Reportage

Nach dem Einsatz aufs Feld: Hildesheimer Polizist schöpft als Erntehelfer Kraft für seinen stressigen Job

Hildesheim - Jörg Eisebitt ist Polizist in Hildesheim und in seiner Freizeit Erntehelfer. Von einem, der die Demokratie schützt – und die Kraft dafür auch auf Feldern findet.

Hildesheim - Die langsam untergehende Sonne taucht das Innerstetal in sanfte Orangetöne. Dichte Staubwolken ziehen über die Umgebung. Sie entstehen immer dort, wo Jörg Eisebitt gerade mit seinem Mähdrescher durch den reifen Raps zwischen Klein Elbe und Haverlah fährt. Das schwere Arbeitsgerät brummt sonor vor sich hin. Vorn verschlingt das Mähwerk nach und nach Millionen Halme. Wenn man sich lang macht, kann man die schwarzen Rapskörner sehen, die oberhalb der Fahrerkabine als armdicker Strahl in einen Tank gepustet werden. Dieser fasst etwas mehr als 10.000 Liter. Kurz bevor er voll ist, bekommt Eisebitt eine Mitteilung auf ein Display. Dann fährt er zu einem Hänger am Rand des Feldes und lädt die Körner über einen seitlich angebrachten Rüssel ab. Und mäht weiter. Und entlädt. Und mäht. Und entlädt. „Ich könnte das den ganzen Tag machen“, sagt der 47-Jährige, während er konzentriert die Displays des Mähdreschers im Auge behält. „Man kann so gut sehen, was man schon geschafft hat.“

Ich könnte das den ganzen Tag machen

Jörg Eisebitt, Polizist und Erntehelfer

Als Landwirt oder professioneller Erntehelfer könnte er immer so weiter machen. Aber Eisebitt ist seit mehr als zwei Jahrzehnten Polizist. Bei der Ernte hilft er in seiner Freizeit. Und das von Kindesbeinen an. „Ich habe hier schon als Kind auf dem Trecker gesessen“, erzählt der Baddeckenstedter, während der Mähdrescher in Schrittgeschwindigkeit über das Feld rollt. Sein Großvater Herbert Mölm, ein gelernter Bergbau-Hauer, arbeitete damals für den Eigentümer der Flächen. Als junger Erwachsener stieg Eisebitt schließlich selbst in seiner Freizeit ein.

Ein Ausgleich zum stressigen Polizistenjob

Das aufwendige Hobby ist für ihn ein Ausgleich zum stressigen Polizistenjob. Der Hauptkommissar ist Dienstabteilungsleiter bei der Polizeiinspektion Hildesheim. Wenn er etwa Nachtschicht hat, ist er verantwortlich für alles, was in der Zentrale an der Schützenwiese und allen Kommissariaten im Landkreis passiert. Sein Gesicht ist darüber hinaus einem größeren Fernsehpublikum bekannt, weil er als Leiter der „Kontrollgruppe Krad“ der Polizeidirektion Göttingen regelmäßig zu Motorradkontrollen an den beliebten Strecken rund um Hildesheim ausrückt. In den vergangenen Jahren ist er häufig von Fernsehteams begleitet worden. Wer im Internet seinen Namen in Verbindung mit dem Begriff Motorrad eingibt, erhält viele Treffer, die zu TV-Sendern oder Youtube-Videos führen. Man kann dort sehen, wie er in Uniform kontrolliert, diskutiert, Motorräder aus dem Verkehr zieht und gelegentlich auch renitente Biker auf den Pott setzt.

Polizist zu sein, das gefällt Eisebitt. Mit Menschen umzugehen, Kolleginnen wie Bürgern, und die Demokratie zu schützen erfüllt ihn durch und durch. „Die Landwirtschaft ist mein Ausgleich“, sagt er. Auf dem Trecker oder Mäher in den Feldern bringt ihn nach Feierabend und im Urlaub dicht an seine Familie, zu den Ursprüngen, zur Natur, zur Erde. „Hier fühle ich mich wohl, das ist ein Stück weit Heimat für mich“, sagt er.

