Energiewende

Wahrheit oder Mythos? Zwölf Kritikpunkte an Windrädern im Kreis Hildesheim – und die Fakten dazu

Kreis Hildesheim - Die Windkraft soll auch im Kreis Hildesheim deutlich ausgebaut werden. Das ruft auch Kritik hervor. Welche ist berechtigt, welche nicht? Der Faktencheck.

Windräder sorgen immer wieder für Diskussionen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Kreis Hildesheim - Bundesweit und auch im Landkreis Hildesheim soll die Windenergie deutlich ausgebaut werden. Die Proteste dagegen sind bislang leiser als noch vor einigen Jahren. Dennoch gibt es eine Reihe von Kritikpunkten an der Technik. Die HAZ hat sie überprüft. Fazit: Manche stimmen, manche stimmen zum Teil, manche kaum. Oft ist es allerdings wichtig, die Probleme einzuordnen. Die Übersicht.

Windräder verschandeln die Landschaft

Ob Windräder die Landschaft nun verschandeln oder nicht, ist eine Geschmacksfrage. Tatsache ist aber, dass sie das Landschaftsbild verändern. Und dass sie das umso mehr tun, je mehr davon gebaut werden und je höher sie sind. Da die Anlagen inzwischen rund 250 Meter hoch geplant werden und ein deutlicher Ausbau vorgesehen ist, wird der Einfluss auf das Landschaftsbild immer größer. In Genehmigungsverfahren spielt dieser Aspekt bislang meist eine sehr untergeordnete Rolle. Anders als der Denkmalschutz, wie sich in Hildesheim zeigte, wo Windräder das Panorama der Welterbestätten nicht gefährden durften und deshalb nicht genehmigt wurden. Inzwischen räumt die Gesetzgebung der Windkraft aber eher Vorrang gegenüber dem Denkmalschutz ein.

Windräder sind laut

Zumindest sind sie hörbar. Die Betreiber von Windrädern müssen Lärmschutz-Grenzwerte einhalten. Wie stark Wohngebiete zu welcher Tageszeit beschallt werden dürfen, ist wie auch bei anderen Fabriken und Anlagen festgelegt. In reinen Wohngebieten sind 45 Dezibel am Tag (entspricht einem laufenden Benzinmotor eines Autos) und 35 Dezibel in der Nacht erlaubt. Welche Lautstärke und welche Art Geräusch als störend empfunden wird, ist allerdings individuell verschieden – das sagt zum Beispiel Dirk Ihmels, Geschäftsführer des im Kreis Hildesheim aktiven Windkraft-Unternehmens Innovent, ohne Umschweife. Indes: In der Feldmark unter den Windrädern kann und darf es deutlich lauter sein als im Wohngebiet selbst.

Windräder werfen Schatten

Das tun sie, wobei Anwohner vor allem den sogenannten Schlagschatten als störend empfinden. Also den immer wieder vorbeihuschenden Schatten von Rotoren. Technisch ist es allerdings möglich, die Anlagen so einzustellen, dass sie still stehen, wenn der Schatten ihrer Rotoren über ein Wohngebiet streifen würde. Im Bemühen um Zustimmung vor Ort bieten Betreiber das immer öfter an. Erlaubt sind aktuell 30 Minuten Schattenwurf am Tag oder 30 Stunden pro Jahr.

Windräder blinken nachts

Das stimmt teilweise, und es soll bald weitgehend damit vorbei sein. Die Blinklichter dienen dazu, Piloten von Flugzeugen und Hubschraubern auf Windräder aufmerksam zu machen. Inzwischen ist es technisch möglich, die Warnlampen so einzustellen, dass sie nur blinken, wenn sich tatsächlich ein Flugzeug nähert. Diese Technik will zum Beispiel die Firma Innovent im Windpark Hönnersum/Bettmar nachrüsten, wartet aber noch auf nötige Testflüge.

