Hildesheim - Um Punkt 11.55 Uhr sollen die Wecker klingeln. Nur einer hat’s eilig, klingelt schon zwei Minuten zu früh. Egal. Weckruf bleibt Weckruf. Denn es geht darum, zu zeigen: Es ist fünf vor zwölf, und wem die demokratischen Werte dieses Landes etwas bedeuten, der muss jetzt aufwachen. Und laut werden.
Ausgedacht hat sich die Robert-Bosch-Gesamtschule (RBG) diesen Wecker-Flash-Mob. Mit Erfolg: Denn zu dem einsamen, vorschnellen Wecker gesellen sich dann pünktlich auch viele andere in der Hildesheimer Fußgängerzone.
80 Organisationen dabei
Es ist viel los an diesem Samstag in Hildesheim. Ein Stand reiht sich an den anderen – ob Asyl e.V., Ameis Buchecke, die Aids-Hilfe und das Jugendparlament oder ein Großteil der politischen Parteien. Insgesamt machen fast 80 Organisationen, Vereine und Gruppen bei der Meile der Demokratie mit, die vom Huckup einmal durch die Fußgängerzone bis zum Angoulêmeplatz verläuft.
Und zeigen damit: Wir sind tolerant, wir sind weltoffen und wir sind viele. Bei bestem Wetter bummeln Besucher und Besucherinnen an den verschiedenen Ständen vorbei, plaudern mit den Ausstellenden, drehen an den zahlreichen Glücksrädern – oder werden gar selbst kreativ.
Buttons und To-Do-Listen
Bei der RBG stehen zwei große Leinwände, die nach und nach von den Besuchenden mit Kreide bemalt werden. Da stehen Wörter wie Toleranz, Gemeinschaft, Zusammenhalt. Beim Stand von Fairtrade-Town Hildesheim darf sich dagegen jeder einen eigenen Button bedrucken lassen. Entweder vorgefertigte „I love Hildesheim“-Buttons mit regenbogenfarbenem Herz oder eigene Kreationen mit persönlicher Nachricht.
Bei den Ständen der Universität Hildesheim und der HAWK gibt es eine To-Do-Liste, die gefüllt werden will. Was brauchen die Menschen denn, damit es mit der Demokratie weitergehen kann? Für HAWK-Präsident Dr. Marc Hudy und Uni-Präsidentin Dr. May-Britt Kallenrode ist es selbstverständlich, sich mit den Bildungsinstituten an der Veranstaltung zu beteiligen. „Hochschulen sind der Ort für Diskurse“, sagt Dr. Hudy. „Und wo man merkt, wie viel Freiheit es dank Verfassung gibt.“
Lauch gegen rechts...
Wie kreativ Menschen im Kampf gegen Rechtsextremismus sein können, zeigten schon etliche Plakate und Schilder auf der Demonstration gegen rechts Ende Januar. Auch am Samstag ist davon einiges wieder zu sehen. Für Schmunzler sorgt etwa der „Lauch gegen Rechts“ von der Solidarischen Landwirtschaft Immergruen aus Nordstemmen.
„Lauch ist was Schönes“, sagt Arian Obornik von Immergruen zu zwei Besucherinnen. „Oder habt ihr schon mal rechten Lauch gesehen?“ Er und Geschäftspartnerin Henrike Monninger waren bereits bei der Demo mit ihrer gemüstelastigen Anwort auf rechtes Gedankengut unterwegs, auch da kam die Idee bei anderen Demonstrierenden gut an.
... und Omas auch
Die Omas gegen rechts waren ebenfalls schon bei der Demonstration Ende Januar dabei und sind auch diesen Samstag in der Fußgängerzone am Start. Mit Keksen – natürlich selbstgemacht. Vier Jungs mit Migrationshintergrund fragen eine der Frauen, wofür Omas gegen rechts steht. „Wir sind zum Beispiel gegen die AfD“, erklärt sie. „AfD“, fragt der Junge, „sind die nicht gegen Ausländer?“ Die Frau nickt. „Ja, genau!“
Eine andere Oma gegen rechts erzählt im Gespräch mit der HAZ, wie viel Angst ihr die Entwicklungen in Ostdeutschland machten. „Wenn mich meine Enkel später mal fragen, was hast du gemacht, dann möchte ich ihnen sagen: Ich habe wenigstens was gegen rechts gemacht, ich habe es probiert“, sagt die 77-Jährige.