Irgendwann taucht ein Jäger auf – und wartet auf Wildschweine

Eisebitt hat jetzt fast das halbe Feld abgeerntet. Etwas entfernt taucht nun ein Jäger mit geschultertem Gewehr auf und bringt ein Stativ in Position. „Der wartet vermutlich darauf, dass Wildschweine aus dem Raps laufen“, sagt Eisebitt. Die Tiere versteckten sich gern im Raps, würden aber irgendwann fliehen, wenn man ihnen zu nahe kommt. Wohingegen Rehe Raps eher mieden. „Ich habe glücklicherweise noch kein Reh beim Mähen getötet“, sagt er. Allerdings seien ihm schon Füchse direkt ins Mähwerk gelaufen. Das tue ihm leid. „Aber in dem Moment kann man nichts mehr machen“, sagt er.

Ich habe glücklicherweise noch kein Reh beim Mähen getötet

Jörg Eisebitt, Erntehelfer

Das Mähwerk allein ist ein tonnenschwerer Gigant, fast sieben Meter breit, an dessen Unterseite Dutzende scharfe Messer knapp über den Boden gleiten. Eisebitt steuert ihn mit seiner rechten Hand über einen kleinen Joystick. Der Mähdrescher ist Hightech und simpel in einem. Auf der einen Seite bewegt er sich satellitengesteuert über die Felder, die meisten Arbeitsschritte erledigt Eisebitt mit eben jenem Joystick. Aber im Inneren des Fahrzeugs passiert im Grunde nichts anderes, als das, was schon Landwirte und Erntehelfer vor Jahrhunderten taten: Die abgeschnittenen Halme werden gedroschen. Die Körner fallen nach unten und werden aufgefangen, die Halme werden zerkleinert auf dem Boden zurückgelassen. Wo Eisebitt fertig ist, sind sie kaum noch als Halme zu erkennen. „Wir pflügen sie als Biomasse wieder unter“, sagt Eisebitt.

Sein Chef freut sich über den zupackenden Polizisten

Das Rapsfeld ist sieben bis acht Hektar groß. „Pro Stunde schaffe ich etwa zweieinhalb Hektar“, sagt der Erntehelfer. Irgendwann meldet sich Christian Sasse per Handy. „Brauchst du noch einen Wagen?“, fragt er aus dem Lautsprecher. Sasse ist nicht nur Miteigentümer der etwa 430 Hektar Flächen und Geschäftsführer der hier wirtschaftenden Sasse-Söchting-Bruer Agrar GbR, sondern auch ein guter Freund Eisebitts. „Wir machen viel zusammen“, sagt Eisebitt. Sasse seinerseits freut sich darüber, mit dem gelegentlich anpackenden Polizisten auch einen engagierten Kollegen an seiner Seite zu wissen. „Es ist nicht mehr so einfach, zuverlässige Mitarbeiter zu finden“, sagt er.

Dass er mehr als zuverlässig ist, stellt Eisebitt schon seit Jahrzehnten unter Beweis. Und nicht nur das: Er richtet seine Freizeit teilweise danach aus, wann er auf dem Feld gebraucht wird. Jetzt gerade ist auf den Feldern Hochsaison. „Und ich verbringe hier gerade meinen Jahresurlaub“, erzählt Eisebitt zufrieden, während sich der riesige Mäher durch das Feld frisst. „Meine Frau kennt mich gar nicht anders.“ Trotzdem schafft er es, gelegentlich auch mit der Familie unterwegs zu sein. Eisebitt und seine Frau haben zwei Kinder. Der Sohn ist 21, die Tochter 17 Jahre alt. Wenn er gerade nicht auf dem Mäher sitzt, unternimmt Eisebitt Ausflüge mit seiner Familie.

Geld steht für Eisebitt nicht im Vordergrund

Wer Beamter und gleichzeitig Erntehelfer ist, muss ohnehin einige Aspekte berücksichtigen. Auch Eisebitt darf nicht mehr als ein Achtel seiner Wochenarbeitszeit – in seinem Fall also nicht mehr als fünf Stunden – auf dem Feld verbringen. „Und ich muss dafür sorgen, dass ich mich im Urlaub auch entspanne“, sagt Eisebitt. Vor allem letzteres ist für ihn problemlos möglich. Die Arbeit ist für ihn Entspannung pur. Die GbR zahlt ihm einen Stundenlohn für die Arbeit. Aber wenn eines deutlich wird, dann dieses: Das Geld steht für ihn nicht im Vordergrund.

