Landesamt für Denkmalpflege

Umgang mit der Brücke unter der Dammstraße: Das rät ein Experte der Stadt Hildesheim

- Für Archäologen ist die Dammstraßen-Brücke eine Sensation, Politiker wollen sie erhalten, Bürger ärgern sich über Umwege. Wie soll es weiter gehen? Das meint ein Experte vom Landesamt für Denkmalpflege.

Die 850 Jahre alte Brücke unter der Dammstraße in Hildesheim ist etwa 40 Meter lang, derzeit ist knapp die Hälfte freigelegt. Foto: Chris Gossmann

Für Archäologen ist die Dammstraßen-Brücke eine Sensation, Politiker wollen sie erhalten, Bürgern ärgern sich über Umwege. Wie soll es weiter gehen? Das meint Experte Markus Blaich vom Landesamt für Denkmalpflege.

Hallo Herr Dr. Blaich, wie bedeutend ist die Entdeckung der mittelalterlichen Brücke in der Dammstraße auf einer Skala von 1 bis 10?

Für mich ist es eine 12.

Eine 12, so bedeutend. Warum, was macht die Dammstraßen-Brücke so besonders?

Weil nach allem, was wir bisher wissen – wir sehen ja derzeit nur einen vorläufigen Bearbeitungsstand – die Brücke in ihrer Länge, der Steinbaukonstruktion und in ihrem Alter bemerkenswert ist. Wir haben in Norddeutschland nichts Vergleichbares. Bautechnisch betrachtet, finden wir solche mittelalterlichen Brücken in Frankreich. Römische Brücken gibt es in Regensburg, in Trier – und das schlägt im wahrsten Sinne des Wortes auch die Brücke nach Hildesheim. Ihre Konstrukteure müssen derartige Bauwerke gekannt haben oder von Experten, die mit dieser Technik vertraut waren, beraten worden sein. Die Brücke in der Dammstraße ist in ihrer technischen Ausführung ein absolut herausragendes Denkmal.

Das klingt ganz so, also ob sie die Brücke selbst vor Ort gesehen haben. Haben Sie?

Ich habe sie mir bereits dreimal angeschaut. Der Stadtarchäologe Herr Salzmann hat mich um eine Einschätzung gebeten – auch, um Hinweise zu geben, worauf die Archäologen bei der Dokumentation eventuell noch achten sollten.

Die Stadtbaurätin hatte erklärt, sie wolle auch auswärtige Experten einbeziehen. Sind Ihre Besuche ein Ergebnis dieser Ankündigung?

Herr Salzmann hatte mich auf der kollegialen Ebene um eine Einschätzung gebeten, wir kennen uns aus einem Gremium. Es ist zu überlegen, noch andere Fachleute hinzuziehen, die besondere Expertise in der 3-D-Vermessung und in der Untersuchung auf Bearbeitungsspuren an den Steinen haben, um so die Qualität der Ausführung zu ermitteln. Das ist bisher nicht geschehen. Ich habe den Eindruck, dass zahlreiche der Steine zuvor bereits für andere Zwecke verwendet worden waren, vielleicht aus dem Abbruch eines älteren Gebäudes stammen.

Aber ist das Landesamt nun von der Stadt offiziell beratend hinzugezogen worden, unabhängig von Ihrem persönlichen Kontakt zu Herrn Salzmann?

Das ist bisher nicht passiert.

Was wäre aus Ihrer Expertensicht der angemessene Umgang mit der Brücke?

Die archäologische Dokumentation verläuft sehr gut, die Mitarbeiter der Grabungsfirma gehen sorgfältig und präzise vor. Ich würde mir ein 3-D-Aufmaß, wenn nicht gar einen hochauflösenden Scan der Brücke wünschen – die Stadt müsste das als Bauherrin beauftragen, wenn sie das möchte. Ich würde mir auch wünschen, dass man sich die Geologie der Steine anschaut – wir sind vergleichsweise gut darüber informiert, aus welchen Steinbrüchen das Baumaterial stammt, das im Mittelalter nach Hildesheim geschafft worden ist. Man könnte bestenfalls feststellen, woher die Steine kommen. Bedenkt man den hohen Wert des Denkmals, dann sind derartige wissenschaftliche Analysen mittlerweile Standard.

