Welfenschloss bei Nordstemmen

Zwischen Hoffnung, Wut und Ohnmacht: Wie die Mitarbeitenden die letzten Tage auf Schloss Marienburg erleben

Nordstemmen - Zum Jahresende schließt das Schloss Marienburg wegen Sanierungsarbeiten. Manche der Angestellten hoffen noch auf eine Übergangslösung – für andere ist die Hoffnung längst gestorben.

Die letzten Tage des Schlossbetriebs sind angebrochen, Anfang Januar steigt die letzte Veranstaltung auf Schloss Marienburg. Für manche gibt es noch einen Rest Hoffnung – für andere ist die langfristige Schließung längst besiegelt. Foto: Julia Haller

Nordstemmen - „Wieso startet das Karussell nicht?“ Pia-Lorena Neal, die 18-jährige Aushilfe auf Schloss Marienburg, drückt einige Schalter. Ein junges Mädchen wartet geduldig vor dem Fahrgeschäft, aber nichts passiert. „Du musst den großen roten Knopf drücken“, ruft Katrin Welida-Ehlert über den Innenhof. Ein Handgriff, schon erleuchtet das Karussell. Die Fahrt kann losgehen.

Es ist Ende Dezember, die letzten Tage des Wintermärchens 2023 sind angebrochen – vielleicht das letzte Mal, dass diese Veranstaltung überhaupt auf Schloss Marienburg ist? Welida-Ehlert blickt wehmütig zu dem Mädchen auf dem Karussellpferd, das freudestrahlend seine Runden dreht. Genau das ist es, sagt sie, was diese Veranstaltungen auf dem Schloss immer ausgemacht haben. Kultur und Unterhaltung wird vermischt, man bringt bereits den Jüngsten Geschichte bei.

Letzte Bestellung beim Fleischer

Die 47-Jährige selbst hatte das Schloss damals, in ihrer Kindheit, bei einem Klassenausflug zum ersten Mal besucht. 2009 hat sie als Aushilfe angefangen, wurde später Restaurantleiterin, ehe sie vor fünf Jahren ins Büro wechselte. Dort leitet sie nun den gesamten Gastro-Bereich. Zumindest noch die nächsten Wochen. An diesem Morgen Ende Dezember hatte sie einen Fleischer aus Hannover am Telefon. „Das war’s mit uns, es gibt keine weitere Bestellung“, sagte sie ihm.

Von dem Schicksal des Welfenschlosses sind nicht nur die Mitarbeitenden direkt betroffen, sondern auch all jene drumherum. Das Annotopia-Festival, das jährlich Tausende in die Region lockt? Abgesagt. Kinderfeste im Schlosspark, das Open-Air-Kino – Geschichte.

Weinende Bräute am Telefon – und Improvisationsgeschick

Es war der 8. September, als Nicolaus von Schöning, Pächter der Marienburg, seine Führungskräfte ins Büro geholt hat – um ihnen zu sagen, dass das Schloss vorerst überwiegend geschlossen bleibt. Ein neues Gutachten hatte in Teilen der Dachkonstruktion Hausschwamm festgestellt. Welida-Ehlert sagt, sie und die anderen Führungskräfte hätten das erstmal gar nicht glauben können. „Hat er wirklich gesagt, wir können morgen nicht aufmachen?“, hätten sie sich gefragt. „Das hat keiner realisiert.“

Realer hat es sich dann angefühlt, als sie mit Brautpaaren sprechen musste. Am Telefon: weinende Bräute. Und Welida-Ehlert mit ihrem Team, die sechs Trauungen und Feiern irgendwie umgeplant hat. Wenn nicht im Schloss, dann eben im Innenhof. Auch die Gastronomie lief ja weiter. Es wurde improvisiert, es wurden Lösungen gefunden – und es wurde lange an der Hoffnung festgehalten.

Neuer Sitzungsvorstand – neue Hoffnung?

Und nun? Welida-Ehlert seufzt. Am Morgen hat sie die letzten zehn Kündigungen zur Post gebracht. Adressiert an Brautpaare, die sich andere Locations für ihren besonderen Tag suchen müssen. Das ärgert sie; immerhin hätte manches Paar vielleicht noch auf dem Welfenschloss getraut werden können. „Man weiß bis zum letzten Tag nicht, wann es nächstes Jahr mit den Bauarbeiten losgeht“, sagt sie.

Vor wenigen Tagen hatte die Nachricht über einen neuen Stiftungsvorstand bei manch einem neue Hoffnung geweckt – darauf, dass der Vorstand und der Pächter sich auf einen neuen Vertrag einigen, dass die komplette Schließung noch abgewendet werden könnte.

Mitarbeiterin wünscht sich Wanderbaustelle statt komplette Schließung

„Jetzt gibt es die Möglichkeit für Gespräche“, sagt Hanna Rebentisch. Die 29-Jährige ist erst seit September für die Pressearbeit zuständig. Sie hat noch die Hoffnung, dass ihre Kündigung zu Ende Februar vielleicht noch nicht endgültig ist. „Es ist klar, dass saniert werden muss“, sagt sie. Aber wieso nicht stückweise? Im einen Teil anfangen, während ein anderer noch in Betrieb bleibt, und dann weiterziehen, sobald die eine Baustelle erledigt ist?

„Man hat das Gefühl: Vielleicht ist ja doch noch nicht alles vorbei“, sagt auch Wilko Drauschke. Der 33-Jährige arbeitet seit vier Jahren auf dem Schloss; hat anfangs Führungen gegeben, ist mittlerweile im Vertrieb.

Keine Hoffnung – nur noch Wut

Hoffnung, die verspürt Welida-Ehlert keine mehr. Nur Wut. Sie war diejenige, die vier Wochen nach der vorrübergehenden Schließung Anfang September die erste der beiden Online-Petitionen erstellt hat. Über 11.000 Unterschriften sind da zusammengekommen; bei der zweiten Petition sind es aktuell weitere 2841. „Ich hatte lange, lange Hoffnung, aber wie will man weitermachen ohne Team?“, fragt Welida-Ehlert. Die meisten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben bereits neue Jobs. „Ohne sie können wir nicht weitermachen. Das Schloss lebt, so wie es ist, durch das Team.“

Egal, wen man an diesem Tag von den Angestellten anspricht, alle sagen dasselbe: Wie groß der Zusammenhalt ist, wie sehr gemeinsam gekämpft wurde. „Jetzt erst recht“ habe man sich gedacht, sagt Pressesprecherin Rebentisch, „jetzt machen wir das Wintermärchen besonders schön“. Aber letztlich sind sie machtlos, das sagt auch Rebentisch; das Gefühl der Ohnmacht, das ist allgegenwärtig. „Wir haben einen ganzjährigen Betrieb, schreiben schwarze Zahlen – alles umsonst“, sagt Welida-Ehlert. „Sowas wie hier wird es wahrscheinlich nie wieder geben. Etwas, was die Region belebt hat.“

Letzte Veranstaltung: das große Baumplündern

Vom 5. bis 7. Januar wird beim „Baumplündern“ ein Großteil der Weihnachtsdeko vom Wintermärchen zum Verkauf angeboten. Es ist die vorerst letzte Veranstaltung auf Schloss Marienburg. Für einige der noch verbliebenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ist es außerdem die Möglichkeit, sich zu verabschieden, „von einem Traumarbeitsplatz für viele von uns“, wie Welida-Ehlert sagt. Sie blickt zu den Türmen hinauf, nicht länger wütend, da ist nur noch Trauer. „Ich dachte, ich kann hier oben alt werden“, sagt sie schließlich.

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