Langsam sinkt die Sonne im Westen immer tiefer. Trotzdem ist es noch drückend heiß. Eisebitt trägt ein ausgewaschenes Bundeswehr-Shirt in klassischem Grün, aus dem seine braun gebrannten Arme ragen, eine Arbeitshose und schwere Sicherheitsschuhe mit Stahlkappe. Die Kabine seines Mähdreschers ist etwas klimatisiert. Und wenn Eisebitt nicht gerade die Tür öffnet, bleibt er auch von den Staubwolken auf der anderen Seite der Glases verschont. Ein Mähdrescher wie der, auf dem Eisebitt gerade sitzt, ist ohnehin nicht mit früheren Erntemaschinen vergleichbar. „Früher saßen die Fahrer noch mitten im Staub“, erzählt Eisebitt. Aber die Annehmlichkeiten der modernen Ernte haben einen Preis: Sogar gebraucht kostet ein solcher Mäher mitunter noch eine Viertelmillion Euro.

Nach Starkregen oder heftigem Wind ist die Ernte kompliziert

An den gefüllten Pfützen auf den Wirtschaftswegen der Umgebung sind noch die starken Regenfälle der vergangenen Tage zu erkennen. Aber an diesem Erntetag ist es trocken und warm. „Wenn die Erntebedingungen gut sind, macht die Arbeit besonders viel Spaß“, sagt Eisebitt. Dann ist es so wie im Moment. Die reifen Halme, gut an ihrer gräulichen Farbe zu erkennen, stehen optimal, werden sauber abgetrennt, der Arbeitsprozess läuft perfekt. Aber wenn Starkregen oder Wind die Halme zu Boden gedrückt haben, wird es kompliziert. Dann erwischt der Mähdrescher nicht alles. Die Ausbeute geht zurück. Die Laune sinkt.

Eisebitt kann rund um die Ernte zu fast allem etwas erzählen. Zur Technik der Geräte, zu den Eigenarten der Pflanzen. Er kennt die Zusammenhänge aus dem Effeff. Kein Wunder, er begleitet sie seit seiner Kindheit. Und jedes Jahr aufs Neue. Mit der Wintergerste geht es jedes Jahr los, dann kommt der Raps, später der Winterweizen. „Zum Schluss die Zuckerrüben“, sagt Eisebitt. Bei den Rüben sind seine Aufgaben überschaubar. Er muss Pflanzenschutz ausbringen und düngen. „Die Ernte macht am Ende der Sechsreiher“, sagt er. Sechsreiher sind automatisch fahrende Rübenroder, die in einem Arbeitsschritt sechs Reihen gleichzeitig schaffen.

Bundesgrenzschutz und Polizei – beide wollten ihn damals

„Ich hatte auch mal überlegt, Landwirt zu werden“, erzählt der Polizist. Zu der Zeit besuchte er die Michelsenschule in Hildesheim. Aber sein Vater habe damals abgeraten. Eisebitt bewarb sich beim Bundesgrenzschutz und der Polizei. Beide wollten ihn. Er entschied sich für die Polizei.

Ich hatte auch mal überlegt, Landwirt zu werden

Auf dem Rapsfeld nähert sich ein weiterer Arbeitstag seinem Ende. Landwirt Sasse hat den letzten gefüllten Hänger des Tages geholt, der Jäger hat heute vergeblich auf Wildschweine gewartet und Eisebitt macht Feierabend. In den nächsten Tagen geht weiter. „Die Hälfte meines Urlaubs ist jetzt rum“, erzählt er. Danach wird er wieder seine Uniform anziehen und am Schreibtisch der Polizeiinspektion an der Schützenwiese Platz nehmen. Bis zum nächsten Ernteeinsatz. So wie es aussieht, geht die Familientradition weiter. Sein Sohn lässt sich gerade zum Polizisten ausbilden. „Aber wenn er zu Hause ist, hilft er manchmal bei der Ernte mit.“

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