Ökologisch wohnen

Als Vorbild für andere Baugebiete: Wie Hildesheim im Stadtteil Moritzberg das klimaschonende Wohnen plant

Hildesheim - Für den Moritzberg geht die Stadt Hildesheim neue Wege bei der Planung eines Baugebietes: Wie es gelingen soll, für 1000 Menschen ein ökologisch nachhaltiges Wohnen auf die Beine zu stellen. (mit Kommentar)

Freier Blick aufs künftige Wohngebiet aus dem Frühjahr: vorne die Pappelallee, von der man ins neue Parkhaus für die Anlieger fahren soll statt vor die Wohnungstür. Foto: Werner Kaiser

Hildesheim - Geht das, ein Wohngebiet zu planen, in dem nur jeder dritte Haushalt über ein eigenes Auto verfügen kann? Maximal. Oder in dem einem vorgeschrieben wird, mit welcher Technik man heizen soll? Genau das ist nun an der Pappelallee im Stadtteil Moritzberg die Idee. Erstmals legt die Stadt ein umfassendes Konzept vor, wie künftig das Wohnen im Quartier funktionieren könnte: nach klaren klimaschützenden Vorgaben. „Für Hildesheim ist das ein neues und zukunftsweisendes Verfahren“, sagt Stadtbaurätin Andrea Döring.

304 Wohneinheiten sollen künftig rund 1000 Menschen Platz bieten, ein Teil davon ist für den sozialen Wohnungsbau reserviert. Das Wohnquartier soll „autoarm“ sein, ein Parkhaus bietet Platz für rund 200 Plätze, reserviert für Anlieger, deren Besucher und Carsharing-Plätze. Integriert ist eine Mobilitätsstation, um per Rad, Lastenrad und Anbindung ans Radwegenetz und den ÖPNV auch ohne Auto voranzukommen.

70 Prozent eigener Strom

70 Prozent der Dachflächen der Neubauten werden als Stromerzeuger per Photovoltaik-Anlagen genutzt; damit könne sich das Quartier mit bis zu 80 Prozent selbst mit Strom versorgen, rechnet Planungsamtschefin Sandra Brouër vor. Auch die Energieversorgung für das Baugebiet ist wirtschaftlich durchgerechnet. Mit fünf Varianten hat das beratende Planungsbüro kalkuliert, was Erdwärme, Wärmepumpen oder Fernwärme kosten würden. Sogar die Option, Wärme aus der Innerste zu gewinnen, wurde geprüft, sagt Brouër.

Am Ende überzeugte die „klassische“ Variante Fernwärme über Biomasse statt einer Pelletvariante – als zentrale Energieversorgungsoption. Doch auch darüber muss erst noch abschließend die Politik entscheiden. Am Mittwoch, 9. November, berät der zuständige Ausschuss für Stadtplanung gemeinsam mit dem Ortsrat Moritzberg gemeinsam darüber. Beginn der hybriden Sitzung ist um 17.30 Uhr im Rathaus. Anmeldungen sind telefonisch unter 301-1024 möglich. Alternativ wird ein Online-Zugang angeboten.

Wünsche der Bürger

Doch diese Beratung ist längst nicht die erste zu dem Thema. Seit rund einem Jahr hat die Stadtverwaltung eine Bürgerbeteiligung auf die Beine gestellt, Wünsche und Interessen abgefragt, Planvarianten angepasst und nun auch durchrechnen lassen. Üblich sei es bisher, einen Wettbewerb auszuschreiben. Diesmal hat sich die Stadt ein Planungsbüro an die Seite und die Bürger ins Boot geholt. „Das erspart viel Zeit“, sagt Brouër. Zum Jahresende soll der Rahmenplan stehen, nächstes Jahr folgt die Bauleitplanung. Ab 2024 folgt dann die Vermarktung.

Zuvor muss aber das Gelände noch aus dem Hochwasserschutzgebiet herausgenommen werden, sagt Brouër. Auch dafür gibt es passende Ideen, die sich an den Konzepten von sogenannten Schwammstädten orientieren, bei denen Grünflächen als Auffangareale genutzt würden. Eine eigene Parkanlage am Kupferstrang mit schattigen Bereichen und eventuell einer Renaturierung des Kupferstrangs biete dafür jedenfalls Platz genug. Damit würde sich das neue Wohngebiet auch als Erweiterung des bestehenden Naherholungsgebietes anfügen.

