Hildesheim - Anhänger der Schwarzen Szene dürften dieses Jahr beim M’era Luna auf ihre Kosten kommen. Für Menschen, die mit der Gothic weniger am Hut haben, hält das Programm hingegen kaum Bands bereit, die zu einem Besuch auf dem Flugplatz von Hildesheim verleiten würden. Vor allem Szene-Stars und -Sternchen sollen am zweiten August-Wochenende die Nacht zum Leuchten bringen – um mal im Bild des Festivals mit seinem Mond-Logo zu bleiben.
Die meiste Aufmerksamkeit dürfte dieses Jahr auf Front 242 liegen. Die Gruppe aus Belgien gilt als Wegbereiter der Electronic Body Music, kurz EBM. Seit 1981 bereisen die Mannen die Clubs und Bühnen dieser Welt – und wollen jetzt Schluss machen. Front 242 gehen auf Abschiedstournee. 2025 beendet die Band ihre Karriere. 30 Konzerte weltweit stehen auf dem Programm, acht soll es in Deutschland geben, zwei davon sind bereits ausverkauft. Der Auftritt zur besten Zeit beim M’era Luna ist quasi der Auftakt zu dieser „Black Out“-Tour. Ein paar exklusive Konzerte gab es schon, Fans und Fachpresse waren begeistert. Unter anderem, weil die Band dabei Songs gespielt hat, die es seit den 1980ern nicht mehr live zu hören gab.
Viel Licht und viel Schatten
Auf dem M’era Luna war Front 242 zuletzt 2018. Sehr viel länger haben sich Epica nicht in Hildesheim blicken lassen. 2008 trat die Symphonic-Metal-Band aus den Niederlanden zuletzt hier auf. Deine Lakaien, die dieses Jahr ebenfalls dabei sind, haben immerhin seit 2014 pausiert. dArtagnan, benannt nach und verkleidet wie ein Musketier aus dem Literaturklassiker, feiern dieses Jahr sogar M’era-Luna-Premiere.
Allerdings: Wo viel Mondlicht ist, ist auch Schatten. Denn auch in diesem Jahr präsentiert das Festival eine Reihe von Wiederholungen. Lord Of The Lost, Schandmaul und Lacrimas Profundere stand erst 2022 auf der M’era-Luna-Bühne. Im selben Jahren waren mit ASP und VNV Nation sogar zwei der diesjährigen Headliner vertreten. Ja: Lord Of The Lost traten damals mit Orchester auf, Lacrimas Profundere waren Einspringer, ASP feiern dieses Jahr 25-jähriges Bestehen und Ronan Harris von VNV Nation ist ohnehin ein berüchtigtes Arbeitstier, der immer neues Material dabei hat.
Sehnsucht nach Außergewöhnlichem
Trotzdem: Wer das Programm von 2019 neben das von diesem Jahr legt – 2020 und 2021 fiel das Festival wegen Corona aus – findet ganze zehn Dopplungen. Die Bands mögen alle neue Programme oder Ideen mitbringen. Andy LePlegua verspricht zum Beispiel mit einem Old-School-Set zu den Anfangen von Combichrist zurückzukehren. Oomph! bringen ihren neuen Sänger mit, und Saltatio Mortis haben gerade ein neues Album veröffentlicht. Aber als langjähriger Weggefährte und Festivalgänger steigt doch die Sehnsucht nach Außergewöhnlichem.
Im Vorjahr kam immerhin Ex-HIM-Frontmann Ville Valo und taten sich Joachim Witt und Peter Heppner wieder zusammen. Aber wirklich überraschen konnte das M’era Luna zuletzt 2018, als mit The Prodigy eine Band auf der Bühne stand, die es hier nicht alle paar Jahre gab. Ganz zu schweigen von 2014 oder 2015 als Paradise Lost und Marilyn Manson oder die Einstürzenden Neubauten und Rob Zombie sich die Ehre gaben. Mancher Szene-Fan freut sich aber sicher auch darüber, dass das M’era Luna sich einem Ausverkauf ans Partyvölkchen verweigert und Szenegrößen den Vorrang lässt. Das macht für viele Fans den Reiz dieses Festivals aus. Aber die Szene ist überschaubar, sodass Wiederholungen eben auffallen.


