Fehlende Verträge, missverständliche Werbung

Ärger um den Veranstalter von Schlagerinsel und 90s Super Show: Hildesheimer Platzbetreiber will ihn nicht mehr in der Stadt haben

Hildesheim - Tausende feierten 2022 auf dem Volksfestplatz bei der Schlagerinsel und der 90s Super Show. Eigentlich sollte es eine Neuauflage geben – doch die Hildesheimer Platzbetreiber erteilen dem Veranstalter eine Absage. Und die Zahl wütender Ticketkäufer wächst.

Hildesheim - Tausende feiernde Musikfans, zahlreiche Stars auf der Bühne und ein gutes Geschäft für alle Beteiligten – so lässt sich knapp zusammenfassen, worum es bei den Veranstaltungen Schlagerinsel und 90s Super Show geht. Oder besser: gehen sollte. Denn zuletzt wachsen Ärger und Wut statt guter Laune. Im Fokus der Kritik von Festivalbesuchern und Geschäftsleuten aus der Veranstaltungsbranche: das Unternehmen Media.One und deren Geschäftsführer Denis Pfannmüller.

Wir werden mit diesem Unternehmen keine Geschäfte mehr machen

Klaus Heitmann, Prokurist der Betreibergesellschaft des Volksfestplatzes

Der hatte nach dem Show-Doppelpack auf dem Hildesheimer Volksfestplatz 2022 angekündigt, hier auch 2023 Stars der Schlager und 90er-Jahre-Revival-Szene auf die Bühne zu schicken. Es gab konkrete Termine für Juli, doch dann folgte die Absage – und eine Verlegung der Shows auf 2024. Inzwischen aber scheint klar: Auf dem Volksfestplatz wird Media.One nie wieder mit einer Veranstaltung zu Gast sein. Das kündigt zumindest der Prokurist der Platz-Betreibergesellschaft Event Marketing Hildesheim (EMH), Klaus Heitmann, im Gespräch mit der HAZ an. Nach den beiden Großveranstaltungen 2022 war Heitmann durchaus noch zufrieden mit dem Deal, offen für weitere Buchungen durch Denis Pfannmüller, der mit der Schlagerinsel und der 90s Super Show schon in diversen Städten zu Gast war. Doch heute sagt Klaus Heitmann deutlich: „Wir werden mit diesem Unternehmen keine Geschäfte mehr machen.“

Heitmann hatte bereits ein ungutes Gefühl, als die für den 1. und 8. Juli 2023 geblockten Termine immer näher rückten und es neben der mündlichen Absprache mit Media.One-Chef Denis Pfannmüller immer noch keinen unterzeichneten Vertrag über die Nutzung des Volksfestplatzes gab. Er habe sich wegen der guten Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr zunächst keine Sorgen gemacht, erklärt er. Doch dann begann der Ärger. Zunächst kam im Mai die Absage durch Media.One: Es seien nicht genug Karten für die beiden geplanten Shows verkauft worden, die Durchführung würde sich nicht lohnen. Pfannmüllers Plan: Die Veranstaltungen in Hildesheim 2024 nachholen, die gekauften Tickets sollten ihre Gültigkeit behalten. Und: Wer sein Geld zurückhaben wollte, sollte den Kaufpreis erstattet bekommen.

Ticketkäufer warten weiter auf Erstattungen

Klaus Heitmann wartet bis heute vergeblich auf die von Media.One und Pfannmüller als Ausgleich für die entgangene Platzmiete geforderte Summe von 4000 Euro. Dennis Pfannmüller sagt hingegen, dass diese Zahlung von ihm freiwillig als Entschädigung nur für den Fall angeboten wurde, dass die Veranstaltung in das Jahr 2024 verlegt werden könne, was bisher mangels Vertragsangebots aber nicht gesichert sei.

