Mehr Fälle, höhere Kosten

Wenn Erziehung an Grenzen stößt: Im Kreis Hildesheim kostet Hilfe in solchen Fällen dieses Jahr 55 Millionen Euro

Kreis Hildesheim - Immer mehr Kinder und Jugendliche brauchen intensive individuelle Betreuung, wenn ihre Eltern überfordert sind. Die Kosten für die staatliche Hilfe laufen davon – und im Kreis Hildesheim sind sie überdurchschnittlich hoch.

Im Kreis Hildesheim sind die Kosten für staatliche Hilfe für sogenannte „Systemsprenger“ überdurchschnittlich hoch. Foto: Ole Spata/dpa

Kreis Hildesheim - „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“, heiß es, ein wenig gestelzt, in Artikel 6 des Grundgesetzes. Dann folgt ein wichtiger Nachtrag: „Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ Die muss bundesweit und auch im Landkreis Hildesheim immer öfter einspringen, wenn Eltern dazu nicht mehr in der Lage sind. Im Kreis-Haushalt für das laufende Jahr sind rund 55 Millionen Euro für „Hilfen zur Erziehung“ angesetzt. Der Gesamtaufwand liegt sogar voraussichtlich bei rund 62 Millionen, die Differenz ist durch unterschiedliche Gegenfinanzierungen gedeckt. Zum Vergleich: Der gesamte Kreishaushalt hat für alle Aufgaben ein Volumen von rund 700 Millionen Euro, die Hilfen zur Erziehung sind einer der größten Brocken.

Viele sind „nicht gruppenfähig“

Die Kosten steigen von Jahr zu Jahr. Zum einen wird ohnehin fast alles teurer, außerdem werden dieses Jahr erneut mehr Fälle erwartet. Und: Das zuständige Dezernat spricht in den Erläuterungen des Haushaltsplans von einer „steigenden Komplexität der Einzelfälle“. Das heißt: Immer mehr Einzelne brauchen eine immer intensivere individuelle Betreuung, weil sie „nicht gruppenfähig“ sind, wie die Kreisverwaltung erläutert.

Systemsprenger werden solche Fälle genannt, an denen alle Hilfen des Sozialsystems scheitern – oder sie an den Hilfen, je nach Perspektive. Bekannt geworden ist der Begriff im Jahr 2019 durch ein gleichnamiges Filmdrama über ein neunjähriges traumatisiertes Mädchen. Dass die Darstellung des Filmes nicht übertrieben ist, machte zum Beispiel der Geschäftsführer von Efes, einem der freien Träger der Eltern- und Jugendhilfe, im Ortsrat von Drispenstedt deutlich, wo die gemeinnützige Gesellschaft eine Wohngruppe betreibt: „Es gibt Situationen, in denen wir zehn Menschen brauchen, die sich um ein Kind oder einen Jugendlichen kümmern“, sagte er dort.



70.000 Euro für externe Analyse

Das sind Extremfälle. Oft hilft nur die Unterbringung in einer Pflegefamilie, in einer Wohngruppe oder in einem Heim. Im Jahr 2022 (der Jahresbericht für 2023 ist noch nicht veröffentlicht) gab es im Kreis Hildesheim 871 stationäre Betreuungen. Eine kostete im Durchschnitt 37.904 Euro – fünf Jahre vorher waren es noch 30.006 Euro. Die Kosten laufen davon. Nun soll jemand das immer öfter gesprengte System von außen begutachten. Denn: Die Ausgaben für die Hilfen zur Erziehung sind im Kreis Hildesheim höher als im Landes- und Bundesdurchschnitt. Woran das liegt? Das soll die externe Analyse klären, für die der Kreistag 70.000 Euro bewilligt hat.

Die Gesamtzahl der Fälle belief sich im Jahr 2022 laut jüngstem Jahresbericht auf 2819 Kinder und Jugendliche. Der größte Teil von ihnen wurde ambulant betreut, blieb also in der Herkunftsfamilie und wurde dort nicht herausgenommen. Das ist auch das grundsätzliche Ziel: „Erziehungsfähigkeit zu stärken und zu fördern.“ Meist kann eine teil- oder vollstationäre Unterbringung vermieden werden. Und manchmal stößt auch die an Grenzen – wie bei einem Jugendlichen aus dem Kreis Hildesheim, den das Jugendamt 2018 für anderthalb Jahre zu einem intensiv betreuten Auslandsprojekt auf einen einsamen Hof in Ungarn schickte.

Nicht selten werden solche Systemsprenger von Einrichtung zu Einrichtung geschickt, weil jede mit der Betreuung überfordert ist. Die Jugendhilfe Bockenem, ein anderer in der Region aktiver Träger, hat für solche Härtefälle eigens ein pädagogisches Konzept ausgearbeitet. Die Bemühungen sind kreisweit groß und verteilen sich auf viele Schultern – stoßen aber immer öfter an Grenzen. An die sind vorher die Eltern gekommen.

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