Hildesheim - Sandra Brouër hatte es schon vor einigen Wochen angekündigt. Es sei aus biologischen Gründen „nahezu aussichtslos“, die Blutbuche auf der Wiese am PvH erfolgreich umzusetzen, hatte die Stadt-Planungsamtschefin im Juni im Ausschuss für Stadtentwicklung erklärt – also jener 120 Jahre alte Baum, der dem Bauvorhaben von AWO und Hanseatic auf dem Grundstück im Weg steht.
Nun liegt die endgültige Fassung des Gutachtens vor, das der Stadtrat zur Bedingung für den Verkauf des Grundstücks gemacht und von dessen Tendenz Brouër vor drei Monaten berichtet hatte. Fazit der Untersuchung: Eine „erfolgreiche Verpflanzung der Buche (ist) nicht durchführbar“ – so steht es in einer Vorlage, für die Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses am 14. September.
Umsetzung der Buche würdebis zu 250.000 Euro kosten
In der wollten die Politiker eigentlich darüber befinden, ob es Hanseatic „wirtschaftlich zumutbar“ ist, das Umpflanzen des Baumes zu bezahlen. Laut Vorlage würde das nach einer „groben Schätzung“ zwischen 175.000 und 250.000 Euro kosten.
Doch eine Entscheidung darüber, ob dieser Preis dem Immobilienunternehmen zuzumuten sei oder nicht, hält die Stadtverwaltung nun nicht mehr für nötig. Ein Beschluss sei angesichts des Ergebnis des Gutachtens nicht erforderlich, sagte Rathaussprecher Helge Miethe der HAZ. Zumal der Ratsbeschluss über den Grundstücksverkauf ja auch bereits regele, was passieren soll, wenn die Buche nicht zu retten sei. Die Politiker hatten für diesen Fall in ihrem Verkaufsbeschluss festgelegt, dass ermittelt werde, wie viel Kohlendioxid die Buche bindet und Hanseatic diesen Wert durch Neupflanzungen ausgleichen muss – ganz so, wie es für die übrigen Bäume vorgesehen ist, die für Bauprojekte auf der Wiese am PvH weichen sollen.
Hanseatic soll als Ersatz 17 neue Bäume und eine Hecke pflanzen
Dabei handelt es sich laut Gutachten um vier Eschen sowie einen Ahorn. Zwar lasse sich nicht genau ermitteln, wie viel Kohlendioxid die Bäume binden, heißt es in dem Papier; die Wissenschaft diskutiere das Thema noch. Doch der Experte ist sicher: Die Auflagen der Stadt an das Unternehmen – nämlich zur Kompensation 17 neue Bäume und eine Eibenhecke zu pflanzen – würden schon im zweiten Jahr zu einer „Übererfüllung“ führen.
Für seine Einschätzung, die Buche lasse sich nicht umsetzen, führt der Gutachter gleich eine ganze Reihe von „Hindernissen“ an. So müsste der Baum senkrecht transportiert, auf dem Transportweg dafür eine Höhe von 15 bis 20 Meter frei gehalten werden – wobei Oberleitungen, Schilder und Ampeln dem Unterfangen nicht in die Quere kommen dürften. Das Risiko, dass der Baum an einem neuen Standort nicht anwachse, sei sehr hoch, seine Vitalität werde sich verschlechtern – am Ende sterbe die Buche ab.
Zweifel an Eignung des Experten
Aus der Politik kommen Zweifel an der Eignung des Experten, der seine Stellungnahme im Auftrag von Hanseatic verfasst hat. So hat der CDU-Ratsherr Dirk Bettels bei Oberbürgermeister Ingo Meyer angefragt, warum der Auftrag nicht – so wie vom Rat beschlossen – an ein Fachunternehmen gegangen sei, das sich auf das Verpflanzen von Großbäumen spezialisiert habe. Immerhin habe die Verwaltung sich nun entschieden, das Thema am 14. September im Ausschuss öffentlich zu behandeln, freut sich der Christdemokrat, der selbst in dem Gremium sitzt.
Tatsächlich hatte die Stadt die Sitzungsvorlage zunächst mit dem Hinweis „nichtöffentlich“ an die Politiker verschickt, den Status dann jedoch am Mittwoch geändert. Der Punkt werde „wegen des öffentlichen Interesses“ öffentlich behandelt, erklärte Stadtsprecher Miethe auf Anfrage. Die Vorlage ist derzeit allerdings nur ratsintern – das heißt, sie ist außerhalb der Politik nicht zugänglich. Derweil nimmt der Protest gegen das Bauprojekt zu – was auch den Investoren nicht entgangen ist. Doch weder AWO-Geschäftsführer Gökhan Gürcan noch Hanseatic-Geschäftsführer Thomas Malezki wollten sich auf Anfrage der HAZ derzeit dazu äußern, ob sie der starke Gegenwind ins Grübeln bringt.
