Hildesheim - Bislang hatten die Planer das Wort, die Politiker, die das Vorhaben auf den Weg gebracht haben, und eine Bürgerinitiative, die sich schnell in eine Gegenposition gebracht hat – allen geht es um die künftige Nutzung des landschaftlichen Areals im Süden der Stadt Hildesheim, den Wasserkamp. Dass er ein Baugebiet werden wird, scheint nun ziemlich sicher. Das zeigt der aktuelle Blick auf die Positionen der einzelnen Parteien im Hildesheimer Stadtrat.
Doch wie genau soll das neue Baugebiet Wasserkamp gestaltet werden? Und unterscheiden sich zum Beispiel die beiden derzeit größten Plangebiete Wasserkamp im Süden und Pappelallee im Westen? Derzeit gibt es noch viele offene Fragen, zu denen nun vor allem die Bürger und damit auch potenzielle Bewohner gebeten werden, ihre Meinung kundzutun. Mit einem Workshop an diesem Samstag, 14. Januar, in der Heinrich-Engelke-Halle und der nebenan gelegenen Grundschule Itzum. Von 11 bis 15 Uhr liegen die Pläne aus, stehen Planer und Stadtverantwortliche Rede und Antwort. Auch etliche Politiker haben ihr Kommen angekündigt.
Großer Zulauf erwartet
Weil die Veranstalter mit reichlich Zulauf rechnen, haben sie mehrere Gruppenangebote vorbereitet, bei denen die zentralen Themen im Fokus stehen sollen. Eine Station richtet sich vor allem an diejenigen, die dem gesamten Vorhaben kritisch gegenüberstehen. Auf diese Weise soll es möglich werden, dass thematisch möglichst konstruktiv an den Ideen der Planer debattiert werden kann, stellt Susann Liepe vom Berliner Planungsbüro Lokation:S das Konzept vor. „Alle Einwürfe und Vorschläge werden gesammelt und später gebündelt in den Prozess einbezogen“, sagt sie.
Von Anfang an sollen, wie auch beim Vorhaben an der Pappelallee, die Bürger und Bürgerinnen vorzeitig einbezogen werden – so die Haltung der Stadt. Und was die Planung beider Wohngebiete auch charakterisiert, ist, dass sie ganzheitlich betrachtet werden. Dabei spielen folgende Fragen eine Rolle: Wie will man künftig wohnen? Wie ökologisch verträglich ist das Wohngebiet? Welche Angebote sollen ein nachbarschaftliches Verhältnis fördern? Welches Mobilitätskonzept wird geboten, also auch, welche Rolle spielt das Auto noch? Und auch: Wie teuer wird das Wohnen für Besitzer und Mieter, wenn die Vorgaben für eine klimafreundliche Energieversorgung vorgegeben werden?
Die Wohnstruktur
Als Vorschläge für die städtebauliche Lösung werden drei Varianten vorgelegt. Bei allen ist im Wesentlichen die Art der Bebauung vergleichbar durch die Zahl der Einfamilienhäuser (rund 140), der Doppelhaushälften (rund 160), der Reihenhäuser (rund 100) der Mehrfamilienhäuser (rund 250 Wohneinheiten) und damit auch dem Anteil der voraussichtlichen Mietwohnungen. Hinzu kommt, für Hildesheim eine Innovation, eine Fläche für 44 sogenannte Tiny Häuser. Diese sind – zusammen mit Ein- und Zweifamilienhäusern in dem Areal zwischen Südfriedhof und Innerste-Aue – in allen drei Varianten gleich vorgesehen.
Unterschiedlich ist aber die Anordnung der Gebäude auf den Hauptflächen der drei Varianten. Dabei gibt die Drei-Finger-Lösung (Variante 1) drei für sich stehende Baufelder vor mit jeweils eigenen zentralen Erschließungsstraßen. Die drei Wohninseln werden zudem getrennt durch Grüngürtel. Ein eher klassisches Siedlungsmodell.
Variante I: drei Riegel
Sie können das Bild mit ihren Fingern/der Maus herein und herauszoomen und den Ausschnitt des Bildes nach links und rechts schieben.
Variante II: das Netz
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Variante III: die Strahlen
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Wie laufen die Straßen?
Anders gestaltet sich die Idee, die Bebauungsgruppen auf insgesamt fünf Inseln zu verteilen wie ein Atoll (Variante 2), sie sollen durch Querverbindungen erreichbar sein. Hier werden die Grünflächen auf den Inseln angesiedelt und um die Inseln herum. Eine weniger streng anmutende Variante.
Variante drei erinnert an die bereits in Neu-Itzum vorhandene Struktur der Wohnsiedlungen. Sie sind wie eine Art Haufen angelegt, der als Hauptader durch eine Ringstraße an die Marienburger Straße angeschlossen wird.
