Härtefall

Tom, ein Systemsprenger aus dem Landkreis Hildesheim – wie geht es ihm heute?

Kreis Hildesheim - Seine Wutausbrüche ließen sich durch nichts stoppen – bis sich der damals Jugendliche in einer pädagogischen Auslandsmaßnahme des Hildesheimer Jugendamtes doch veränderte. Eine Erfolgsgeschichte ist es trotzdem nicht.

Tom gilt als Systemsprenger – jemand, an dem alle pädagogischen Angebote und Maßnahmen scheiterten. Die HAZ besuchte ihn im Jahr 2020 – so geht es ihm heute. Foto: Chris Gossmann (Archiv)

Kreis Hildesheim - An Einzelheiten kann er sich nicht erinnern. Wenn Tom (Name geändert) heute über den Grund seines besonderen Aufenthaltsortes spricht, dann nennt er nur ein Stichwort: Amoklauf. Gemeint ist eine forensische Psychiatrie in Niedersachsen – sie ist inzwischen sein Zuhause. Vergittert und verschlossen.

Dorthin kommen Menschen, die wegen einer psychischen Störung eine Straftat begangen haben und für die Allgemeinheit als gefährlich gelten. „Schuldunfähig“ – so befand das Landgericht Hildesheim im Jahr 2021 nach dem Prozess um den Amoklauf. Seitdem befindet sich der 21-Jährige im sogenannten Maßregelvollzug. Die HAZ hatte ihn 2020 für eine Reportage begleitet. Wie geht es ihm heute? Was haben die Hilfen zur Erziehung bei ihm bewirkt?

Pädagogischer Härtefall

Tom aus dem Landkreis Hildesheim ist das, was man einen pädagogischen Härtefall nennt. Von frühester Kindheit fällt er auf: aggressiv, unkontrollierbar und – je älter er wird – auch zunehmend gewalttätiger. Medizinische Diagnosen hat er viele: So leidet er an einer Impulskontrollstörung, ADHS, dissoziativer Persönlichkeitsstörung, Autoaggressivität sowie einer bipolaren Störung. Schon vor seinem 14. Lebensjahr gilt er zu 60 Prozent als schwerbehindert. Er braucht ärztliche Behandlung, Therapien und Medikamente. Doch nichts scheint seine Wut stoppen zu können. Selbst seine alleinerziehende Mutter hält ihn für gefährlich, kann und will es nicht verantworten, dass Tom bei ihr lebt.



Noch bevor er eingeschult wird, beginnt sein Weg durch Heime, Psychiatrien, Betreuungseinrichtungen und Wohngruppen. Traurige Bilanz: eine Folge sich steigernder Konfliktsituationen. Als Tom 16 Jahre alt ist, scheint bereits jede pädagogische Maßnahme an ihm gescheitert zu sein. Seine Wut – unberechenbar. Seine damit verbundenen Gewaltattacken auch. Tom ist so etwas wie ein Systemsprenger. Jemand, für den es weder Platz noch pädagogische Angebote mehr gibt.

Kosten pro Tag von bis zu 270 Euro

„Was erstmals wirklich bei ihm geholfen hat, das ist damals der Auslandaufenthalt in Ungarn gewesen“, sagt Toms Mutter heute. Solch eine intensivpädagogische Maßnahme wie im Jahr 2018 gewährt das Jugendamt Hildesheim nur sehr selten. Die Kosten pro Tag betragen zwischen 190 Euro bis 270 Euro. Ziel ist ein krasser Milieuwechsel, das Unterbrechen von Routinen und auch so etwas wie die Krise als Chance. Fälle wie Tom sollen ihr Leben in den Griff bekommen – ohne Ausraster.

Was zunächst keiner glauben wollte, Tom verändert sich positiv. Seine Mutter staunt bei einem Ungarnbesuch, was für ein ruhiger, fast entspannter Sohn ihr da begegnet. Und das alles ohne Tabletten. Sie wollte den Aufenthalt verlängern, das hiesige Jugendamt nicht. Zum Beginn der Volljährigkeit wird Tom nach Deutschland zurückbeordert. „Diese abrupte Entscheidung hat meinen Sohn vollends kaputtgemacht“, resümiert die 52-Jährige heute verbunden mit Vorwürfen an das Hildesheimer Jugendamt.

„Fatale Geldmaschine auf dem Rücken der Jugendlichen“

Das vermittelt Tom im Sommer 2019 eine kleine Wohnung im Kreis Nienburg. Diese gehört zu einem pädagogischen Angebot, dessen Betrieb das Landesamt für Soziales und Jugend inzwischen verboten hat – wegen Täuschung, fehlender Zulassung und Betrugs. Die Mutter spricht heute von einer „fatalen Geldmaschine auf dem Rücken der Jugendlichen“. Denn die versprochene personenzentrierte Förderung und engmaschige Betreuung gibt es überhaupt nicht. Tom und sein Mitbewohner sind mehr oder weniger sich selbst überlassen. Die neue, schrankenlose Freiheit mündet in Drogen, Alkohol und Straftaten. Und eben in jenem Amoklauf, bei dem der stämmige, mittags schon angetrunkene Tom in Wunsdorf dann völlig die Kontrolle verliert, auf offener Straße um sich schlägt und wütet wie noch nie zuvor.

„Wie lange er in der Forensik bleiben muss, weiß keiner“, antwortet seine Mutter und klingt traurig. Sie rechnet noch mit mehreren Jahren. Täglich telefoniert sie mit ihrem Sohn. Dann erzählt er von seiner Arbeitstherapie, AT wie er es nennt. Viel Neues gibt es ja nicht. Und doch ein wenig. „Die Wutausbrüche werden schon seltener“, so sagt die Mutter. Aber von einem erhofften normalen, selbstbestimmten Leben sei ihr Sohn jedoch noch weit entfernt. Sehr weit sogar.

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