Kolumne „Unter uns“

Der Fall Collien Fernandes und der ewige Teufelskreis: Wann ändert sich endlich was?

Hildesheim - Die Vorwürfe von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann erschüttern die Nation. HAZ-Kolumnistin Katharina Brecht ist müde von immer neuen, entsetzlichen Taten von Männern gegenüber ihren Frauen, die ans Licht kommen. Was muss noch passieren, damit sich endlich etwas ändert?

In der neuen HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller abwechselnd zu Themen, die sie bewegen. Foto: HAZ

Hildesheim - Es steht außer Frage, worüber ich dir diese Woche schreiben muss, liebe Julia. Der Spiegel-Bericht über Collien Fernandes’ Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann hat dich letzten Donnerstag genauso geschockt wie mich. Christian Ulmen soll mutmaßlich „Hunderte von Männern“ im Namen seiner damaligen Frau kontaktiert, sexuelle Gespräche geführt und ihnen KI-generierte pornografische Fotos und Videos geschickt haben, die angeblich Fernandes zeigen. Mir fehlen die Worte. Weil es entsetzliche Dinge sind, die Ulmen seiner Frau angetan haben soll. Aber auch, weil es sich anfühlt, als würde ich mich nur wiederholen. Denn haben wir beide all das, was mir zu Fernandes’ Schicksal einfällt, nicht schon so oft besprochen?

Zum Beispiel neulich, als erschreckende Zahlen einer Dunkelfeldstudie erneut belegt haben, dass die größte Gefahr für Frauen oft der Mann ist, der neben ihr im Bett liegt, und nicht irgendein Fremder. Oder als du mir von Gisèle Pelicot und ihrem tollen Satz: „Die Scham muss die Seiten wechseln“ geschrieben hast – das wünscht sich auch Collien Fernandes. Außerdem kamen mir die Freunde eines Reality-TV-Stars in den Sinn, dem sexualisierte Gewalt vorgeworfen wurde, und die ihn in Schutz nahmen: Der ist ein Guter, der würde sowas niemals machen! Sicherlich hätten das auch Ulmens Freunde über ihn gesagt. Jedoch verhalten sich ein paar von ihnen anders: Sie solidarisieren sich mit Fernandes. „Mit meinem Freund Christian konnte ich das ihm vorgeworfene entwürdigende Verhalten zwar überhaupt nicht zusammenbringen“, schrieb etwa Benjamin von Stuckrad-Barre, „ich muss das aber jetzt tun, das ist die Lage.“ Immerhin: ein Mann, der Position bezieht – denn geäußert haben sich vor allem in den ersten Tagen nur Frauen. Doch es ist so wichtig, dass auch Männer laut werden, damit sich endlich etwas ändert. Dass sie sich mit den Strukturen und Mustern auseinandersetzen, die für uns Frauen Alltag sind. Es ist Zeit, dass der Teufelskreis durchbrochen wird und wir nicht jeden Tag aufs Neue von Machtmissbrauch, Gewalt oder einem weiteren Femizid hören. Denn ja, es sind nicht alle Männer. Aber es ist immer ein Mann. Es reicht jetzt!


In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.

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