Hildesheim - Das Insolvenz-bedrohte Roemer- und Pelizaeus-Museum ist noch nicht gerettet, da streiten sich Hildesheims Politikerinnen und Politiker schon um Köpfe. Bei der zweiten gemeinsamen Sitzung von Finanz- und Kulturausschuss binnen zwei Wochen kochten die Emotionen hoch. Wer soll das Haus in der nahen Zukunft leiten? Das war die Kernfrage. Der geplante 1,6-Millionen-Euro-Rettungs-Zuschuss hingegen war praktisch kein Thema – nur AfD-Vertreter Ralf Kriesinger stellte die Sinnhaftigkeit in Frage. Bis zur Entscheidung im Rat am Montag sind nur noch wenige Tage Zeit.
Ausgangspunkt der phasenweise hitzig geführten Debatte, der 20 Museumsbeschäftigte zuhörten, war ein Papier der CDU-Fraktion, das Finanzausschuss-Vorsitzender Frank Wodsack vorstellte. Die CDU möchte den Verwaltungsvorschlag für den bevorstehenden Rats-Beschluss konkretisiert und ergänzt sehen. Unter anderem soll das Museum zunächst nur 600 000 Euro erhalten, die zur Abwendung der Insolvenz nötig sind. Eine Million Euro würden mit einem Sperrvermerk zurückgehalten werden, bis klar ist, für welche konkreten Maßnahmen wieviel Geld benötigt wird.
CDU fordert neuen Aufsichtsrat
Weitere wichtige Punkte aus dem Antrag der CDU: Schon am 1. Januar 2023 soll eine neue Geschäftsführung gefunden sein; die gemeinnützige Museums-GmbH und die Service-GmbH sollen kurzfristig verschmelzen und einen neuen Aufsichtsrat erhalten; es sollen ein neuer Steuerberater und eine neue Wirtschaftsprüfungsgesellschaft beauftragt werden – auch mit dem Ziel, die Richtigkeit bisheriger Jahresabschlüsse zu kontrollieren.
Und: Die CDU setzt sich dafür ein, dass „unverzüglich“ eine neue Interims-Geschäftsführung bestellt wird. In der Konsequenz müsste nicht nur Regine Schulz als wissenschaftliche Direktorin gehen, sondern auch Svenja Fuhrich als kaufmännische Direktorin. Wodsack lobte beide für ihre Arbeit, aber: „Wir brauchen einen Neuanfang, eine Zäsur.“
„Kaufmännischer Sachverstand“ als Streitpunkt
„Die anderen Punkte sind selbstverständlich“, sagte die Kulturausschuss-Vorsitzende Rosa Wagner-Kröger (Grüne). Doch es sei unklug, auch Svenja Fuhrich abzuberufen, da sie viel zur Klärung der Museumsprobleme beigetragen haben. Unterstützung kam von Michael Kriegel (FDP): Es sei wichtig, dass in der Museumsführung kaufmännischer Sachverstand erhalten bleibe.
Genau den sprach Dirk Bettels (CDU) Svenja Fuhrich ab, die seit Anfang 2021 mit einer 30-Prozent-Stelle für die wirtschaftlichen Belange des Museums verantwortlich ist. Fuhrich hat diverse Aufgaben in der Stadtverwaltung, darunter die Leitung des Beteiligungsmanagements. Schon in dieser Funktion hätte sie die finanzielle Misere entdecken müssen, so Bettels.
Der Ratsherr warf auch Oberbürgermeister Ingo Meyer, zugleich Dezernent für Kultur und fürs Beteiligungsmanagement, vor, bei der Kontrolle des Museums versagt zu haben. Ähnliches gelte für den Aufsichtsrat. Meyers Einlassung, die Probleme des Museums seien bekannt gewesen, das Ausmaß der Krise aber nicht absehbar, nannte Bettels eine „Märchenstunde“: „In der Tat ist es möglich, die 3-Millionen-Bude nach sechs Monaten zu durchschauen.“ Obendrein habe die Stadt es zugelassen, dass der bauliche Zustand des Museums immer schlechter wurde.
Er meint, er stolpert da rein und ist der große Big Boss und alle anderen sind doof
Der Widerspruch aus den anderen Fraktionen ließ nicht auf sich warten. Bettels Rolle im Museums-Aufsichtsrat, dem er erst seit kurzer Zeit angehört, kommentierte Rosa Wagner-Kröger: „Er meint, er stolpert da rein und ist der große Big Boss und alle anderen sind doof.“ Das sei völlig unangemessen.
Schlechtes Zeugnis für Direktorin
„Hier ist nicht der Ort, dass wir über Personen urteilen“, versuchte Frank Wodsack die Wogen zu glätten – genau das tue die CDU aber, entgegnete Tim Bellgardt von der SPD. OB Meyer nahm Svenja Fuhrich in Schutz: Aus dem Beteiligungsmanagement heraus habe sie keine Chance gehabt, Licht in die Museums-Verhältnisse zu bringen, wichtige Zahlen hätten gefehlt. Genau deshalb sei sie ja Regine Schulz zur Seite gestellt worden – um noch Schlimmeres zu verhindern. Indirekt stellte Meyer damit Regine Schulz, die im Publikum saß und deren Vertrag noch bis zum 31. Januar 2024 läuft, ein schlechtes Zeugnis als Geschäftsführerin aus.
Kämmerer Ulf Behnel als kaufmännischer Part?
Die Diskussion war schon weit fortgeschritten, als Frank Wodsack einen Vorschlag präsentierte, wer für eine Übergangszeit ein „starker kaufmännischer Part“ im Museum sein könnte: „Ich spreche von unserem Kämmerer Ulf Behnel.“ „Zu diesem Vorschlag möchte ich mich jetzt und heute nicht äußern“, lautete dessen Reaktion. Svenja Fuhrich kurzfristig von ihrer Museumsaufgabe zu entbinden, halte er nicht für möglich. Zuvor hatte Behnel schon die meisten Punkte aus dem CDU-Antrag als nicht zielführend beurteilt – „aus Verwaltungssicht“.
Nicht im Sinne unserer Steuerzahler
Wie schon die letzte Sitzung blieb auch diese ohne Ergebnis, die Fraktionen wollen vor der entscheidenden Ratssitzung noch einmal darüber beraten. Hartwig Kemmerer als beratendes Mitglied des Kulturausschusses mahnte an, im Zukunftskonzept des Museums fehle eine Idee, trotz des Personalabbaus die wissenschaftliche Kompetenz zu erhalten: „Sonst wird das eine Ausstellungshalle.“
AfD-Ratsherr Ralf Kriesinger wertete das gesamte Rettungspaket als „Verlängerung eines nicht akzeptablen Zustands“. Hildesheim sei mit der Größe und Bedeutung des Museums überfordert. „Das ist nicht im Sinne unserer Steuerzahler.“



