Hildesheim - Sportlich hätte es besser laufen können. Die Oberliga-Fußballer des VfV Borussia Hildesheim waren im DFB-Pokalspiel gegen Zweitligist SV Elversberg letztlich chancenlos. Nach mutigem Beginn verloren sie am Ende sehr deutlich mit 0:7.
Trotzdem war es ein Fußballfest. 5128 Zuschauer waren ins Friedrich-Ebert-Stadion gekommen, um den ersten DFB-Pokalauftritt einer Hildesheimer Mannschaft nach 47 Jahren mitzuerleben. Es herrschte eine fröhliche Stimmung im Stadion – auch wenn bereits zur Halbzeit klar war, dass es nichts werden würde mit der erhofften Pokalsensation. Da stand es schon 3:0 für den hohen Favoriten aus dem Saarland.
Bitte gern öfter
Nach der ersten Enttäuschung überwog bei vielen Beteiligten die Freude über die große Kulisse im Stadion. 5128 Zuschauer – das ist Rekord in der jüngeren Vereinsgeschichte. Und so wurden schnell die Stimmen zahlreicher Besucher laut, die ein solches Fußballevent gern öfter erleben würden in Hildesheim.
Im Stadionheft hatte sich vorab VfV 06-Präsident Michael Salge mit mit einem Appell zu Wort gemeldet: „Lassen Sie uns alle zusammenrücken und gemeinsam daran arbeiten, dass sich Fußballfeste wie heute öfter feiern lassen.“
Wir können in Hildesheim sehr viel auf die Beine stellen, wenn alle an einem Strang ziehen
Der Hildesheimer NFV-Präsident Ralph-Uwe Schaffert sprach hinterher von „einer Werbung für den Hildesheimer Fußball“ und äußerte wie Salge die Hoffnung auf eine baldige Wiederholung. Mustafa Sancar, Geschäftsführer der EVI-Stadtwerke (größter Sponsor des VfV 06) meinte: „Wir können in Hildesheim sehr viel auf die Beine stellen, wenn alle an einem Strang ziehen.“ Das DFB-Pokalspiel sei dafür der beste Beweis. Salge ergänzte: „Sicherlich hat Fußball-Hildesheim jetzt Appetit auf mehr bekommen.“
Ist das wirklich so? Sind die Hoffnungen berechtigt, dass Fußball-Hildesheim nach diesem Event aus dem Dornröschenschlaf erwacht? Und dass die Zuschauer nun weiterhin zahlreich ins Stadion strömen werden?
Immer mal wieder Ausreißer nach oben
Der Blick in die Vergangenheit lässt daran zweifeln. Sicher, Ausreißer nach oben gab es immer mal wieder – zum Beispiel am 6. Mai 2015, als 4000 Fans gegen Schilksee (3:2) den Aufstieg in die Regionalliga feierten. Ein paar Wochen später bejubelten 3000 Besucher zum Saisonauftakt einen 4:1-Erfolg gegen St. Pauli II. Gut war die Stimmung auch am 15. September 2021. Immerhin 1700 Zuschauer sahen, wie die Borussen den damaligen Drittligisten Eintracht Braunschweig im NFV-Pokal-Viertelfinale im Elfmeterschießen besiegten. Und dann war da natürlich der 2:0-Finalsieg am 25. Mai dieses Jahres gegen Atlas Delmenhorst, als 3750 Zuschauer den Einzug in den DFB-Pokal feierten.
Doch nach diesen rauschenden Fußballpartys folgte immer wieder die schnelle Ernüchterung, versammelten sich bei den Ligaspielen selten mehr als 500 treue Fans im Friedrich-Ebert-Stadion. Immerhin ein Hauch von Aufbruchstimmung war nach dem Aufstieg 2015 zu spüren. Drei Jahre hielt sich der VfV 06 in der 4. Liga – nicht selten kamen in dieser Zeit mehr als 1000 Fans ins Stadion. Man bekam zumindest eine Ahnung davon, dass da vielleicht langfristig etwas möglich sein könnte.
Lassen Sie uns alle zusammenrücken und gemeinsam daran arbeiten, dass sich Fußballfeste wie heute öfter feiern lassen
Doch spätestens nach dem Abstieg 2023 war das Ziel, sich in der Regionalliga zu etablieren, dahin. Der Etat schrumpfte, einige Leistungsträger wie Torjäger Moritz Göttel verließen den Verein. Die Sponsoren senkten ihre Zuwendungen – und auf den Rängen tummelten sich nur noch zwischen 300 und 500 Anhänger.
