850 Jahre alte Brücke

Einbahnstraße, Vollsperrung oder wieder öffnen? Die Erkenntnisse der zweiten Experten-Runde zur Hildesheimer Dammstraße

Hildesheim - Wegen der 850 Jahre alten Brücke unter der Hildesheimer Dammstraße ist die Fahrbahn seit rund einem Jahr gesperrt – mit Folgen vor allem für den Stadtverkehr. Experten haben eine klare Meinung, wie es in Sachen Verkehr weitergehen soll und auch Polizei und Feuerwehr äußern sich.

Baudezernentin Andrea Döring stellt im Hildesheimer Rathaus die verschiedenen Möglichkeiten für die Dammstraße vor. Diese ist seit dem Brückenfund von vor rund einem Jahr gesperrt. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Ein Jahr nach dem Fund einer 850 Jahre alten Brücke unter der Dammstraße ging es beim zweiten Symposium im Hildesheimer Rathaus am Samstag um die Frage, wie es verkehrstechnisch in dem Bereich weitergehen könnte – und vor allem darum, welche Aufgabe die Dammstraße im Hildesheimer Verkehr eigentlich haben soll. Nach der Expertenrunde am Freitag, bei der es um archäologische Details ging, ist die Freilegung der Brücke vom Tisch. Für die bedarf es baurechtlich nämlich einen triftigen Grund – „und der triftige Grund ist eben nicht, dass wir sie freilegen möchten“, erklärte Oberbürgermeister Ingo Meyer am Samstag im Rathaus.

Wie war die Stimmung im Saal?

Diskussionen um Straßensperrungen ziehen die Menschen an – könnte man meinen. Tatsächlich hat es beim Symposium am Samstag aber weniger Publikum als am Vortag gegeben; rund 70 Interessierte fanden sich im Rathaus ein, 30 verfolgten die Debatte online. Vereinzelte aus dem Publikum nutzten die Chance, über allgemeine Verkehrsprobleme der Stadt zu sprechen, ohne, dass es explizit um die Dammstraße ging – der Debatte fehlte deshalb mitunter ein roter Faden.

Welche Verkehrsmöglichkeiten wurden besprochen?

Die Vollsperrung der Dammstraße, eine einspurige Verkehrsführung oder die Rückkehr zum vorigen Zustand: Diese drei Möglichkeiten wären in der Theorie denkbar. Dass die Dammstraße langfristig voll gesperrt bleibt, ist nahezu ausgeschlossen. „Wir sind uns offenkundig einig, dass die Dammstraße nicht voll gesperrt werden kann – alles Weitere werden wir sehen“, erklärte der Oberbürgermeister. Das hatten auch zuvor sämtliche Fraktionen im Rat erklärt.

Denkbar wäre aber eine einseitige Befahrung, entweder Richtung Osten oder Richtung Westen. So könnten, in der Theorie, die bereits ausgegrabenen Brückenteile sichtbar bleiben. Über die Folgen einer Einbahnstraßen-Regelung klärte Prof. Dr. Daniel Seebo vom Fachbüro shp auf – dieses hatte bereits den Verkehrsentwicklungsplan 2020 für Hildesheim erstellt und kennt sich somit mit dem hiesigen Verkehr aus. Eine einspurige Nutzung der Dammstraße hätte laut ihm erhebliche Folgen für das Verkehrsaufkommen anderer Straßen. „Einbahnstraßenlösungen führen im Nahbereich häufig zu Umwegfahrten“, sagte Seebo. Das wäre eine zusätzliche Belastung für die B1, den Hohnsen oder die Kardinal-Bertram-Straße. Es wäre auch möglich, eine Ampel zu installieren und den Verkehr abwechselnd in beide Richtungen zu erlauben, wie es bei Baustellen gängig ist. Die entstehenden Wartezeiten könnten Autofahrer aber dazu verleiten, doch eher den Umweg in Kauf zu nehmen.