Neben dem Parkhaus an der Pappelallee soll auch die Ortsfeuerwehr Moritzberg ihr neues Zuhause bekommen. Ursprünglich gab es die Idee, sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf dem weitläufigen Gelände der Polizeiinspektion anzusiedeln. Doch das Land Niedersachsen will das Gebiet als Reservefläche für eigene Planungen zurückhalten, sagt Döring.

Autoarm, ökologisch, naturnah und am Ende auch noch ein Quartier, in dem die Nachbarschaft eine große Rolle spielen könnte, zählt Döring die Pluspunkte auf. Denn Carsharing oder die gemeinsame Nutzung von Lastenrädern sowie die erhoffte hohe Aufenthaltsqualität würden das soziale Umfeld in jedem Fall beleben, hofft sie.

Suche nach dem Investor

Im Ideenkatalog werden auch eine Fahrradwerkstatt sowie ein Büro für ein Quartiersmanagement aufgelistet. Doch das bleiben zunächst Wunschvorstellungen, rückt Brouër gleich gerade. Denn die Stadt kann als Eigentümerin der Flächen für die Vermarktung zwar viele Vorgaben machen – was zum Beispiel die Verwendung der Energietechnik angeht – aber sie ist auch auf einen Investor oder Investoren angewiesen, die bereit sind „so ein komplexes Vorhaben anzupacken“, sagt Döring.

Anfragen an die Stadt gebe es allerdings, auch von international operierenden Unternehmen der Immobilienwirtschaft, bestätigt Brouër. Das Interesse an einem Gebiet dieser Größenordnung sei jedenfalls groß. Aber die Anforderungen der Stadtplaner wachsen genauso. Als das Ostend geplant wurde, seien die Festlegung auf eine Energieversorgung oder gar die Option „autoarm“ noch gar nicht möglich gewesen. Mittlerweile sei aber das Fernwärmekonzept der EVI so weit erprobt, dass die Verwaltung das als Vorgabe in die Wirtschaftlichkeitsberechnung einbauen kann.

Öffentliche Sitzung am 9. November

Und so werden am Mittwoch in der Sitzung auch umfangreiche Berechnungen für alle fünf Varianten zu einer Energieversorgung, deren klimaschützende Bedeutung und deren Wirtschaftlichkeit vorgelegt.

Auf der Homepage der Stadt Hildesheim ist die Vorlage im Bürgerinformationssystem als Sitzungsvorlage ebenfalls bereits zugänglich.

Damit könnte das Baugebiet an der Pappelallee auch richtungsweisend für die Pläne werden, die möglicherweise für das Areal am Wasserkamp eine Rolle spielen könnten. Doch das ist angesichts der aufgeheizten Diskussion immer noch ein heißes Eisen. Am Beispiel Wohnen an der Pappelallee bietet sich nun jedenfalls die Option, klimaschützendes Wohnen als Entwurf für die Zukunft anzuschauen.


Kommentar: Wurde auch Zeit – grüner Wohnen in Hildesheim

Endlich wird der Klimaschutz an einer Stelle der Stadt als ganzheitliches Konzept begriffen und geplant: Das neue Wohnquartier am Moritzberg ist dabei keine isolierte Fläche im Stadtteil, sondern Baustein einer neuen Ära der Stadtplanung. Zumindest auf dem Papier. Die Politik kann nun daraus ihre Folgerungen für eine Auswertung für die ganze Stadt ziehen. Das betrifft die Mobilität mit der Verringerung des Autoverkehrs, es geht um die Option, wie man über Hausdächer stadteigenen Strom erzeugt oder wie man mit flächendeckenden Sharing-Modellen Parkflächen überflüssig macht und möglicherweise sogar soziale Effekte für Nachbarschaften initiieren kann. Ein Wunschtraum? Mitnichten. Andere Städte sind längst dabei.

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