Kreis Hildesheim - Am Freitag jährt sich der russische Angriff auf die Ukraine zum ersten Mal – und damit auch der Beginn einer massiven Flucht. Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer verließen ihre Heimat, vor allem Frauen, Jugendliche und Kinder. Ziemlich genau 4000 von ihnen fanden vorerst im Landkreis Hildesheim eine neue Heimat. Mit Stand vom 16. Februar lag die genaue Zahl bei 3997. Unter den 15- bis 65-Jährigen beziffert das Jobcenter Hildesheim den Anteil weiblicher Flüchtlinge auf 69 Prozent.
Lob und Kritik von Rainer Block
Die Ukrainerinnen und Ukrainer stießen im Landkreis Hildesheim vor allem zu Beginn auf eine Welle der Hilfsbereitschaft. Wohnraum für alle zu finden, erwies und erweist sich angesichts der in Teilen des Landkreises – vor allem im Norden sowie in Hildesheim selbst – bereits herrschenden Wohnungsknappheit allerdings als gar nicht so einfach. Der Landkreis mietete wie schon in der Flüchtlingswelle 2015/16 mehrere Hotels im Kreisgebiet an, zwischenzeitlich waren um die 700 Plätze dort belegt. Inzwischen sind es gut 400. Immer wieder finden Flüchtlinge doch Wohnungen – der Großteil ist nicht mehr auf die Massenunterkünfte angewiesen.
Dennoch ist die Frage, wie die ukrainischen Flüchtlinge im Landkreis untergebracht werden, immer wieder Gegenstand von Diskussionen zwischen Kommunen und Kreisverwaltung. Bockenems Bürgermeister Rainer Block (parteilos) als Kreisvorsitzender des Städte- und Gemeindebundes verweist auf die sehr ungleiche Verteilung: „Algermissen, Bad Salzdetfurth, Bockenem, Alfeld und Stadt Hildesheim sind weiterhin und schon lange die Kommunen mit den größten Belastungen“, sagt er. Mit „Belastung“ meine er dabei die Situation in den Kindergärten, in den Schulen und bei den Ehrenamtlichen.
„Aufopferungsvolle Helfer“
Zu unterscheiden sei dabei allerdings, ob die Geflüchteten in einer Sammelunterkunft untergebracht sind oder nicht. Bad Salzdetfurth zum Beispiel habe aufgrund des Relexa-Hotels hohe Zahlen. „Dort erfolgt aber eine Betreuung rund um die Uhr“, merkt Block an.
Gelinge die Integration, dann deshalb, „weil die haupt- und ehrenamtlichen Integrationshelferinnen und -helfer eine so großartige Leistung erbringen“, betont Block. „Es ist bemerkenswert, wie aufopferungsvoll viele bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und darüber hinaus gehen, sich für die Geflüchteten einsetzten und in jeder freien Minute helfen.“ Gerade Ehrenamtlichen fehle aber zu oft hauptamtliche Unterstützung. So mangele es etwa Dolmetschern in den Kitas und Schulen, oder an Begleitern für Arzt- und Behördengänge.
Algermissen hat höchste Quote
Ausdrücklich lobt Block den Landkreis indes dafür, sich zentral um die Unterbringung zu kümmern. „Das hätte vor allem kleinere Kommunen überfordert, hier hat der Landkreis unabhängig von manchem Kritikpunkt insgesamt sehr gut gearbeitet.“
Die Gemeinde mit dem höchsten Anteil an Flüchtlingen im Verhältnis zur Bevölkerung ist Algermissen, auch bedingt dadurch, dass allein 200 Ukrainerinnen und Ukrainer in einem Hotel in Ummeln leben. Der amtierende Verwaltungschef Frank-Thomas Schmidt berichtet, dass dort seit kurzem zumindest eine halbe Stelle für die Unterstützung der Geflüchteten besetzt ist. Zudem habe sich eine große Gruppe von Ehrenamtlichen, vor allem in Lühnde, stark um die Ukrainerinnen und Ukrainer gekümmert.
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„Sprachangebote ausweiten“
Für die Zukunft sind für Schmidt vor allem zwei Aspekte bedeutsam: „Wichtig ist, die Sprachangebote auszuweiten und zu intensivieren. Zudem kann eine dezentrale Unterbringung außerhalb von Gemeinschaftsunterkünften eine gute Basis für Integration vor Ort sein.“ Die Sprachkurse sind allerdings völlig ausgebucht.
Die Kreisverwaltung betont, der Landkreis habe „ein hohes Interesse daran, Kommunen nicht ungleich zu belasten“. Der bestimmende Faktor für die Unterbringung sei aber unverändert „die Verfügbarkeit von Unterkünften, die gewisse Bedingungen erfüllen müssen“. Diese seien aber nicht in allen Kommunen vorhanden.
Sporthallen in der Diskussion
„Die dem Landkreis genannten potenziellen Unterkünfte für die wurden in Augenschein genommen, haben aber häufig das Anforderungsprofil nicht erfüllt oder hätten mit hohem Aufwand instand gesetzt werden müssen“, heißt es weiter. Auch wollten und könnten nicht alle Hotelinhaber über längere Zeiträume Geflüchtete unterbringen. Eine Vielzahl kleinerer Unterkünfte haben gegenüber wenigen großen zudem den Nachteil, dass noch mehr Personal für den Betrieb nötig sei. Fazit der Kreisverwaltung: „Um es salopp zu sagen: Die Köpfe müssen leider den Unterkünften folgen und nicht umgekehrt.“
Der Landkreis bestätigte, dass Niedersachsen seine Quote bei der Aufnahme von Ukrainern übererfüllt habe. Allerdings würden inzwischen mehr Flüchtlinge aus anderen Ländern zugewiesen. Die für sie reservierten Schulsporthallen in Sarstedt und Alfeld wieder freizugeben, sei „ständig in der Diskussion“, ebenso der Versuch, weniger Hotelplätze anzumieten. Allerdings sei immer auch ein „Puffer“ nötig, um auf plötzliche Entwicklungen reagieren zu können.
Immer mehr wollen bleiben
Unterdessen möchten mehr Ukrainerinnen und Ukrainer möchten dauerhaft in Deutschland bleiben, je länger der Krieg in ihrer Heimat dauert. Zu dieser Einschätzung kommt das Jobcenter Hildesheim. Im vergangenen Jahr hatten die Beschäftigten dort aus ihren Gesprächen mit den Betroffenen den Eindruck, nur jeder Vierte wolle nicht zurück – gerade zu Beginn des Krieges hatten allerdings die wenigsten damit gerechnet, dass die Kämpfe so lange andauern würden, und dass selbst nach einem Jahr noch kein Ende in Sicht sein würde. Inzwischen wolle eher ein Drittel dableiben. Darunter immer öfter auch Frauen mit Kindern, die hoffen, ihre in der Ukraine gebliebenen Ehemänner könnten bald nachkommen.
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Ein Faktor dabei ist, dass viele, je länger sie hierbleiben, sich umso heimischer in der neuen Umgebung fühlen, Arbeit finden, sich und ihre Kinder in neuen Freundeskreisen und in Vereinen integrieren. Der wohl größere: Viele aus der Ost- und Südukraine Geflüchtete fürchten, dass ihre Heimat dauerhaft unter russischer Kontrolle bleibt – und selbst wenn nicht, dass die Zerstörungen so massiv sind, dass ein Neustart ihnen schwer vorstellbar erscheint.
