Grasdorf - Die Körnerbrötchen wollen einfach nicht kross werden. Immer wieder öffnet Ralf Weinbuch den kleinen Tischofen und kontrolliert die Schrippen. Dann fällt der Groschen. Die Gaskartusche ist leer. Der 50-Jährige wirft sie auf den Rasen und setzt eine neue ein. Dann geht es weiter mit dem Aufbacken.
Weinbuch hat sich gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Hardrockfans ein beschauliches Lager auf dem Campingplatz Bergmühle an der Innerste bei Grasdorf errichtet. Die Freundesgruppe aus Remscheid, Wuppertal und Süßen bei Göppingen wollte eigentlich zum Wacken Open Air nach Schleswig-Holstein. Doch 20 Kilometer vor dem Ziel bekam die Gruppe den Hinweis, dass wegen der starken Regenfälle und des aufgeweichten Bodens niemand mehr auf das Gelände gelassen werde. Wie Zehntausende andere Fans auch drehte das Quartett um.
Gerippe Sharon ist wie immer mit dabei
Nun haben es sich Weinbuch, Heike Büchner, Silke Simsch und Jörg Bickert an der Innerste gemütlich gemacht. Im Grunde handelt es sich sogar um ein Quintett. Wohin Weinbuch rollt, fährt auch Sharon mit. Das nach Ozzy Osborns Frau benannte Gerippe mit dem Stahlhelm auf dem Totenschädel fährt normalerweise als Sozia im amerikanischen V-8-Van des Klempnermeisters mit. Der Van ist kurz vor dem Festivalstart kaputt gegangen. Der 50-Jährige ist jetzt mit einem gemieteten Kleinlaster unterwegs. Sharon reist im Innenraum mit. „Ich habe alles reingeworfen und bin losgefahren“, erzählt der erfahrene Hardrockfan.
Ein Einlassbändchen um sein Handgelenk kündet davon, dass er noch vor wenigen Tagen das Rock-dein-Leben-Festival in Süddeutschland besucht hat. Wacken sollte auch nur Zwischenstation sein. „Wir fahren weiter nach Hildesheim zum M’era Luna“, sagt Jörg Bickert, der in Remscheid Techniker in der dortigen Gemeinnützigen Wohnungsgenossenschaft ist. Das Festival am Hildesheimer Flugplatz beginnt am 12. August. „Mal sehen, was wir bis dahin hier in der Umgebung unternehmen können“, sagt Bickert.
Acht Paletten „Wacken-Bier“ gegen den Durst
Wie Weinbuch trägt er ein T-Shirt mit dem Wahrzeichen des Open Airs, dem Bullenschädel, der auch riesengroß am Veranstaltungsort selbst zu finden ist. Ansonsten ist das Quartett am Morgen noch nicht im Heavy-Metal-Outfit angetreten. Silke Simsch, mit 65 Jahren die Älteste im Bunde („Ich bin die Omma“), hat eine grüne Strickjacke übergeworfen, Heike Büchner (53) schlappt in dunklem Fleece über den Platz.
Die vier haben sich eine Art Wagenburg nach Siedler-Art gebaut, mit drei Fahrzeugen drumherum und einem gemeinsamen Tisch in der Mitte. Hier befindet sich alles, was das Camperherz begehrt. Vieles eindeutig im Wacken-Stil. Weinbuch allein hat acht Paletten „Wacken-Bier“ geladen. Eine findige Brauerei hat den Schriftzug auf seine Dosen drucken lassen. Da greifen Fans wie Weinbuch natürlich gern zu.
Drei Gruppen „Wacken-Flüchtlinge“ auf dem Platz
Unweit des Quartetts haben die Campingplatzbetreiber Saskia und Peter Kumm noch weitere „Wacken-Flüchtlinge“ einquartiert. Direkt neben der Wagenburg haben mehrere junge Leute aus Jena ihre Zelte errichtet. Und auf der anderen Seite steht seit dem späten Abend des Vortags ein Auto samt Hänger aus dem Raum Wiesbaden. „Momentan haben wir die drei Gruppen hier“, berichtet Saskia Kumm. Gut möglich, dass es noch weitere werden. Von den ursprünglich 85.000 geplanten Besucherinnen und Besuchern sind nur noch 50.000 zugelassen.
Auch Heike Büchner, Silke Simsch, Jörg Bickert und Ralf Weinbuch wären im Grunde gern unter ihnen gewesen. „Ich hatte mich schon sehr auf Uriah Heep gefreut“, sagt Simsch. Es sei auch schade, dass ihr nun Iron Maiden und Halloween entgingen. Theoretisch könnte sie sich später noch die Aufzeichnungen der Konzerte anschauen. „Aber das ist nicht dasselbe, wie es auf dem Festivalgelände zu erleben“, sagt Weinbuch.
Leere Whiskyflaschen auf dem Tisch, Grillreste in der Tüte
Aber die vier machen das Beste draus. Leere Whiskyflaschen auf dem Tisch und Grillreste in den Mülltüten zeugen jedenfalls von geselligen Abenden. Und gegen Mittag setzt auch der Regen wieder ein. „Ah, endlich“, sagt Weinbuch ironisch und rückt seinen Campingstuhl wieder komplett unter das Zeltdach. „Ich hatte ihn schon vermisst.“