Diverse Ticketinhaber haben trotz intensiver Bemühungen noch keine Kaufpreis-Erstattung erhalten. So auch eine 28-jährige Hildesheimerin, mit der die HAZ gesprochen hat, und deren E-Mail-Verkehr mit einem Ticketdienstleister sowie Media.One der Redaktion vorliegt. Die Frau hatte für 79,91 Euro zwei Karten für die 90s Super Show gekauft und will die Tickets zurückgeben. Zunächst hatte sie die Auskunft erhalten, die Rückabwicklung werde über den Dienstleister ticket.io laufen – der verwies daraufhin allerdings an Media.One, man sei nicht zuständig. Grundsätzlich übernimmt das Unternehmen ticket.io in der Tat als technischer Dienstleister nicht nur den Kartenverkauf, sondern wenn nötig auch die Rückerstattung. Doch im Fall der Absagen beziehungsweise Verlegungen der beiden Hildesheimer Veranstaltungen war ticket.io nicht mehr zuständig – und zwar, weil Media.One-Chef Denis Pfannmüller das so wollte. Das bestätigt ticket.io-Geschäftsführer Jannusch Frontzek gegenüber der HAZ schriftlich: „Grundsätzlich liegt das Geld aus Ticketverkäufen, bei denen ticket.io als Dienstleister tätig ist, zunächst auf Treuhandkonten und wird bei einer eventuellen Absage einer Veranstaltung dann von uns den Käuferinnen und Käufern erstattet.“

Im Fall der abgesagten Veranstaltungen in Hildesheim, Schlagerinsel und 90s Super Show, sei es aber anders gelaufen. „Media.One und deren Geschäftsführer Denis Pfannmüller hat das Geld von den Treuhandkonten angefordert und in regelmäßigen Teilauszahlungen während des Verkaufsprozesses bereits erhalten. Es handelt sich ja hier um die vereinnahmten Gelder des Veranstalters, und diese stehen ihm bei Anforderung von unserer Seite aus zu.“ Frontzek erklärt: „Media.one will die Erstattung an die Ticketinhaber nach eigenen Angaben selbst organisieren.“

Media.One widerspricht. Richtig sei, dass Ticket.io unmittelbar nach der Verlegung der Veranstaltungen in Hildesheim bereits Erstattungen in Höhe von insgesamt EUR 87.844,31 geleistet hat, und zwar auf den ausdrücklichen Wunsch der Media.One GmbH, um eine schnelle und unkomplizierte Erstattung zu gewährleisten. Diese Erstattungen seien am 14. Juni an Media.One berechnet und vollständig bezahlt. Erst als sich Ticket.io mehrfach beklagt hat, dass der Aufwand der Rückerstattungen zu groß sei und zu viel Aufwand verursachen würde, habe Media.One die Rückerstattungen übernommen. Ticket.io habe noch immer Umsätze und Sicherheitseinbehalte in sechsstelliger Höhe zurückgehalten und sei jetzt bereit einen Teil davon auszuzahlen.

Die Erstattung der Eintrittsgelder läuft allerdings nicht so, wie von den Käufern erhofft. Woran das liegt? Per Instagram bittet der Veranstalter auf Nachfragen um Geduld, reagiert mitunter auch genervt, schreibt zum Beispiel an einen Käufer gerichtet: „Einfach mal abwarten bis alle Anträge abgearbeitet sind. Wir finden das ziemlich unfair!“ Wie viele Menschen, die ihr Geld zurückhaben wollen, es bislang auch bekommen haben, ist ungewiss.

Während die enttäuschte 28-jährige Hildesheimerin und andere Ticketbesitzerinnen weiter auf finanzielle Erstattungen warteten und sich von automatisierten Mails hingehalten fühlten, bewarb Media.One im Internet weiter offensiv die angeblich feststehenden Hildesheimer Shows im Juni 2024. Noch bis zum vergangenen Montag (31. Juli) waren dafür Tickets zu buchen – obwohl Platzbetreiber-Prokurist Klaus Heitmann Media.One-Chef Denis Pfannmüller bereits am 5. Juli per E-Mail aufgefordert hatte, den Vorverkauf zu unterlassen, solange er keinen „verbindlichen Vertrag“ abschließe. Solch ein Vertrag würde auch „eine gewisse Sicherheit für die interessierten Musik-Fans“ bieten, so Heitmann weiter, der Pfannmüller zudem erneut aufforderte, die angeblich mündlich zugesicherte Ausfall-Zahlung von 4000 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer an die EMH zu leisten.

