Hildesheim - Jedes fünfte Gebäckstück, das in Deutschland hergestellt wird, wandert am Ende in den Müll. „Jedes fünfte!“, sagt Bäckermeister Frank Mierisch mehrfach hintereinander, als könne er es selbst kaum glauben. Das findet er entschieden zu viel, und so versucht er schon von jeher, der Verschwendung entgegenzuwirken. Etwa dadurch, dass er auch am nächsten Tag immer noch einmal „Das Gute von Gestern“ anbietet, zum halben Preis. „Das nutzen die Leute auch gern“, sagt Mierisch. Allerdings überhole das System sich irgendwann selbst, nämlich dann, wenn viele Kunden extra auf das Sonderangebot warteten und extra auf den Kauf eines frischen Brotes zum vollen Preis verzichteten. „Auf Dauer kann ich mit nur der Hälfte der Einnahmen natürlich nicht leben“, so der Bäckermeister.
Wie gut, dass Tochter Maja gerade ihr Studium mit einer Masterarbeit abgeschlossen hat und nun bei ihrem Vater jobbt. Denn sie hat nicht nur die Social-Media-Arbeit für die Bäckerei übernommen, sondern bringt auch neue Ideen ein, damit weniger Brot weggeschmissen wird. Eine davon heißt „too good to go“ – zu schade zum Wegwerfen. Dahinter verbirgt sich eine App. Die nutzen bereits auch große Anbieter von Nahrungsmitteln, unter anderem Dunkin´Donuts, Edeka oder Nordsee. Und nun eben auch Mierisch.
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Der Preis beträgt nur ein Drittel des Warenwerts
Das Ganze geht so: Mierisch bekommt Tüten vom Anbieter der App. Die packt Inhaber Frank Mierisch voll mit Waren im Wert von neun Euro, verkauft werden sie an die Kunden für drei Euro. „Ein Drittel des Warenwerts soll der Preis sein. Und wir machen es so, dass zwar jeden tag unterschiedliche Waren in der Tüte sind, aber immer eine schöne Mischung aus Brot, Brötchen und Kuchen.“ Von allem etwas. Und damit sich wirklich jeder so eine Tüte mitnehmen kann, kommt nur Vegetarisches hinein.
Drei Tüten pro Tag gibt die Bäckerei derzeit an ihre Kunden aus – und kann auf diese Weise besser steuern, dass auch tatsächlich das noch Absatz findet, was im Tagesverkauf übrig geblieben ist. „Dadurch, dass unsere Produktion direkt an den Verkauf angeschlossen ist, versuchen wir ohnehin, durch flexibles Backen die Reste so gering wie möglich zu halten“, sagt Mierisch.
Merklicher Wandel im Bewusstsein der Leute
Die Kunden brauchen bloß bei Mierisch anzurufen, um sich eine der Tüten zu sichern. Das hat in der ersten Woche bereits ganz gut geklappt, sagt Maja Mierisch. „Ich erlebe in meinem Umfeld sowieso einen merklichen Wandel, was das Bewusstsein betrifft, Essen wertzuschätzen. Die Menschen sind bereit, dafür auch aktiv etwas zu tun.“ In Hildesheim seien bereits mehrere Unternehmen Teil von Too Good To Go.
Die Tüten sind nicht die erste Innovation von Too Good To Go, um Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. Auch das Mindesthaltbarkeitsdatum spielt dabei eine wichtige Rolle. Das Unternehmen Too Good To Go hat deshalb bereits im November 2019 den Zusatzhinweis „Oft länger gut“ initiiert, der Verbraucher direkt auf ihren Produkten darauf aufmerksam machen soll, dass diese oft nach dem Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums noch einwandfrei genießbar sind.