Windräder enthalten gefährliches Gas

Bei den allermeisten Modellen wird das „Klimakiller“-Gas SF6 zur Isolation in den Motoren eingesetzt. Es ist rund 23.000-mal klimaschädlicher als CO2. Allerdings ist es – wie bei einigen Kritikpunkten zur Windenergie – nötig, das Ganze in Relation zu setzen: So werden pro Windrad grob drei Kilogramm SF6 verwandt, während Kohlekraftwerke wie Mehrum zuletzt in weniger als einem halben Jahr 800 Millionen Kilogramm CO2 ausstießen. Das SF6 wird hingegen nicht ausgestoßen, sondern kann nur im seltenen Fall eines Unfalls austreten. Und: Das Gas wird in weitaus größeren Mengen als in Windrädern in Umspannwerken eingesetzt, ohne dass gegen deren Bau protestiert wird.

Windräder sorgen für Sondermüll

Richtig ist, dass die Rotorblätter wegen des enthaltenen Kunststoffs noch nicht in großem Stil recycelt werden können. Richtig ist aber auch, dass dies nicht so bleiben soll. Immer mehr Unternehmen entwickeln Verfahren, den Rotorblättern Wertstoffe wie Kupfer und Aluminium wieder zu entziehen und aus dem Rest Brennstoff zum Beispiel für die Zementindustrie zu gewinnen. Endlager-Probleme gibt es bei anderen Stromerzeugungsarten ohnehin in viel größerem Maße – Stichwort Atommüll.

Windräder sind Todesfallen für Tiere

Dass Vögel und Fledermäuse von Rotoren erschlagen werden oder durch die heftigen Luftverwirbelungen dort verenden, ist unbestritten. In der Gesamtbetrachtung spielen Windräder für das Vogelsterben allerdings eine minimale Rolle, wie ein Rechercheteam des Magazins „Europäische Energiewende“ 2020 ermittelt hat. Demnach kommen rund 100.000 Vögel pro Jahr in Deutschland an Windrädern zu Tode. Durch Verkehr, an Glasscheiben von Gebäuden sowie durch jagende Hauskatzen seien es aber jeweils bis zu 100 Millionen – sprich das Tausendfache.

Um Fledermäuse zu schützen, ist eine Abschaltung von Windrädern zu den nächtlichen Hauptflugzeiten der Tiere möglich.

Windräder stehen zu oft still

Windräder stehen öfter still, wie andere Kraftwerke auch. Ein möglicher Grund ist ein Mangel an Wind, aber längst nicht der einzige. So werden Windräder derzeit öfter vom Netz genommen, wenn die Stromproduktion das Netz überfordert. Auch das gilt ebenso für andere Stromerzeuger – vor allem Kohle- und Gaskraftwerke laufen keineswegs durch. Deshalb wird zurecht ein schneller Ausbau von Netzen – mit Leitungen wie Südlink –, Speichern und auch Wasserstoff-Produktion gefordert.

Ob der Aufbau dieser Infrastruktur mit dem Ausbau der Windkraft selbst Schritt hält, ist eine der spannenden Fragen für die nächsten Jahre und entscheidet auch darüber, ob viel Kapazität verschwendet wird oder nicht. Sicher ist: Windkraft allein kann den Energieberdarf nicht decken.

Windräder sind zu wetterabhängig

Als kürzlich der umstrittene Energiewende-Kritiker Fritz Vahrenholt einen Vortrag in Hildesheim hielt, wurde er für eine Passage seiner Rede besonders gefeiert. Nämlich für den Vorwurf an die Bundesregierung, ihr sei offenbar nicht bekannt, dass dreimal null Null ergibt. Was er meinte: Wenn ein Windrad sich mangels Wind nicht dreht, bringt es auch nichts, die Zahl der Windräder wie angestrebt zu verdreifachen. Vahrenholt behauptete zudem, an mehr als 100 Tagen im Jahr gebe es in Deutschland keinen Wind.