Auf diese Mail habe Pfannmüller nicht reagiert, berichtet Heitmann, der schließlich am 28. Juli den Media.One-Chef erneut anschrieb und in dieser Mail vom ehemals vertrauten „du“ zum „Sie“ wechselte: „Ihre Geschäftspolitik stimmt mit unseren Wertevorstellungen nicht überein.“ Zudem forderte der EMH-Prokurist, „die Rückzahlung der bereits bezahlten Tickets zu veranlassen.“

Wir wollen das Geschäftsgebaren von Media.One nicht weiter unterstützen und haben deswegen den Vertrag mit diesem Unternehmen fristgerecht zum Juni 2024 gekündigt

Jannusch Frontzek, Geschäftsführer von ticket.io

Bemerkenswert: Jannusch Frontzek, Geschäftsführer des technischen Ticketdienstleisters ticket.io, äußert sich ganz ähnlich wie der Hildesheimer Platz-Betreiber: „Wir wollen das Geschäftsgebaren von Media.One nicht weiter unterstützen und haben deswegen den Vertrag mit diesem Unternehmen fristgerecht zum Juni 2024 gekündigt.“ Sein Unternehmen habe ein Image zu pflegen, so Frontzek, „und wir würden gerne mehr tun, um Ticketinhabern zu helfen.“ Aufgrund der vertraglichen Beziehungen habe ticket.io aber bisher keine Handhabe, „über die bereits beschlossenen Schritte hinausgehende Maßnahmen zu treffen“. Aber er kündigt in seiner Stellungnahme an die HAZ am vergangenen Montag auch an: „Wenn wir gesicherte Informationen haben, dass Veranstaltungen nicht stattfinden, werden wir den Verkauf aktiv stoppen.“

Einen Tag später fehlt dann auf dem ticket.io-Verkaufsportal die 90s Super Show in Hildesheim. Hat der Dienstleister also tatsächlich aktiv die Reißleine gezogen, um nichts mit einer Phantom-Show zu tun zu haben, die es nie geben wird? Geschäftsführer Jannusch Frontzek will sich auf erneute Nachfrage nicht weiter äußern.

Dass Media.One eine Veranstaltung bewirbt und Tickets verkauft, obwohl es mit dem Betreiber des angeblichen Veranstaltungsorts gar keinen Vertrag gibt, diese Erfahrung hat nach eigenen Angaben auch Uwe Küster gemacht. Küster ist als Vereinspräsident für die Vermietung des Gelsentrabparks in Gelsenkirchen zuständig. Bereits 2022 hatte er Media.One als Mieter für eine Show auf dem Areal. Das sei „eine schöne Veranstaltung“ gewesen, erzählt Küster in einem Telefonat mit der HAZ. Deswegen hätte er auch für 2023 gerne einen neuen Deal abgeschlossen. Doch nach einer mündlichen Zusage für den 28. August habe Media.One zwar die Werbung und den Vorverkauf für die 90s Super Show gestartet, einen Vertrag habe Denis Pfannmüller allerdings trotz mehrfachen Nachhakens bei schlechter Erreichbarkeit nicht unterschrieben, berichtet Küster. Deswegen habe er dem einstigen Kunden schließlich unmissverständlich klar gemacht: Den Trabrennpark werde Media.One nicht bekommen. Das bedeute einen finanziellen Verlust, sagt Küster. Schließlich habe er die Anlage für den Termin geblockt und andere Anfragen abgelehnt. Pfannmüller sieht dies anders. Ein solcher bereits angekündigter Vertrag für 2023 liege ihm bis zum heutigen Tage nicht vor und hätte somit überhaupt nicht unterschrieben werden können.

Shows abgesagt, neue Ersatztermine veröffentlich

Media.One hat die für Gelsenkirchen geplante Show mittlerweile abgesagt und als Ersatz-Show eine Veranstaltung für den 23. März 2024 in der Essener Grugahalle angekündigt. Auch die für Samstag, 5. August, angekündigte 90s Super Show in Leipzig findet nicht wie geplant statt; Media.One hat sie in die Quarterback Immobilien Arena auf den 25. November verlegt. Sprecher der jeweiligen Hallenbetreiber bestätigen auf HAZ-Nachfrage: Die Termine seien geblockt, man gehe davon aus, dass die Veranstaltungen stattfinden.

