Hildesheim - Zweieinhalb Monate nach dem großem Anti-Terror-Einsatz gegen einer Gruppierung aus der Reichsbürger-Szene sitzen 25 Tatverdächtige weiterhin in Untersuchungshaft. Sie sollen Mitglieder und Unterstützer einer terroristischen Vereinigung gewesen sein, die einen Systemumsturz zum Ziel hatte. Dafür sollen sie auch bereit gewesen sein, Gewalt einzusetzen. Einer von ihnen: Der in Alfeld lebende, frühere Kommissar der Polizeidirektion Hannover, Michael Fritsch. Der 59-Jährige, der in der JVA Sehnde in U-Haft sitzt, will gegenüber den Behörden offenbar umfassend aussagen – das kündigt jedenfalls Fritschs Pflichtverteidiger, der Hildesheimer Rechtsanwalt Michael Heynert jetzt im Gespräch mit der HAZ an.
Verteidiger hofft auf Strafmilderung
Nach Angaben des Juristen stünden Mitte März Vernehmungen seines Mandanten durch Ermittler des Bundeskriminalamts und der Generalsstaatsanwaltschaft an, dabei werde Fritsch sich zu den Vorwürfen gegen ihn äußern. Es gebe eine „volle Kooperationsbereitschaft“, sagt Heynert – er verspricht sich davon in einem möglichen Prozess eine Strafmilderung für den Beschuldigten. Nach dem Gespräch mit Heynert ist klar, auf welche Argumentation es im Kern hinaus läuft: Fritsch habe zwar sehr wohl daran geglaubt, dass es zu einem nahe liegenden Zeitpunkt einen Sturz der Regierung geben werde – Wissen über die aktive Vorbereitung eines Umsturzes innerhalb der Gruppe, mit der er in Kontakt gewesen sei, habe er aber nicht gehabt. Er will viel mehr bereit gestanden haben, nach einem erwarteten „Systemkollaps“ in Deutschland Führungsaufgaben einer neuen Polizei zu übernehmen. Martin Heynert will nach der Vernehmung seines Mandanten durch die Ermittler eine Haftprüfung beantragen. Das Ziel: Fritsch solle aus der U-Haft entlassen werden.
Die Ermittler des Bundeskriminalamts und der Generalstaatsanwaltschaft zählen Fritsch zum militärischen Arm des mutmaßlichen Reichsbürger-Netzwerks. Er ist nicht der einzige der Festgenommenen, die aus dem Kreis der Sicherheitsbehörden oder des Militärs kommen. Erst am vergangenen Donnerstag war auch der letzte Hauptbeschuldigte in Untersuchungshaft gekommen. Polizeibeamte hatten den früheren Kommandosoldaten Maximilian E. am 7. Dezember in einem Hotel nahe Perugia festgenommen. Der ehemalige Oberst des Kommando Spezialkräfte (KSK) hatte sich gegen seine Auslieferung juristisch zur Wehr zu setzen versucht und vor dem höchsten Gericht Italiens in Rom argumentiert, er fürchte in Deutschland „politische Verfolgung“. Einer weiterer der Reichsbürger soll noch 2022 in Calw bei der Eliteeinheit der Bundeswehr als Logistiker beschäftigt gewesen sein.
Auftritt bei Demos der Querdenker-Szene
Michael Fritsch, der mehrere Jahrzehnte als Polizist gearbeitet hatte, war in der Öffentlichkeit erstmals während der Pandemie aufgefallen. Er gerierte sich bei „Querdenker“-Demos stets als „Schutzmann mit Herz und Hirn“, der das Volk und die Freiheit vor einer vermeintlich außer Kontrolle geratenen Regierung bewahren wolle. Die Polizeidirektion Hannover entfernte den Alfelder wegen seiner offenkundigen Radikalisierung aus dem Dienst, das Verwaltungsgericht Hannover bestätigte die Entscheidung in erster Instanz. Der niedersächsische Landesverband der Partei dieBasis setzte 2021 auf Michael Fritsch als Zugpferd, der wegen der Konfrontation mit seinem Arbeitgeber in der „Querdenker“-Szene als eine Art Märtyrer wahrgenommen wurde.
Offenkundig knüpfte er weitere Kontakte in noch weitaus radikalere Kreise. Aus dem Herbst 2022 datiert ein Papier, das Fritsch verfasst haben soll und das die HAZ in Teilen einsehen konnte. Der Ex-Polizist beschreibt darin eine Konzeptidee für den Aufbau von „Heimat-Schutz-Kompanien (HSK)“, die nach einem erwarteten Sturz der Bundesregierung einem neuen „Militärstab“ unterstellt werden sollten. Die „Kompanien“ sollten laut der kruden Ideensammlung „dem Militär unterstellt“ werden, und ihnen komme „nach dem kompletten Zusammenbruch sämtlicher bisheriger Strukturen eine wesentliche Bedeutung für die Entwicklung und Bewahrung des neuen Gesellschafts-, Wirtschafts- und Wertesystems zu“. Wer oder was einen Umsturz herbeiführen sollte, bleibt vage, in dem Papier ist von „die Allianzen“ die Rede.
Umsturzfantasien hatte Fritsch schon deutlich vor seiner Festnahme am 7. Dezember 2022 gehabt. Im April 2021 hatte er in der Telegram-Gruppe „Soldaten & Reservisten“ eine Sprachnachricht veröffentlicht, in der er konkret über die Rolle von Polizisten und Militär in Bezug auf einen möglichen Umsturz zu sprechen kam. Viele Polizisten würden „aus Angst und Bequemlichkeit nicht die Initiative ergreifen“ erklärte Fritsch, aber „wenn der Tag kommt, glaube ich, dass der überwiegende Teil sich auf die Seite der Bevölkerung stellt. Sie haben einfach nur Angst, sie sind es nicht gewohnt zu kämpfen. (…) Diese Kollegen haben zu einem weiten Teil noch nicht verinnerlicht, dass wir uns hier in einem Krieg befinden.“
Umsturzfantasien schon 2021 geteilt
Gegenüber der HAZ hatte Fritsch im Juni 2021 bestätigt, dass die Sprachnachricht vom ihm stamme. Die Redaktion hatte ihn damals wegen seiner Bundestagskandidatur für dieBasis befragt.
In der auf Telegram geteilten Sprachnachricht hatte der Mann aus Alfeld noch gesagt: „Wir müssen uns auch sicher sein, wenn quasi die Regierung abgesetzt wird, dass die militärische Einheit dann vorübergehend die Kontrolle übernimmt und mit der Polizei zusammen für Frieden auf den Straßen sorgt, damit wir das neue System etablieren können. In Bildern gesprochen: Das alte marode und morsche Gebäude abreißen, auskoffern und dann ein neues Fundament gießen, damit wir was Neues aufbauen können. Das ist das, was ich als Ziel persönlich sehe.“
Von Jan Fuhrhop und Joscha Röhrkasse


