Kreis Hildesheim - Es gibt Einsätze, die Feuerwehrleute im Nachhinein seelisch sehr belasten. Etwa nach dem schweren Unfall auf der B1 bei Schellerten, bei dem Anfang Dezember zwei junge Männer ums Leben kamen oder bei dem Unfall in Nordstemmen, in dessen Folge eine junge Frau starb. „Wenn man die Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommt, ist höchste Alarmstufe gegeben“, sagt Schellertens Gemeindebrandmeister Peter Notka. Die Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr Schellerten, die vor Ort waren, bekamen die Bilder von der Unfallstelle nicht mehr aus dem Kopf. Sie benötigten Hilfe, um das Erlebte verarbeiten zu können. Doch in Hildesheim gibt es für solche Fälle keine Unterstützung.
„Wir haben uns Hilfe aus Hannover geholt“, berichtet Gemeindebrandmeister Notka. Im Landkreis Hildesheim gebe es keine Institution, die derartige Hilfsangebote vorhält. Er habe telefoniert und telefoniert, aber ins Leere gegriffen. Das ärgert ihn sehr.
Seelsorger für den Notfall
Die Notfallseelsorge, die im Kreis Hildesheim ökumenisch organisiert ist, ist an erster Stelle für die Angehörigen der Unfallopfer da. Die 25 hauptamtlichen Pastoren und neun Ehrenamtlichen teilen sich den Notdienst. Sie sind für die Leitstelle der Feuerwehr Tag und Nacht erreichbar. Wie Diakon Jürgen Lojowsky, Leiter der Notfallseelsorge, berichtet, wurde die Unterstützung der Seelsorger im vergangenen Jahr 33 Mal im in Anspruch genommen. „Jetzt sind wir schon bei 40 Einsätzen und das Jahr ist noch nicht zu Ende“, sagt er.
Gespräch nach dem Einsatz
Nach den Hilfeleistungen setzen sich die Feuerwehrleute in der Regel zusammen und besprechen den Einsatz nach. Dann ist es am Einsatzleiter zu erkennen, ob professionelle Hilfe benötigt wird. René Marienfeldt (48) war viele Jahre lang Gemeindebrandmeister, leitete zahlreiche Einsätze. Nun ist er Bürgermeister der Gemeinde Söhlde, politischer Sprecher der Feuerwehren und Feuerwehrmann. Als Atemschutzgeräteträger musste er einmal in ein Brandhaus, in dem er ein Todesopfer fand. Danach nahmen er und seine Kameraden Hilfe in Anspruch. „Ich finde es hilft, wenn man darüber spricht“, sagt er. Bei schweren Unfällen und Unglücken würden die Einsatzleiter drauf achten, dass erfahrene Kräfte an vorderster Stelle sind. Aber auch die können hinterher mit dem Erlebten Probleme bekommen. Oft sind Seelsorger vor Ort, die dann auch mit den Einsatzkräften sprechen. Doch das reiche mitunter nicht aus, die Seelsorger könnten nicht den Bedarf der Wehren abdecken. „Es wäre schon toll, wenn es im Notfall auch Hilfe für die Retter gäbe“, sagt Marienfeldt.
130000 ehrenamtliche Feuerwehrleute
Allein in Niedersachsen gibt es 130000 ehrenamtliche Feuerwehrleute. Sie sind zur Stelle, wenn ihre Hilfe am Tag oder mitten in der Nacht benötigt wird. Nach schweren Unfällen mit Todesopfern etwa, sind es mitunter sie selbst, die Unterstützung benötigen. Das sieht auch Heiko Pfänder, Brandoberrat und Chef der Berufsfeuerwehr Hildesheim so. In vielen Städten gibt es für solche Fälle Kriseninterventionsteams. In Hildesheim aber nicht. „Ich würde mir wünschen, dass wir ortsnah auch so eine Gruppe hätten“, sagt Pfänder. Aktuell bemühe man sich, eine psychosoziale Notfallbetreuung im Kreis aufzubauen. Das bestätigt auch Kreisbrandmeister Josef Franke. „Wir müssen da eigenständig werden“, betont Franke.
Psychologische Hilfe
Hilfe bietet die Feuerwehrunfallkasse (FUK) als Vermittler an, wie Thomas Wittschurky, FUK-Geschäftsführer, erklärt. „Wir haben ein Netz von Fachleuten, die schnell helfen können“, sagt er. Jede Einsatzkraft, die mit einer psychisch belastenden Situation konfrontiert ist, kann diese Unterstützung in Anspruch nehmen. Fünf Sitzungen bei Fachleuten seien ohne Prüfung der Kausalität möglich. Die seelischen Belastungen, so Wittschurky, seien genauso wie körperliche Erkrankungen einzuordnen.
Peter Notka nahm in seiner Not Kontakt mit der Psychosozialen Notfallversorgung der Johanniter in Hannover auf. „Die kamen zu viert zu uns und setzten sich so hin, dass sie jeden der 30 Feuerwehrleute im Blick hatten“, berichtet Notka. Sicher, eine kleinere Gruppe wäre besser gewesen. „Aber es tat gut. Und niemand hat hinterm Berge gehalten“, erklärt der Schellerter. Notka sei nicht gewillt, diesen Zustand der fehlenden Unterstützung zu akzeptieren. „Da muss unbedingt eine Struktur her.“

