Selbsthilfe-Werkstatt

Zugucken, helfen lassen, selber machen: Die Fazze in Hildesheim bringt Fahrräder wieder in Schwung

Hildesheim - Wer Fahrrad fährt, kennt solche Fälle: Die Reifen sind platt oder der Drahtesel hat plötzlich andere Macken. Anstatt die Werkstatt des nächsten Fahrradhändlers aufzusuchen, setzen manche Radler auf Selbsthilfe – und finden Unterstützung.

Gijs Wisse (rechts) hat eine Acht in einem Rad. Achim Degen zeigt ihm, wie sich das Problem beheben lässt. Foto: Wiebke Barth

Hildesheim - Der Reifen ist platt, die Schaltung hakt, die Kette springt dauernd ab: Wer Fahrrad fährt, hat auch mal eine Panne – und nicht unbedingt das nötige Werkzeug und Können, um das Problem selbst zu beheben. In solchen Fällen ist die Fazze, die Fahrradwerkstatt in der Moltkestraße 86, die richtige Adresse. Der Name steht für Fahrradselbsthilfewerkstatt (Fadse). Hier dürfen alle die Ausstattung nutzen, Hilfe gibt es obendrein, und das alles ist auch noch kostenlos. Die Fazze ist dienstags und mittwochs von 17 bis 19.30 Uhr geöffnet.

Alice Altissimo hat das Angebot mit ihrem Fahrrad schon mehrmals genutzt. Heute ist sie allerdings für ihre Freundin aus der Ukraine gekommen, die so gern mal wieder Rad fahren möchte. Für die Freundin hat sie ein ausrangiertes Modell wieder auf Vordermann gebracht. Sie hat die Kette gekürzt und geölt, die Schaltung eingestellt, die Bremse repariert: „Alles unter fachlicher Anleitung“, sagt Alice Altissimo. „Man kommt hierher und kriegt alles erklärt.“

Erklärt hat Franz Konopka, einer von etwa 15 ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen, die hier reparieren, zeigen, organisieren und aufräumen oder die Abrechnung für die Finanzierung der Fazze erstellen. Franz Konopka macht mit, weil er dazu beitragen will, dass Fahrräder länger genutzt werden können, und mehr Menschen Fahrrad fahren: „Mobilitätswandel auf lokaler Ebene“, erklärt er.



Zuschüsse vom AStA der HAWK und vom AStA der Universität

Gijs Wisse hat eine Acht in einem Rad. Nun muss das Rad ausgebaut und zentriert, das Ritzel abgebaut, müssen die Speichen ersetzt werden: „Das kann ich allein nicht“, sagt Gijs Wisse. Stattdessen schaut er Achim Degen über die Schulter, der ihm jeden Arbeitsschritt zeigt und erklärt.

Die Fazze, die es seit 30 Jahren gibt, wird vom AStA der Universität Hildesheim und vom AStA der HAWK jeweils mit 200 bis 500 Euro pro Semester unterstützt – Geld für Werkzeug oder Öl zum Beispiel, erläutert Daniel Dittrich, seit 2010 in der Fazze dabei. Verschleißteile wie Ketten und Bremsbeläge müssen Nutzer und Nutzerinnen selbst mitbringen.

Ersatzteile lassen sich manchmal aus gespendeten Rädern ausbauen, die nicht mehr zu retten sind. So wie das Fahrrad, das Leah Kiehne im Keller ihrer WG gefunden hat. Was sie schon ahnte, haben ihr die Ehrenamtlichen in der Fazze bestätigt: Das Rad ist nicht mehr sicher und kann nicht repariert werden. Nun nimmt Leah Kiehne es auseinander, um die Einzelteile zu verkaufen oder zu verschenken.

Überarbeitete Räder gibt es auf dem Fahrradflohmarkt

Gespendete Räder, die sich wieder in Schuss bringen lassen, werden danach auf dem Fahrradflohmarkt der Universität zu Preisen ab 45 Euro verkauft. Nächster Termin ist der 8. November, von 12 bis 14 Uhr, vor der neuen Mensa auf dem Hauptcampus. Die Einnahmen, so Dittrich, gehen an den Hilde-Lastenradverleih.

Das Gebäude, in dessen Hinterhof die Werkstatt liegt, gehöre ebenfalls der Universität, sagt Dittrich. Im Vorderhaus ist die Abteilung Fotografie des Instituts für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft untergebracht. Es gebe allerdings Überlegungen der Universität, das Gebäude in den nächsten Jahren zu verkaufen, bedauert Dittrich. Dann wäre ein Umzug der Werkstatt notwendig, dabei sei die zentrale Lage in der Oststadt ja sehr vorteilhaft für Menschen, die ein kaputtes Rad schieben müssten.

Das sind auch keineswegs nur Studierende, so wie auch das Ehrenamtlichen-Team sehr gemischt ist. Steffen Ahlbrecht zum Beispiel hatte vor seinem Maschinenbau-Studium eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker gemacht. Im Studium fehlte ihm dann die Arbeit mit den Händen: „Ich habe trockene Finger gekriegt.“ Damit die mal wieder Schmiere abbekamen, hat er in der Fazze angefangen – und nach Abschluss des Studiums weitergemacht.

Wer einfach nur sein Fahrrad reparieren lassen will, ohne selbst mit anzufassen, kann auch die Fahrradwerkstatt der Lebenshilfe im Römerring 96 aufsuchen, die dort hinter dem Lebenshilfe-Laden liegt. Hier arbeiten zehn Beschäftigte mit Behinderung in der Fahrradwerkstatt, zehn weitere in anderen Bereichen. Unterstützt werden sie von drei Gruppenleitern, von denen zwei den Gesellenbrief als Zweiradmechaniker haben.

Die Werkstatt sei für alle da, die Preise moderat, erklärt Gruppenleiter Simon Niegel: Die Inspektion zum Beispiel koste 50 Euro. Er rät aber dazu, unbedingt telefonisch unter 05121/1709 684 einen Termin zu vereinbaren, um nicht unverrichteter Dinge nach Hause gehen zu müssen. Im Sommer gebe es einen Vorlauf von ein bis zwei Wochen.

Die Fahrradwerkstatt „Lichtblick“ der Diakonie Himmelsthür am Angoulêmeplatz ruht derzeit. Wann sie den Betrieb wieder aufnimmt, ist nach Auskunft von Pressesprecherin Ute Quednow noch unklar.

  • Hildesheim
  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.