Ein Mann geht an dem Stand vorbei, liest das Plakat. „Omas gegen rechts – das find ich klasse!“, ruft er mit einem Lachen im Gesicht. „Das zeigt, dass die Alten sich nicht alles gefallen lassen.“ Dass so viele Menschen an diesem Samstag in der Hildesheimer Fußgängerzone von Stand zu Stand bummeln, wundert die Omas gegen rechts nicht. Klar, schon die Demonstration war gut besucht, und das Wetter spielt an diesem Samstag auch mit.
Silent Disco von der Kufa
Dass so viele Menschen für einen guten Zweck unterwegs sind, freut auch Wolfgang Brandt. Der 72-Jährige ist im Vorstand des Deutschen Alpenvereins. Der ist an diesem Samstag nicht mit einem Stand dabei, Brandt hatte zu spät von der Aktion erfahren. „Total schade“, sagt er. „Aber nächstes Mal ist der Alpenverein 100 Prozent dabei!“
Wem das Gewusel zwischen Huckup und Angoulêmeplatz zwischendurch dann aber doch mal zu viel wird, der kann bei der Silent Disco verschnaufen. Die Kulturfabrik Löseke hat ein abgedunkeltes Zelt aufgebaut, eine Mini-Disco, wenn man so will. „Vorhin waren schon Kinder hier, die getanzt haben – einer hat sogar erzählt, dass er selbst schon auflegt“, erzählt Exi Curri, Praktikant der Kufa. Über Kopfhörer laufen Elektrobeats, es darf getanzt werden.
Fridays-for-Future macht Krach – und Leonardo DiCaprio ist auch dabei
Alles andere als „silent“, also ruhig, geht es dagegen bei den Mitgliedern der Hildesheimer Fridays-for-Future-Gruppe zu. Die haben einen eigenen Stand am Almstor, mit Dosenwerfen, eine kleine Gruppe zieht den Tag über aber immer wieder durch die Fußgängerzone – mit „wunderbarem Krach“, wie Kim Platzer das nennt. „Das ist die Demokratie-Meile, wir sind laut für die Demokratie und gegen Rechtsextremismus“, sagt auch Vera Wagner.
Glamourös geht es dagegen beim Verein Queerbeet zu. Wer nur beim Vorbeigehen einen Blick auf den Stand wirft, könnte kurz stutzig werden. Ist das etwa... Leonardo DiCaprio?! Er ist es, allerdings nur sein Abbild aus Pappe. Wer mag, kann sich mit Hollywood-Größen oder Popsternchen wie Taylor Swift und Adele bei dem Stand fotografieren. „Das ist ein guter Blickfang, man kann Fotos machen und dann darüber ins Gespräch kommen“, sagt Kevin Arlt aus dem Verein. Dass der Verein bei der Meile der Demokratie mitmacht, ist für ihn selbstverständlich. „Wir stehen für Akzeptanz“, sagt er.
Organisatorin zieht positives Fazit
Organisiert hat die Veranstaltung unter anderem Deborah Will, Kreisvorstandssprecherin der Grünen. Schon vorab haben sie und ihre Mitstreiter aber deutlich gemacht, dass es sich nicht um eine Grünen-Veranstaltung handeln soll. Und so finden sich neben dem Stand der Grünen am Samstag in der Fußgängerzone auch Stände der CDU, der Unabhängigen, der FDP und SPD; auch die PARTEI und die Linke sind vertreten.
Angemeldet hatten Will und ihr Organisationsteam 500 Menschen, die Zahl dürfte deutlich überschritten sein, denkt sie. „Wir sind super überrascht und beeindruckt, wie voll es ist“, sagt Will. „Wie gut die Stimmung auf der Meile ist. Ganz entspannt, viele gute Gespräche, wir bekommen viele gute Rückmeldungen – da können wir nur ein gutes Fazit drunter fassen.“
Nächstes Jahr erneute Meile?
Schon jetzt wird sie häufig gefragt, wie es denn im kommenden Jahr aussieht, ob die Veranstaltung nicht wiederkehren könnte. Für eine Entscheidung sei es aber zu früh. Das Organisationsteam habe in den vergangenen vier Wochen rund um die Uhr gearbeitet, um die Veranstaltung auf die Beine zu stellen. „Aber wir würden uns freuen, wenn die Idee weiterlebt“, sagt Will.






