Sarstedt/Kreis Hildesheim - Wo soll die neue Stromtrasse OstWestLink entlangführen? Über diese Frage könnte es zwischen der Stadt Sarstedt und ihren drei südlichen Nachbargemeinden zum Streit kommen. Denn die Kommunen haben sehr unterschiedliche Interessen – und vor allem die Bürgermeister von Giesen und Harsum sind alles andere als begeistert von Aussagen ihrer Sarstedter Amtskollegin Heike Brennecke (SPD).
Brennecke lehnt Nordvariante ab – wegen Gewerbegebiet
Zum Hintergrund: Vor kurzem hatten die Stromnetz-Betreiber Tennet und TransnetBW konkrete Trassenverläufe für drei neue Höchstspannungsleitungen vorgestellt, die sie der Bundesnetzagentur vorschlagen wollen. Für den sogenannten OstwestLink von Leer nach Leipzig gibt es dabei zwei Varianten: Eine vorbei an Schliekum und Ruthe, zwischen Heisede und Sarstedt hindurch und nördlich an der Stadt vorbei. Und eine weitere vorbei an Barnten, zwischen Ahrbergen, Giesen und Groß Förste hindurch und nördlich an Klein Förste und Harsum vorbei.
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Brennecke hatte auf HAZ-Anfrage erklärt, die nördliche Variante würde „die Stadt stark einschränken, insbesondere im Hinblick auf eine mögliche Erweiterung des Gewerbegebietes“. Das habe sie auch gegenüber dem Netzbetreiber Tennet deutlich gemacht. Dagegen, so die Bürgermeisterin weiter, „würde die südliche Variante uns nur am Rand des Stadtgebietes tangieren und ist daher aus Stadtsicht zu favorisieren“.
Auch Harsum bangt um Ausbau eines Gewerbegebietes
Doch was aus Sarstedter Sicht gut wäre, wäre aus Sicht benachbarter Kommunen ziemlich schlecht – entsprechend verstimmt reagierten ihre Vertreter am Montag gegenüber der HAZ. „Jeder Gemeinde würde es gut zu Gesicht stehen, einen Beitrag zur Energiewende zu leisten – auch Sarstedt“, stichelte Harsums Bürgermeister Marcel Litfin (parteilos).
Brenneckes Aussagen hätten prompt für „einen Aufschrei“ bei betroffenen Ortsbürgermeistern in seiner Kommune gesorgt. Denn die Südvariante könne wiederum in Harsum eine mögliche Erweiterung des Gewerbegebietes nach Norden durchkreuzen – und eventuelle obendrein Überlegungen gefährden, Klein Förste durch neue Baugebiete in Richtung Norden zu vergrößern. Die Betroffenheiten seien also ähnlich gelagert wie in Sarstedt.
Gefahr für Kali-Pläne?
Zudem müsste das Höchstspannungs-Erdkabel, falls die Südvariante zum Tragen kommt, im Harsumer Gemeindegebiet die Autobahn 7 und den Hildesheimer Stichkanal unterqueren. Die zugehörigen Bauarbeiten würden vermutlich mit der Abholzung dort bestehender Baum- und Strauchbestände einhergehen – dabei habe Harsum ohnehin nur zwei Prozent Waldfläche. Der drohende Verlust von Gehölzen sorgt in Harsum ohnehin seit Jahren für Unruhe – wegen der geplanten Verbreiterung des Stichkanals.
Und schließlich wirft Litfin die Frage auf, inwieweit die Südvariante der Stromtrasse OstWestLink mit einer eventuellen späteren Wiederinbetriebnahme des Kaliwerks Siegfried-Giesen samt Transportbahn-Verbindung nach Harsum kollidieren könnte.
Auch Giesen ist verärgert
Auch in Giesen stößt Brenneckes Vorstoß auf wenig Gegenliebe: „Mich ärgert es, dass meine Sarstedter Amtskollegin den Verlauf der Trasse über das Sarstedter Stadtgebiet öffentlich ablehnt und gleichzeitig die Trassenführung auf Giesener Gemeindegebiet bevorzugt“, schimpft Bürgermeister Frank Jürges (CDU).
Die südliche Trassenführung würde in der Gemeinde Giesen „erhebliche Probleme hervorrufen“, führt der Verwaltungschef aus. So solle die Trasse das Naturschutzgebiet „Ahrberger und Groß Förster Holz“ queren und damit beschädigen. „Zudem würde die gerade begonnene Wohnbauentwicklung im Norden von Groß Förste nicht weiter möglich sein“, fürchtet Jürges. Seine Position will Jürges am Donnerstag bei einem Gespräch mit Netzbetreiber Tennet weiter ausführen.
Gemeinsame Position?
Was ihn zudem ärgert: „Im Kreis der kommunalen Familie hätte ich es für gut und richtig erachtet, im Vorfeld darüber gemeinsam zu beraten und bestenfalls eine gemeinsame Vorgehensweise vorzusehen.“ Das sieht auch sein Harsumer Amtskollege Marcel Litfin so. Er sieht, bei allem aktuellen Unmut, den Zug dafür aber auch noch nicht abgefahren: „Dass es unterschiedliche Interessen gibt, ist normal. Ich denke aber, es ist noch nicht zu spät, sich in Ruhe zusammenzusetzen, die jeweiligen Interessen vorzutragen und abzuwägen und dann im besten Fall sogar eine gemeinsame Stellungnahme zu den Trassenplänen abzugeben.“
Litfin setzt ohnehin auf Freileitungen
Deutlich zurückhaltender äußert sich bisher die Gemeinde Nordstemmen. „Die Nordtrasse würde tatsächlich dicht an Barnten vorbeiführen“, heißt es aus dem dortigen Rathaus. In der kommenden Woche werde Tennet seine Pläne vor Ort vorstellen. Das will die Gemeinde nach eigenem Bekunden abwarten: „Danach ist es möglich, Stellung zu beziehen.“
Harsums Bürgermeister Marcel Litfin kann sich unterdessen auch vorstellen, dass der ganze Streit am Ende obsolet ist. „Ich glaube, der Bund wird doch wieder Freileitungen den Vorrang geben – dann muss ohnehin ganz neu geplant werden.“