Realistisch betrachtet spricht nicht allzu viel dafür, dass sich daran viel ändern wird. Denn es fehlt nach wie vor an so vielem. Die Mannschaft schaffte in der vergangenen Saison mit dem NFV-Pokalsieg zwar einen historischen Erfolg, doch in der Oberliga lief es sehr durchwachsen. Zwar schnupperte das Team zwischenzeitlich an Relegationsplatz zwei, doch unter dem Strich fehlte die Konstanz, gab es zu viele bittere Niederlagen gegen vermeintlich schwächere Gegner. Am Ende wurde man Fünfter.
Der Sport lebt von Visionen und Emotionen
Platz fünf in der 5. Liga lockt kaum jemandem hinter dem Ofen hervor – und ist auch kein tolles Argument bei der Werbung um Sponsoren. Im Sport ist es so, dass man in Vorleistung gehen muss, um interessant zu sein. Um Türen zu öffnen, braucht man zudem ein attraktives Vereinsmarketing.
Nichts gegen die Leute beim VfV 06, die sich ehrenamtlich engagieren und viel Arbeit und Zeit investieren. Das ist sehr wertvoll, aber um voranzukommen, braucht man junge, engagierte und digital fitte Menschen mit frischen Ideen, die potenziellen Unterstützern ein schlüssiges Konzept vorstellen und eine Vision verkaufen. Denn der Sport lebt von Zielen, Träumen und Emotionen. Und die müssen selbstbewusst formuliert werden und umgesetzt. „Hildesheim – Hand in Hand in die 3. Liga“. So könnte der Arbeitstitel für einen Slogan lauten, hinter dem sich der Verein, die Wirtschaft sowie Stadt und Fans versammeln könnten. Der aktuelle Slogan lautet: „Liebe kennt keine Liga“. Doch der holt nur jene treuen Anhänger vom Sofa, die sowieso immer da sind.
Wo liegt Hildesheim? Irgendwo südlich von Hannover
Vor dem Pokalspiel gegen Elversberg erklärte ARD-Sportschau-Moderatorin Esther Sedlaczek den TV-Zuschauern erstmal, wo Hildesheim liegt: „Irgendwo südlich von Hannover.“ Hätte die Stadt einen Fußball-Drittligisten, dann wären solche geografischen Schulungen wohl überflüssig. Hildesheim wäre kein weißer Fleck mehr auf der Fußball-Landkarte. Ein Drittligist wäre Werbung für die Stadt. Aber was tut die Kommune, um den leistungsorientierten Fußball voranzubringen? Viel zu wenig!
Immer noch kein Flutlicht – ein Armutszeugnis
60.000 Euro Zuschuss für einen Kunstrasenplatz, der sich für Fußball nur bedingt eignet und ein paar warme Worte des Oberbürgermeisters, wenn sich der VfV 06 für den DFB-Pokal qualifiziert hat – das reicht bei weitem nicht aus, um Deutschlands Sportart Nummer eins in dieser Stadt nachhaltig zu fördern.
Seit sehr vielen Jahren wird über den Bau einer Flutlichtanlage im Friedrich-Ebert-Stadion geredet. Dass dies immer noch nicht geschafft wurde, ist – man muss es so deutlich sagen – schlicht ein Armutszeugnis.
Eigentlich müsste das Stadion von Grund auf modernisiert werden. Doch wie soll das gehen, wenn man es noch nicht einmal schafft, Flutlichtmasten zu bauen? VfV 06-Präsident Salge hat ja recht: Man müsste zusammenrücken und gemeinsam daran arbeiten. Um etwas zu bewegen, bräuchte Hildesheim eine Task Force mit Vertretern aus Vereinen, Stadt und Wirtschaft, gern auch Sportwissenschaftler und Studenten. Eine Task Force, in der es auch um Geld, aber vor allem um ein Konzept, eine Idee sowie eine Vision und deren Umsetzung gehen muss. Man müsste größer denken und handeln, aber davon ist man augenscheinlich sehr weit entfernt.
Was ist Hildesheim der Fußball wert?
In vielen anderen, teils sehr viel kleineren Städten, heben erfolgreiche Fußballvereine das Selbstwertgefühl einer ganzen Region auf ein höheres Niveau. Was ist Hildesheim der Fußball wert? Diese Frage können nur die Menschen in dieser Stadt beantworten. Auch wenn das DFB-Pokalspiel ein Erlebnis war, lautet die (vorläufige) Antwort: nicht viel.



