Hildesheim - Es war die größte Menschenmenge, die Andreas Wüst – damals 14 Jahre alt – jemals gesehen hatte: Die Eröffnung des Hohnsensees vor 50 Jahren. „Solche Großveranstaltungen kannte ich aus Hildesheim nicht.“
Fast 30.000 Hildesheimerinnen und Hildesheimer waren vor Ort. Wüst erinnert sich vor allem an die Musik und ein paar Imbissstände. „Ich war ja zufällig da.“ Als Teenager interessierte er sich damals nicht so sehr für kommunale Bauprojekte, war er nicht von der riesigen Baustelle fasziniert. „Das finde ich rückblickend schade, dass ich da nicht mehr hingeguckt habe.“ Am 26. Mai 1974 fragte dann ein Kumpel von Wüst spontan, ob er mitkommen wolle. Die Eltern des Freundes wollten unbedingt zum Eröffnungs-Festakt und er wollte wohl nicht alleine mit den Alten los. So landete Wüst bei der Einweihung und der See in seinem Herzen. Wenn er mal Zeit zum Nachdenken brauchte, ging der Jugendliche fortan eine, zwei Runden um den See.
Die große Überraschung
Dass der See aber beileibe nicht nur für stille Einkehr taugt, zeigt die Geschichte von Selina Yücedag. Kurz vor Silvester 2019 schlug ihr damaliger Freund Onur vor, schick essen zu gehen – eine schöne Gelegenheit, das Jahr ausklingen zu lassen. „Na klar zieht man sich dann auch chic an, obwohl man ja auch eine Winterjacke braucht“, erzählt Yücedag.
Lesen Sie auch: 50 Bilder aus 50 Jahren: Ein Rückblick auf die Geschichte des Hildesheimer Hohnsensees
Auch der nächste Vorschlag von Onur klang nur folgerichtig: sich nach dem Essen noch ein wenig die Beine vertreten. „Und der Hohnsensee ist nun mal der schönste Ort, um zu spazieren“, sagt Yücedag. Also: gesagt, getan. Sie machten sich auf den Weg. Es sei auch gar nicht so eisig, gar nicht so kalt gewesen, erinnert sich Yücedag. Als sie am jetzigen Wohnmobil-Parkplatz um die Ecke bogen, wunderte sie sich: „Schau mal, da ist ein Lichtermeer“, entfuhr es ihr, als sie in Richtung der Steinstufen am Ufer des Sees blickte. Ein paar Schritte später bemerkte sie, dass jede Menge Menschen dort standen. „Ich habe als erstes meine Mutter erkannt.“ An der Treppe warteten noch weitere Familienmitglieder und viele Freunde. „Was ist denn da los?!“, fragte sie sich im Stillen. Ihr Herz begann zu trommeln. „Ich hatte keinen Schimmer, was mich erwartete.“
Im Lichtermeer
Und dann, so hat es Yücedag in Erinnerung, ging alles ganz schnell: Auf dem Boden entdeckte sie jede Menge Kerzen, die ein „S“, ein Herz und ein „O“ bilden. „Es kamen Blumen von der Seite, von irgendwoher kam Musik.“ Ihr Freund hielt plötzlich ein Plakat in der Hand. „Selinim benimle evlenir misin?“ stand darauf – Selina, willst du mich heiraten? „Und dann ist mein Freund auf die Knie gegangen.“ Die Antwort? Natürlich: Ja! „Es war unvergesslich, ich werde gerade wieder sentimental, wenn ich das erzähle.“
Die Überraschung war Onur gelungen: „Ich wusste von gaaaaar nichts!“ Onur war bereits ihre Jugendliebe, 2005 war das. Dass er seinen Antrag am See machte, war kein Zufall: 2018 trafen sich die beiden, die aus Hildesheim stammen und türkische Wurzeln haben, dort zum ersten Mal wieder, nachdem sie sich aus den Augen verloren hatten.
Innig verbunden
Auch heute sind sie und ihr Mann noch oft am Hohnsensee unterwegs. „Meine dreijährige Tochter schaut sich dann die Enten an – und ich schwelge in Erinnerungen.“ Yücedag ist sich sicher, dass sie nicht die einzige ist, die am Hohnsensee die Frage aller Fragen gestellt bekam. „Der Ort ist einfach perfekt dafür.“
Auch Karima Bergmann geht mit ihrer Tochter gerne am Hohnsensee spazieren, wenn die Wahlhamburgerin ihre Hildesheimer Verwandtschaft besucht. Dabei dürften wenige Biografien so dramatisch und eng mit dem Ufer verbunden sein, wie die der heute 44-Jährigen.
Unerkannt schwanger
Ihre Eltern kamen als Studenten in Hildesheim zusammen, die Mutter Lehrämtlerin aus Braunschweig, der Vater Ingenieursstudent aus Afghanistan. Sie zogen in eine gemeinsame Wohnung, aber das Geld reichte nur für eine „kleine Butze“, wie Bergmann erzählt. Also verbrachten die beiden Studenten so viel Zeit wie möglich im Freien. „Meine Mutter hat vor allem das Strandbad geliebt.“ Eines Tages im Jahr 1980 allerdings war der 22-jährigen Andrea seltsam schwindelig. „Plötzlich konnte sie nicht mehr“, erzählt die Tochter, „und hatte am Strand eine Art Kreislaufkollaps.“ Die junge Frau wurde von DLRG-Helfern wieder aufgepäppelt. Den Grund für den Schwächeanfall erfuhr sie dann, als sie nach der Episode zum Arzt ging: Ohne es zu ahnen war sie im ersten Trimester schwanger. „Bei meinen beiden Brüdern später hat sie die Schwangerschaft ohne so einen Anfall bewältigt“, erzählt Bergmann und lacht.
Ob jugendliches Staunen, die große Liebe oder die ersten Anzeichen des eigenen Nachwuchs – der Hildesheimer Hohnsensee bringt nicht nur einen schönen Ort in die Stadt, sondern die Kulisse für das Leben, das sich hier in all seinen Facetten abspielt.

