto schneller könne der Verkehr wieder fließen. Eins war allerdings auch dem Rat klar: Zunächst mussten die archäologischen Untersuchungen abgeschlossen sein. Mitte Juli war es so weit: Sowohl die Firma Archaeofirm, deren Mitarbeiter das Bauwerk seit November dokumentiert hatten, als auch die Bauforscher von der Technischen Universität Braunschweig packten ihre Sachen und zogen aus der Dammstraße ab.
Ohne Sondierungsbohrungen keinen Betondeckel für die Brücke
Nächster Schritt sind Sondierungsbohrungen: Sie dienen dazu, den Baugrund rund um die Brücke zu erkunden – die Erkenntnisse sind Voraussetzung für das Einbringen der Betonplatte, die das 850 Jahre alte Bauwerk im Boden abdecken soll. Das Ingenieurbüro, das die Arbeiten begleitet, hatte bei der Denkmalbehörde der Stadt auch schon im Juni einen entsprechenden Antrag eingereicht. Der aber war dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, das bei der Brücke das letzte Wort hat, zu dünn: Die Experten wollten wissen, wo denn genau die etwa zehn bis 15 Bohrlöcher vorgesehen sind.
Der überarbeitete Antrag ist nun dieser Tage im Rathaus eingegangen – gut vier Wochen später. Das Büro habe erst auf Daten der Archäologen zur genauen Größe der Brücke warten müssen, heißt es. Vor allem aber waren mehrere Beteiligte an dem Verfahren im Urlaub. Und so hängt selbst Dr. Markus C. Blaich, der zuständige Experte im Landesamt für Denkmalpflege, der mit deutlichen Worten sonst nicht hinter dem Berg hält, das Thema nicht so hoch. Die Verzögerung könne man niemandem vorwerfen, es sei einfach Urlaubszeit gewesen.
Landesamt für Denkmalpflege stellt Erlaubnis in Aussicht
Desto schneller hat sich Blaich jetzt mit dem ergänzten Antrag beschäftigt: Er werde die Bohrungen genehmigen, sagte er am Freitag der HAZ. Wann diese starten, steht noch nicht fest. Bei der Stadtentwässerung (SEHI), die formal die Federführung auf der Baustelle hat, rechnet man damit, dass die Arbeiten bis zu zwei Tage dauern könnten, das gleiche gilt für die Auswertung. Diese liefert dann die Basis für den Bau des „Deckels“, der auf die Brücke soll – wobei dafür ein erneuter Antrag an die Denkmalbehörde nötig ist, der wieder über den Tisch des Landesamtes muss.
Doch was ist mit den Resultaten der TU-Untersuchung? Schließlich hatte der Rat in seinen Beschluss extra einen Vorbehalt eingebaut, falls die Ergebnisse der Bauforscher die „Deckel“-Lösung in Frage stellen. Man könne sich dazu noch nicht äußern, sagte TU-Professorin Dr. Ulrike Fauerbach der HAZ. Stadt-Sprecher Helge Miethe erklärte auf Anfrage, der Verwaltung lägen keine Erkenntnisse vor, nach denen die Betonplatte aufgrund der TU-Ergebnisse nicht eingesetzt werden dürfe; darum werde es aber sicher im nächsten Antrag gehen.
Nichts passiert? Stadt widerspricht dem Eindruck
Ausdrücklich widerspricht Miethe dem Eindruck, dass seit Wochen nichts in Sachen Dammstraße passiert sei. „Das täuscht“, erklärt er mit Blick auf die Abstimmung des Antrags für die Bohrungen. Die Arbeiten seien im Zeitplan. Die Verwaltung hält daher eine Freigabe der Dammstraße zum Weihnachtsmarkt wie mehrfach in Aussicht gestellt für möglich – „aber nur bei optimalem Ablauf, wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt“, schränkt Miethe ein. Die Erwartungshaltung sollte daher nicht zu hoch geschraubt werden. „Wir können nur sagen, welchen Termin wir angesichts der heutigen Erkenntnisse anpeilen, nicht aber, ob das dann auch gelingt.“
So könne niemand ausschließen, dass beim Bau des Brücken-Deckels und der Vorbereitung für diesen archäologische Funde dazwischenkommen, die das Vorhaben im Zeitplan zurückwerfen. In diesem Fall würde die Verwaltung die Politik und Öffentlichkeit umgehend informieren, verspricht der Stadt-Sprecher. Die Verwaltung werde den Stadtentwicklungsausschuss ohnehin laufend über die Lage in der Dammstraße und den Fortgang der Arbeiten unterrichten.
Experten erwarten auch auf der Nordseite der Brücke Funde
Viele der anderen Beteiligten wollten sich auf Anfrage der HAZ nicht dazu äußern, wann der Verkehr ihrer Ansicht nach wieder fließen kann. Denn Experten rechnen auf der Nordseite der Brücke fest mit archäologischen Entdeckungen. Dort waren bei den Kanalbauarbeiten bereits die Reste des Kirchenchores der St-Johannis-Kirche und etwa 50 Skelette aus dem Mittelalter gefunden worden.
Kommentar: Zu viele Unwägbarkeiten
Mag sein, dass im Rathaus wirklich mancher glaubt, die Dammstraße sei bis Dezember wieder für den Verkehr geöffnet. Wahrscheinlich ist das nicht. Im Boden schlummert so viel Stadtgeschichte, dass weitere Entdeckungen zu erwarten sind. Und damit Verzögerungen bei der Versiegelung der Brücke. Denn auch, wenn das kleingeredet wird: Natürlich werden die vier Wochen, in denen nichts auf der Baustelle passiert ist, hinten drangehängt. Es ist daher gut, dass der Rat auf eine Vorgabe verzichtet hat, wann die Arbeiten erledigt sein sollen. Wie groß wäre die Enttäuschung, auch Empörung gewesen, wenn die Stadt den Termin nicht eingehalten hätte. Die Bürger sollten sich darauf einstellen. Und die Stadt das endlich auch klar formulieren.