Und wir haben euch mehrfach gesagt, dass eure Postings sehr missverständlich sind, dass man annehmen könnte, dass ich dabei wäre. Hab da nix mit zu tun... tut mir leid, dass sich Leute deshalb ärgern

Oli.P auf Instagram

In sozialen Medien häufen sich unterdessen Kommentare wütender Musikfans – gerade auch seit der vergangenen 90s Super Show in Hamburg vom 22. Juli. Zwischen Posts von sehr zufriedenen Zuschauern („War so geil!“) gibt es viele, die sich über das Programm ärgern: Sie sind aufgrund der Werbung im Vorfeld davon ausgegangen, dass andere Künstler auftreten als letztlich auf der Bühne standen, zum Beispiel Oli.P. Der Veranstalter behauptet dazu auf dem Instagram-Kanal 90s_supershow, Oli.P habe einen TV-Auftritt gehabt und sei deswegen nicht dabei gewesen. Eine direkte Stellungnahme über den Instagram-Account des Sängers oli.p_offiziell legt allerdings etwas anderes nahe: Es habe nie einen Vertrag für das Event gegeben, der Hamburg-Termin habe auch nie in seinem öffentlichen Plan gestanden. Weiter erklärt P, der mit bürgerlichem Namen Oliver Petszokat heißt, an die Veranstalter gerichtet: „Und wir haben euch mehrfach gesagt, dass eure Postings sehr missverständlich sind, dass man annehmen könnte, dass ich dabei wäre. Hab da nix mit zu tun... tut mir leid, dass sich Leute deshalb ärgern.“ Was der Media.One-Geschäftsführer zu dieser öffentlichen Blamage sagt? Auch dazu äußert sich Pfannmüller gegenüber der HAZ bisher nicht.

Ärger steht dem Veranstalter auch noch aus Richtung einer anderen Künstlerin ins Haus, die er mit Media.One für die Show Schlagerinsel im Jahr 2022 gebucht hatte. Kerstin Ott („Die immer lacht“) war in Hildesheim vor tausenden begeisterter Fans aufgetreten. Nach HAZ-Informationen steht aber aus Vereinbarungen aus dem Jahr 2022 noch Gage aus. Otts Manager Holger Storm erklärt auf HAZ-Nachfrage: „Wir haben Anzeige erstattet. Es gibt ein laufendes Verfahren, deswegen werde ich mich zu Details aber nicht weiter äußern.“ Media One beharrt hingegen, dass Kerstin Ott für sämtliche absolvierten Auftritte ihre vollständige Gage erhalten habe.

Nach HAZ-Informationen gibt es mindestens zwei weitere Dienstleister aus dem Veranstaltungsbereich, die finanzielle Forderungen an die Media.One GmbH haben und bereits Anwälte eingeschaltet haben, um eventuell doch noch an ihr Geld zu kommen.

Weiterer Geschäftspartner beendet Zusammenarbeit

Einer, der zunächst ziemlich reibungslos mit Media.One und dessen Chef Pfannmüller kooperiert hatte, ist Manuel Pielka, Chef der Booking-Agentur MPM Music. Damit ist nun allerdings Schluss, wie Unternehmenssprecher Dominik Uebbing gegenüber der HAZ mitteilt. Die Agentur hatte 2019 bis 2022 mehrfach mit Media.One zusammengearbeitet und nach eigenen Angaben „den Großteil des Bookings“ für die 90s Super Shows übernommen. Die ursprünglich für 2023 geplante exklusive Übernahme des Bookings werde es aber nicht geben, erklärt Uebbing. „Aus für uns zwingenden Gründen, auf die wir aus juristischen Gründen allerdings hier nicht eingehen möchten, haben wir die Zusammenarbeit mit Media.One und Denis Pfannmüller Ende Februar für zukünftige Veranstaltungen komplett beendet.“ Wie auch der Hildesheimer Platz-Prokurist Klaus Heitmann hofft Uebbing, dass möglichst alle Ticketinhaber, die ihre Karten für Vernanstaltungen von Media.One zurückgeben wollen, ihr Geld auch tatsächlich zurückbekommen. Pfannmüller gibt an, nicht die Booking-Agentur MPM habe im Februar 2023 den Vertrag mit Media.One gekündigt, sondern Media.One habe den Vertrag gekündigt. Zudem wolle Media.One „offene Forderungen“ gegen MPM gerichtlich einklagen.


NACHTRAG: Der Media.One-Geschäftsführer hatte vor Veröffentlichung des Artikels einen umfangreichen Fragenkatalog der HAZ bekommen, aber innerhalb der gesetzten Frist von 48 Stunden nicht geantwortet. Per Mail ließ er der Redaktion dann am 7. August eine Stellungnahme zukommen. Wir haben diese in dem Artikel ergänzt.

Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.