Vergleich zur Pappelallee
Was bei allen drei Varianten auffällt, ist, dass es sich dabei um ähnlich verdichtete Siedlungsformen handelt, also viele Ein- und Zweifamilienhäuser – nur anders verteilt. Bei der Planung des Wohngebietes auf dem Moritzberg an der Pappelallee gab es eine andere Entwicklung: Die leitende Frage war, mehr Grünfläche und damit eine eher parkähnliche Nutzung auch für andere Bewohner des Moritzberges oder eine flächige Bebauung zugunsten kleinerer Gebäude.
Bei der Pappelallee hat sich die Planung nach der Bürgerbeteiligung in Richtung Kompromiss entwickelt, das heißt, das Wohnen wird dort durch Hochbauten verdichtet, aber es bleibt eine großzügige zusammenhängende Grünfläche – also ein Park. Die Hochbauten dienen aber auch mit Blick auf die B1 als akustischer Schutzriegel. Ein Thema, das auf der Höhe nicht so ins Gewicht fällt. Gleichwohl wird es keine Parklösung geben. Und damit rückt die Frage nach der ökologischen Verträglichkeit in den Fokus.
Naturschutz für die Innersteaue
Entlang der Innerste gibt es ein beliebtes Naherholungsgebiet, das aber auch unter landschaftlichem Schutz als Naturraum steht. Was passiert, wenn sich dort plötzlich möglicherweise mehr als 2000 neue Menschen ansiedeln, die alle ein Bedürfnis haben, sich in ihrem Umfeld zu bewegen? Um den Bereich zu schützen, wollen die Planer mit sanften Methoden vorgehen, also ohne Verbote. Aber die Zuwege sollen verringert werden. Außerdem sollen die Grünflächen im neuen Wohngebiet Wasserkamp so gestaltet werden, dass sie attraktiv genug sind, ein Abwandern an die Innerste zu verhindern und dort vor allem die Tierwelt in Ruhe zu lassen. Die Frage ist: Kann das gelingen, und wenn ja, wie am besten?
Denn wie der Vergleich zum Moritzberger Pappelalleekonzept zeigt, gibt es für den Wasserkamp keine parkähnliche Lösung. Deswegen sollen die nachbarschaftlichen Nahraumlösungen für mehr soziale Nähe und entsprechende Distanz zum Naturschutzgebiet sorgen. Dabei spielt auch die in den drei Grafiken abgebildeten Gelbflächen eine große Rolle. Sie zeigen das archäologische Potenzialgebiet.
Grünflächen contra Innersteaue
Sie sollen eine Art Parkersatz bieten, gleichzeitig für die Zukunft als unbebaute Fläche jederzeit für weitere Grabungen genutzt werden können. Ein Konzept, das auf Attraktivtät setzt. Denn so eine Grabung ist auch immer eine Art Magnet. Für Bewohner, möglicherweise aber auch für weitere Gäste. Und für die gibt es zudem in dem neuen Wohngebiet einen weiteren Magneten: ein Supermarkt samt einem Drogeriemarkt. Das wird möglicherweise für die Planer und Politiker bei der Entscheidung zu einem der Knackpunkte werden.
Ein neuer Supermarkt?
Mit seinen derzeit bereits knapp über 8000 Einwohnern verfügt der Stadtteil Itzum in der Nähe des geplanten Wohngebietes Wasserkamp bereits über verschiedene Einkaufsmärkte. Hinzu kommt der Edekamarkt am Hauptcampus der Universität. Dort gibt es zwar für die Zukunft ebenfalls umfangreiche Baupläne, während deren Realisierung der Einkaufsmarkt dort voraussichtlich vorübergehend schließen muss. Aber langfristig gesehen bleibt dort die Option erhalten. Braucht also ein Wohngebiet Wasserkamp knapp 700 neuen Wohneinheiten ein eigenes Einkaufszentrum?
Zum Vergleich noch einmal der Blick auf den Moritzberg. Dort wird an der Pappelallee für rund 1000 neue Bewohner geplant – ohne neuen Markt. Rewe, Penny und Rossmann sind bereits als große Märkte für den in den vergangenen Jahren stark gewachsenen Stadtteil ausreichend – mit Einkaufsluft nach oben. Auch die Parkflächen für Einkaufskunden sind in ausreichender Zahl vorhanden, zumal auch andere Stadtteilbewohner auf ihren Wegen hier gerne Halt machen, um einzukaufen.
Einkaufsverkehre?