Es stand anfangs als Variante im Raum, die Hohlräume einfach mit Beton zu verfüllen. Was halten Sie von der Idee?

Es gibt dabei ein Problem: Die meisten modernen Baustoffe vertragen sich in ihrer chemischen Zusammensetzung nicht mit den mittelalterlichen Kalkmörteln. Das führt zu einer Abstoß-, einer Sprengreaktion. Man würde damit den eigentlichen Anlass für die Arbeiten an der Brücke – deren Baufälligkeit – noch erhöhen. Bei dieser Frage könnte das Landesamt beratend tätig sein.

Aus all dem schließe ich, dass Sie es schon gut fänden, wenn die Stadt das Landesamt hinzuziehen würde?

Wenn man dem Rang der Brücke gerecht werden will, dann sollte man sich dringend Rat von außen holen. Das Landesamt wäre einer der möglichen Partner, es hat den gesetzlichen Auftrag einer beratenden Fachbehörde.

Die Stadt hat mehrfach darauf hingewiesen, dass der Erhalt und die spätere Ausstellung der Brücke viel Geld kosten dürften. Glauben Sie, dass es angesichts der Bedeutung der Brücke gelingen könnte, Fördermittel einzuwerben? Und wenn ja, bei wem?

Dass die Arbeiten schon laufen, macht es – rein juristisch – vielleicht schwierig, Fördermittel einzuwerben. Ich halte das aber grundsätzlich für möglich, kann aber auf die Schnelle keine Stiftung oder andere mögliche Geldgeber dafür empfehlen. Dafür ist Recherche nötig.

Aus Teilen der Bevölkerung ist immer wieder zu hören, das Bauwerk interessiere doch nur ein paar Wissenschaftler und je länger sich die Stadt damit befasse, desto länger sei der Verkehr blockiert. Wie beurteilen Sie solche Argumente?

Erst einmal nüchtern gefragt: Was ist denn die Alternative? Allein wegen der Verkehrssicherheit der Dammstraße und deren verkehrlicher Bedeutung muss die Stadt die Brücke instand setzen. Letztlich diskutieren wir dann doch darüber, was ist der Stadt – also der Verwaltung, den Politikern und der Bevölkerung – die Identität Hildesheims wert. Diese Abwägung kann das Landesamt nicht beeinflussen, wir haben keine Weisungsbefugnis. Diese Abwägung muss vor Ort geschehen.

Hätten Sie eine Empfehlung an die Stadt?

Durch meine Tätigkeit als Fachreferent bin ich gehalten, ganz Niedersachsen zu betrachten. Ich würde über den kulturhistorischen Wert des Bauwerks in einer Stadt mit zwei Welterbestätten nachdenken.

Die Brücke ist 40 Meter lang, sie hat zehn Bögen. Bislang ist nur die Hälfe davon freigelegt, 20 Meter sind noch in der Erde verborgen. Wann ist Ihrer Ansicht nach der richtige Zeitpunkt, um über das weitere Vorgehen in der Politik zu sprechen?

Jetzt. Wir wissen, welchen hohen Rang die Brücke genießt. Wenn nun die Diskussion und die weiteren Untersuchungen parallel zu den Ausgrabungen der übrigen Brückenabschnitte beginnen, wird keine Zeit verloren, die dann in der Umsetzungsphase fehlen könnte.

Wie frei ist die Stadt eigentlich in ihrer Entscheidung, wie es mit der Brücke weitergeht? Entscheidet das der Oberbürgermeister, der Stadtarchäologe ? Und in wie weit kann das Landesamt der Kommune Vorgaben dazu machen?

Die Stadt ist Bauherr und Genehmigungsbehörde. Das Landesamt kann der Stadt keine Vorgaben machen. Wir können Hinweise oder Auflagen formulieren. Die Stadt kann sich darüber bei ihrer Abwägung hinwegsetzen und beispielsweise die Belange des Verkehrs höher bewerten als die des Denkmalschutzes. Noch einmal: Die Stadt kann das entscheiden, sie trägt dann aber auch die Verantwortung für diese Entscheidung. Die Stadt hat das Recht der Abwägung. Sie hat nach dem Niedersächsischen Denkmalschutzgesetz aber auch die Pflicht, Kulturdenkmäler zu erhalten, zu pflegen, vor Gefährdung zu schützen und, wenn nötig, diese instand zu setzen.

