Jugendhilfe

Kosten für Hilfe zur Erziehung im Kreis Hildesheim steigen stetig – droht irgendwann die Triage?

Kreis Hildesheim - Der Landkreis rechnet in diesem Jahr mit Ausgaben für sogenannte Hilfe zur Erziehung in Höhe von rund 55 Millionen Euro. Die Bedingungen werden immer schwieriger, freie Träger schlagen Alarm – und schließen nicht aus, irgendwann entscheiden zu müssen, wer betreut und wer zurückgelassen wird: Die Lage, ein trauriger Einzelfall eines Systemsprengers und ein Beschluss.

Manche Jugendliche, die staatliche Hilfe zur Erziehung brauchen, werden von einer Einrichtung zur nächsten abgeschoben. Foto: Ole Spata/dpa

Kreis Hildesheim - Hilfe zur Erziehung kann bei sogenannten Systemsprengern, die eine besonders intensive Betreuung brauchen, schon mal 500.000 bis 700.000 Euro im Jahr kosten. Das rechnete Torsten Feddeler von der Jugendhilfe EFES, einem der in der Region aktiven Träger, vor, als es im zuständigen Fachausschuss des Kreistages um die stetig steigenden Herausforderungen und Kosten ging. Solche Extremfälle sind Ausnahmen – doch bundesweit steigt nicht nur die Zahl der hilfsbedürftigen Kinder und Jugendlichen, deren Eltern an Grenzen stoßen, sondern auch die Komplexität der Einzelfälle. Das machte Jugendamtsleiter Björn Menkhaus deutlich. Der Kreis Hildesheim rechnet in diesem Jahr wie berichtet mit Ausgaben für Hilfe zur Erziehung in Höhe von rund 55 Millionen Euro – das ist bei einem Haushaltsvolumen von rund 700 Millionen Euro einer der dicksten Brocken überhaupt.

„Es gibt genug Geld im System, wir müssen es nur anders einsetzen“

Im Kreistag wurde schon öfter kritisiert, dass die Ausgaben kreisweit höher sind als im Bundes- und Landesdurchschnitt. Das Plenum beschloss im Dezember, das regionale System durch eine externe Prüfung unter die Lupe nehmen zu lassen. Nun stimmte der Jugendhilfeausschuss einem Antrag der Mehrheitsgruppe von SPD, Grünen, Die Partei, GUT für Sarstedt und Fabian Walla zu, einen zeitlich begrenzten Arbeitskreis zu dem Thema einzurichten. Der soll auch Möglichkeiten besserer Prävention ausloten. „Es gibt genug Geld im System“, sagte Amtsleiter Menkhaus, „wir müssen es nur anders einsetzen.“ Dringenden Handlungsbedarf bestätigte Caritas-Vorstand Jörg Piprek im Namen der Wohlfahrtsverbände und freien Träger: „Wir müssen jetzt schnell ins Arbeiten kommen.“

In einer Deutschlandkarte der TU Dortmund zur Zahl der Erziehungshilfe-Fälle sticht der Kreis Hildesheim mit einer Signalfarbe heraus: Er gehört unter allen Jugendamtsbezirken, die in der Regel deckungsgleich mit den 400 Land- und Stadtkreisen sind, zu den Regionen mit den höchsten Zahlen (Stand 2020). Nur sechs Bezirke weisen mehr als 700 Fälle je 10.000 Kinder und Jugendliche auf, 20 weitere mehr als 540 – darunter Hildesheim. Menkhaus meinte im Ausschuss allerdings, der Landkreis Hildesheim liege im guten Mittelfeld: „Wir haben hier bei dem Thema kein Steuerungsproblem.“

Mit 15 Jahren schon 25 Einrichtungen durchlaufen

Feddeler beschrieb einen Extremfall aus einem Nachbarlandkreis: An seinem 15. Geburtstag hatte ein Jugendlicher bereits 25 Wechsel verschiedener Betreuungsformen hinter sich. Keine Helferinnen und Helfer kamen mit ihm klar, er wurde von einer Einrichtung zur nächsten abgeschoben. Die Folge waren Gewaltausbrüche. Nun ist der Jugendliche, obwohl noch nicht volljährig, in einer eigenen Wohnung untergebracht, die rund um die Uhr von einem Sicherheitsdienst beaufsichtigt wird. Ein anderer Fall, der die Behörden jahrelang beschäftigte, endete vorerst in einer forensischen Psychiatrie.

Fachkräftemangel erschwert die Betreuung in vielen Fällen. Laut Feddeler ist es in den Zuständigkeitsbereichen anderer Jugendämter schon vorgekommen, dass die Behörden keine Bleibe für Kinder oder Jugendliche fanden, die in Obhut genommen werden mussten. „Die mussten dann in den Ämtern übernachten oder von Mitarbeitenden mit nach Hause genommen werden“, berichtet Feddeler.

Michael Krause, Geschäftsführer der Jugendhilfe Bockenem, eines anderen freien Trägers aus der Region, sieht durch Probleme wie Fachkräfte- und Wohnungsmangel schwere Zeiten auf die Jugendhilfe kommen: „Vielleicht ist bald sogar die Triage nötig, von der wegen der Corona-Pandemie oft die Rede war. Dann müssen wir womöglich entscheiden, wen wir zurücklassen, weil wir nicht allen helfen können.“

Gesetzliche Vorgaben schwer einzuhalten

Feddeler weist darauf hin, dass gesetzliche Vorgaben zum Teil immer schwerer einzuhalten sind, zum Beispiel das Arbeitszeitgesetz. Auch steuerlich gebe es Hürden: Wenn sich unterschiedliche Träger gegenseitig mit Personal aushelfen, werde das als Verleih von Mitarbeitenden gewertet. Dadurch werde Umsatzsteuer fällig. „Das ist völlig absurd“, meint Feddeler zu solchen Umständen.

Die CDU-Fraktion lehnte den Antrag der Mehrheitsgruppe im Ausschuss ab, weil er zu kurzfristig vorgelegt wurde und noch nicht intern beraten werden konnte. Fraktionschef Prior gab zu bedenken: „Wir müssen die exorbitant gestiegenen Kosten der Jugendhilfe auch in Relation zu anderen Aufgabenfeldern sehen, zum Beispiel zur Pflege.“

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