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Welfenschatz ist wieder da: Hofbibliothek der Marienburg kehrt heim

Hannover/Pattensen/Nordstemmen - Auf Schloss Marienburg bei Nordstemmen lagerten einst kostbare Bücher und königliche Handschriften, dann wurden sie verkauft. Jetzt ist die Hofbibliothek aus Boston zurückgekehrt – für 100.000 Euro.

Spektakulärer Erwerb: Sabine Graf, Präsidentin des Niedersächsischen Landesarchivs, präsentiert ein frühes Bild der Marienburg aus dem Bestand der Hofbibliothek. Foto: Nancy Heusel

Hannover/Pattensen/Nordstemmen - Der Welfenspross gab sich gutwillig: „Ich kann sagen, dass ich drei Tage lang ein artiger Junge gewesen bin, und ich hoffe, dass ich so weiter mache“, schrieb der neunjährige Georg im Jahr 1828 auf Englisch an seinen Vater Ernst August. Ein Jahr darauf schickte er seinem „Dearest Papa“ einen Brief, in dem er klagte, dass das Schwinden seines Augenlichtes ihm das Schreiben erschwere. Der spätere Georg V. sollte als Hannovers blinder König in die Geschichte eingehen.

Die höchst privaten Schreiben sind jetzt nach Niedersachsen zurückgekehrt – als Teil eines großen Konvolutes von etwa 500 Büchern und Handschriften. In einer konzertierten Aktion haben die Stiftung Schloss Marienburg, das Landesarchiv und die Leibniz-Bibliothek die sogenannte Hofbibliothek der Marienburg erworben – für 100.000 Euro.

Unter den Preziosen, von denen zumindest einige Stücke früher auf der Marienburg verwahrt wurden, sind genealogische Bände ebenso wie ein Fachbuch über Fischvermehrung. Neben einer Bibel aus dem Besitz von Hannovers letzter Königin Marie, in der noch ein Sträußlein getrockneter Blumen steckt, finden sich Autografen von Monarchen wie Georg III. und das Aquarell eines Badehauses auf Norderney, das Königin Friederike höchstselbst gemalt hat.

Außerdem gehören Urkunden, Alben und Pläne von Schloss Marienburg zu dem Konvolut. „Wir wissen noch gar nicht genau, was alles darin steckt“, sagt Sabine Graf, Präsidentin des Landesarchivs.

Die Schätze haben eine bewegte Geschichte: Ein Londoner Antiquar soll die Bibliothek 1999 vom Welfenchef Ernst August von Hannover gekauft haben. Bei der Auflösung seines Geschäfts vor etwa fünf Jahren kamen die Paletten dann in das Großantiquariat Ars Libri in Boston – wo sie vor einiger Zeit in den Lagerräumen wieder auftauchten.

Finanziell ermöglicht wurde der Kauf der Hofbibliothek von der Kulturstiftung der Länder, die 50.000 Euro beisteuerte, der Stiftung Niedersachsen, die 24.000 Euro übernahm, und dem Kulturministerium. „Das Auspacken der Kisten aus Boston war ein bisschen wie Weihnachten“, sagt Anne May, Direktorin der Leibniz-Bibliothek. Die ältesten Stücke stammen aus dem 14. Jahrhundert. Dabei handelt es sich um Pergamente mit religiösen Texten, die später als Einbände für Rechnungsbücher recycelt worden waren.

„Es ist ein Schatz, der uns in Niedersachsen über viele Jahre gefehlt hat“, sagt Kulturminister Falko Mohrs. Die Dokumente geben ebenso Einblicke in die Geschicke der Welfenfamilie wie in Niedersachsens Sozialgeschichte. Ein großer Teil beschäftigt sich auch mit Militärhistorie, etwa mit der„King’s German Legion“, einer Militäreinheit hannoverscher Soldaten, die zur Zeit der napoleonischen Kriege unter britischer Flagge kämpfte.

Ein Teil der Archivalien bleibt zunächst im Pattenser Außenmagazin des Landesarchivs. Die meisten Bücher werden in der Leibniz-Bibliothek erschlossen und katalogisiert. Dort könnte es im kommenden Jahr auch eine erste Ausstellung der Schätze geben. „Wenn die konservatorischen Bedingungen auf der Marienburg gegeben sind, werden einige Stücke auch dort wieder gezeigt werden können“, sagt Graf.

Schloss Marienburg muss in den kommenden Jahren grundlegend saniert werden; nach einer Sperrung der Innenräume droht zum Jahreswechsel erst einmal die komplette Schließung. Gleichwohl sei das Konvolut wichtig für das museale Konzept des nationalen Denkmals Marienburg, sagt Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder.

„Auf uns dürfte noch manche Überraschung warten“

Auch der Forschung wird die Hofbibliothek noch Stoff für Generationen bieten: „Wir sind noch ganz am Anfang“, sagt Archivpräsidentin Graf, „auf uns dürfte noch manche Überraschung warten.“

Von Simon Benne



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