Aber wer könnte das denn einfordern?

Das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz gilt auch in Hildesheim, oder?

Auf Arbeitsskizzen der Verwaltung tauchte schon der Name Rainald-von-Dassel-Brücke auf. Wie finden Sie den?

Ich tue mich – aber das ist meine persönliche Meinung – immer schwer damit, historische Personen zur Benennung von Straßen, Plätzen und Orten heranzuziehen.

Warum?

Das menschliche Handeln ist zwiespältig, die rückwirkende Würdigung von historischen Personen wird diesen vielleicht nicht vollständig gerecht. Rainald von Dassel hat als Reichskanzler und auch in Hildesheim sehr positiv gewirkt. Aber wenn Sie sein Handeln in oberitalienischen Städten wie Mailand betrachten, wo er mit Gewalt vorgegangen ist ... da hat er dann nicht so positiv gewirkt.

Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft schauen: Was glauben Sie, ist dann in oder an der Dammstraße von der von-Dassel-Brücke zu sehen?

Wenn Sie ein sehr negatives Bild sehen wollen, haben wir eine Betonfahrbahn, und die Lastwagen rauschen auf dieser über die Brücke. Man könnte aber auch ein utopisches, visionäres, positivistisches Bild entwickeln: Vielleicht gelingt ein Verkehrskonzept für die Stadt, durch das wir auf der Brücke eine verkehrsberuhigte Zone, Radfahrer, ÖPNV und den einen oder anderen Pkw mit einer Sondergenehmigung haben.

Und die mittelalterliche Brücke wäre zu sehen, wird als Fahrbahn benutzt, zum Beispiel für Fahrräder?

Aus statischen Gründen wird man die Brücke wohl nicht mehr als Fahrbahn nutzen können, wir sprechen über ein 800 Jahre altes Bauwerk. Das ist meine Einschätzung, mir fehlt aber die Expertise eines Statikers. Die Frage ist, ob es gelingt, beispielsweise ein Fenster zu schaffen, durch das man einen oder zwei Brückenbögen sieht. Auch deshalb wäre es gut, wenn die Diskussion über den Umgang mit der Brücke jetzt begänne, denn dann hätte man Zeit, solche Aspekte zu bedenken und mit Fachleuten zu besprechen. Vielleicht noch ein Hinweis: Es gibt allerdings im Denkmalschutzgesetz auch einen Paragraphen, der der Erhaltungspflicht Grenzen setzt. Aber dabei sind neben wirtschaftlichen Faktoren auch wissenschaftliches und öffentliches Interesse gewichtig. Wenn Sie so wollen: Ich bin berufsbedingt Fürsprecher des Denkmals, es kann ja nicht selbst für sich sprechen.

Wäre es nicht geboten, dass sich die Stadt angesichts des Bereichs, um den es geht, nicht nur den eigentlichen Fundort der Brücke, sondern die Dammstraße und deren Untergrund im weiteren Verlauf ansieht – dort könnte es doch weitere Hohlräume geben?

Es ist offensichtlich, dass die Fahrbahnertüchtigung weitergeführt werden muss – in westlicher Richtung zum Moritzberg, aber auch östlich stadteinwärts.

Zur Person: Dr. Markus C. Blaich

Dr. Markus C. Blaich, 54, hat in Mainz und dann in Marburg studiert, dort promovierte er 2002 auch als Archäologe – seine Doktorarbeit wurde mit dem hessischen Wissenschaftspreis ausgezeichnet. Von 2002 bis 2004 war er erstmals beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege; seit 2015 ist er dort Referent für Mittelalterarchäologie und Bauforschung sowie stellvertretender Leiter der Abteilung Archäologie. Blaich lebt mit seiner Familie in Hildesheim, er hat einen Lehrauftrag an der HAWK.



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