Dieses Argument hält allerdings selbst einer kurzen Überprüfung nicht stand. Wie der Energiemonitor des Netzbetreibers Avacon für den Landkreis Hildesheim zeigt, gab es in den vergangenen zwölf Monaten keinen einzigen Tag, an dem die Windräder im Kreis Hildesheim keinen Strom produziert hätten. Es gab große Unterschiede, aber keine vollständige Flaute. Gilt das für den Kreis Hildesheim, gilt das erst recht für ganz Deutschland inklusive Offshore-Windparks. Fazit: Natürlich sind Windräder wetterabhängig. Dennoch ermöglicht ein Ausbau zwingend eine größere Stromproduktion aus Windkraft. Und: Wetterabhängig können auch Atomkraftwerke sein. Das zeigte sich im Vorjahr in Frankreich, als Meiler in der Trockenheit mangels Kühlwasser nicht ans Netz konnten. Was richtig ist: Die Strommenge, die Windräder liefern, kann von Tag zu Tag sehr unterschiedlich sein. Womit man wiederum bei den Themen Netze, Speicher und Wasserstoff ist.

Für Windräder wird zu viel Boden versiegelt

Richtig ist, dass Boden versiegelt wird. Bei modernen großen Windrädern sind für die Fundamente und die Aufstellfläche der Kräne knapp ein halber Hektar nötig – also rund 5000 Quadratmeter – die dann nicht mehr landwirtschaftlich nutzbar sind. Hinzu kommen Zuwege. 100 Windräder würden also 50 Hektar Versiegelung bedeuten. Zur Einordnung: Das entspricht jener Ackerfläche, die im vergangenen Jahrzehnt im Schnitt alle zwei Jahre für Siedlungsflächen aufgegeben wurde. Die landwirtschaftliche Nutzfläche im Landkreis umfasst knapp 70 000 Hektar.

Windräder trocknen den Boden aus

Auch diesen Aspekt brachte Vahrenholt bei seinem Vortrag auf – und behauptete, im Bereich von Windparks werde der Boden um 0,5 Grad wärmer und folglich trockener. Einen Beleg führte er nicht an. Womöglich bezog er sich auf Studien zu großen Windparks in Texas, die eine Erwärmung des Bodens im Bereich von Windparks um 0,3 bis 0,7 Grad ergaben. Der Grund: Windräder wirbeln Luft aus höheren Luftschichten Richtung Boden und umgekehrt. Nachts kann es in 100 oder 200 Metern Höhe wärmer sein als am Boden. Nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) kann der beschriebene Effekt aber nur bei „riesengroßen Windparks wie eben in Texas“ eintreten. Anlagen in vergleichbarer Größenordnung gibt es in Deutschland nicht.

Die zunehmende Trockenheit der vergangenen Jahre lässt sich hingegen mit dem belegbaren Rückgang des Niederschlags auch im Raum Hildesheim erklären. Dass dieser wiederum etwas mit Windrädern zu tun hat, hält der DWD für ausgeschlossen. Einfluss auf riesige Tiefdruckgebiete hätten die Anlagen sicher nicht. Weniger Regen sei ein Ausdruck des Klimawandels.

Windräder haben im Wald nichts verloren

Werden Waldstücke abgeholzt, um Windrädern Platz zu machen, sorgt das oft für Empörung. Hauptkritikpunkt: Es sei scheinheilig, ein Stück Umwelt zu zerstören, um dort umweltfreundliche Energie zu produzieren. Das Landvolk im Kreis Hildesheim hat sich deshalb der Sichtweise seines Landesverbandes angeschlossen. Der fordert Windkraft im Wald – aber nur in Bereichen, in denen durch die Stürme der vergangenen Jahre gar keine Bäume mehr wachsen: „Kein Waldbesitzer lässt für ein Windrad einen alten Eichen- oder Buchenbestand fällen. Aber wo aktuell kein Baum steht, aber gut Wind weht, kann nichts dagegensprechen, Windräder aufzustellen.“

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