Egal, wo im Wasserkamp der Markt auch angesiedelt würde. Grundsätzlich stellt sich die Frage, wäre er groß genug, um für einen Betreiber lukrativ zu sein. Würde eventuell einer der anderen Rewe-Märkte schließen müssen? Und was bedeutet ein neuer Markt für die verkehrliche Belastung des Wasserkamps. Einerseits könnte man davon ausgehen, dass er fußläufig für die neuen Anlieger erreichbar ist, so dass sie nicht vorfahren müssten. Das Thema Parkfläche wird von den Planern so gelöst, dass sie sich ein Parkdeck auf den Märkten vorstellen.
Ein Konzept, das Marktbetreiber immer noch ablehnen. Sie setzen auf das ebenerdige Parken vor dem Eingangsbereich. Die bequemste Lösung, möglichst volle Einkaufswagen zum Kofferraum zu schieben.
Andererseits könnte ein Markt vor der eigenen Haustür auch heißen, dass man kleinere Mengen für den eigenen Bedarf eben zu Fuß oder per Lastenrad abholt. Das Thema scheint beim Konzept für die Pappelallee aufgehen zu können. Denn hier setzen die Planer schon grundsätzlich auf ein für Hildesheimer Verhältnisse völlig neues Konzept: ein autoarmes Quartier. Also der Umstieg auf andere Mobilitätslösungen. Doch der Trend zeichnet sich beim Wasserkamp noch nicht ab.
Auto, Rad oder Bus?
Eine Vorabumfrage zum Wasserkamp hat ein sehr diffuses Bild bei den Vorstellungen abgegeben. Auch hier lohnt sich der Vergleich zum Moritzberg, wo sich vor allem viele junge Familien mit Wohninteresse gemeldet haben. Deren Ausrichtung ist zunehmend ökologischer. Viele können sich vorstellen, auf ein eigenes Auto zu verzichten. Eine Praxis, die in der gleichen Altersgruppe längst normal geworden ist, wenn als Wohnort eine Großstadt eine Rolle spielt. Dort kann man im kleinräumigen Umfeld mit Rad und Lastenrad das meiste erledigen. Der ÖPNV und ein Teil- oder Leihauto lösen alle weiteren Mobilitätsfragen.
Doch beim Wasserkamp haben sich im Vorfeld vor allem auch Ältere zu Wort gemeldet. Wenn die zudem ein Kaufinteresse signalisiert haben, dann ist damit gleichzeitig oft der Wunsch verbunden, das eigene Auto vor der Tür stehen zu haben. Doch die Umfragedaten bleiben auch diffus, weil in die Ergebnisse auch die Stimmen derjenigen einfließen, die sich grundsätzlich gegen ein neues Baugebiet entschieden haben.
Wie teuer wird das Wohnen?
Kann also der Wasserkamp auch autoarm werden wie das Plangebiet Pappelallee? Für den Wasserkamp sind jedenfalls ebenfalls zentrale Abstellparkhäuser vorgesehen, die zumindest das erreichen, was auch im neuen Wohngebiet Ostend Realität wird: Die Autos verschwinden – zumindest aus dem Sichtbereich. Im Ostend vor allem in Tiefgaragen. Das ist im Ostend und auf dem Moritzberg wegen der hohen Grundwasserstände nur mit sehr hohen Kosten zu bewerkstelligen. Und die Kosten für das Bauen und die Energiekonzepte sind an sich schon hoch.
Das Thema eigenes Auto wird also das neue Vorhaben ebenfalls begleiten. Und entweder durch neue nachbarschaftliche Modelle – also auch Teilen von Mobilität – von alleine an Stellenwert verlieren. Oder aber im Gegenteil durch den Trend zum eigenen Haus auch den Wunsch nach dem eigenen Auto und eventuell Zweitwagen befeuern. Als Vorgabe nutzt die Verwaltung – noch zögerlich, aber immerhin – die Option das Parkraumverhältnis so zu verändern, dass die Anzahl der Autos möglichst gering gehalten werden kann. Doch beim Thema Mobilität und ÖPNV steht die Stadt noch ziemlich am Anfang ihrer Möglichkeiten. Das führt zur Frage der Kosten.
Kosten steigen erheblich
Eine heikle Frage. Die Stadt hat als Vermarkterin schon viel investiert. Und sie will ein Vorzeigequartier, das sich energetisch selbst versorgt. Bei steigenden Preisen im Baubereich wird die Luft eng für Bauwillige. Und auch Mieten müssen noch kalkulierbar bleiben. Auch auf den sozialen Wohnmarkt wirken sich die Kosten negativ aus. Damit stellt sich die Frage, wer kann sich das Wohnen auf dem Wasserkamp überhaupt leisten. Und hier schließt sich der Kreis zu den anderen Themen. Was bedeutet das am Ende für das soziale Miteinander? Viel Gesprächsstoff also für den Samstag.
Von Norbert Mierzowsky und Rainer Breda