Und: Seebo wirft die Frage auf, ob eine einseitige Fahrbahn wirklich den Platz einsparen würde, den es braucht, um die freigelegte Südseite der Brücke für Bürger und Bürgerinnen sichtbar zu machen. „Sparen wir da am Ende nur einen Meter ein und haben vielleicht gar nichts gewonnen im Hinblick auf die historische Brücke und die Erlebbarkeit und Wahrnehmbarkeit?“, fragte er.

Ist die ausschließliche Nutzung der Dammstraße für Radfahrende und Fußgänger denkbar?

Wenn es nach Bernd Störig vom SVHI geht, ist diese Variante keine Option. „Die aktuelle Situation ist ein verkehrlicher Super-GAU“, sagte er. Die Dammstraße ist nach der Schuhstraße die Straße mit dem höchsten ÖPNV-Aufkommen. Umleitungen und Sperrungen führen zu zeitlichen Verzögerungen, die wiederum wirtschaftliche Folgen für das Unternehmen haben. Zwar gibt es auch die Variante, neben Fußgängern und Radfahrern einspurig Busse durch die Straße fahren zu lassen. Aber auch die ist für Störig nicht zufriedenstellend. Für ihn ist klar: Es braucht eine Öffnung der Dammstraße in beide Richtungen für Busse.

Ein weiteres Problem spricht gegen eine langfristige Sperrung der Dammstraße: 2024/25 soll die Kardinal-Bertram-Straße erneuert werden. „Das Baustellenmanagement in Hildesheim hat auch die Notwendigkeit, dass die Dammstraße offen bleibt“, sagt Lutz Wackermann, Straßenbau- und Verkehrsingenieur, aus dem Publikum. Baudezernentin Andrea Döring stimmt dem zu. Eine gleichzeitige Sperrung beider Straßen? „Da sehe ich eine Katastrophe auf uns zukommen“, sagte Döring. Die geplanten Bauarbeiten in der Kardinal-Bertram-Straße dürften im Rat sowieso noch zu Diskussionen führen – die Stadt will nicht nur die Fahrbahn erneuern, sondern am liebsten den Verkehr aus der Straße nehmen.

Was ist mit dem Autoverkehr?

Auch für Seebo ist klar: Es muss eine Lösung her, bei der Rad- und Busverkehr die Dammstraße passieren können. Wie steht es aber um den Autoverkehr? Wenn die Fahrbahn breit genug ist, um Bus- und Radverkehr zuzulassen, gebe es keinen triftigen Grund, den Autoverkehr auszuschließen, meinte Seebo. Der Ausschluss des Autoverkehrs wäre für ihn auch nur bedingt hilfreich in Hinblick auf die Verkehrswende – die Autos würden auf Wohngebiete ausweichen oder auf die ohnehin volle B1. „Wenn man Restriktionen im Kraftfahrzeugverkehr anstrebt und einsetzen will, ist diese sehr harte, singuläre Maßnahme problematisch“, sagte Seebo. Eine Lösung ohne Sperrung und einspurigen Verkehr wäre aus verkehrlicher Sicht zu präferieren.

Rettungsdienst und Feuerwehr: Kommen Einsatzkräfte durch die Dammstraßensperrung zu spät?

Die gute Nachricht: Die aktuelle Situation hat nicht dazu geführt, dass Einsatzkräfte zu spät an Unfallorte gelangten. Das erklärte Heiko Pfänder, Fachbereichsleiter Feuerwehren und Rettungsdienst der Stadt. Komme es etwa zu einem Einsatz im Michaelisviertel, rücke die Berufsfeuerwehr über den Kennedydamm an und fahre dann über die Kardinal-Bertram-Straße oder den PvH – die Brücke sei da irrelevant. Bereiche wie der Moritzberg, Neuhof und Ochtersum würden sowieso über die B1 angefahren. „Für die Feuerwehr ist im Regelfall die Dammstraßensperrung kein Problem“, resümierte Pfänder.

Ähnliches gilt für den Rettungsdienst. Hier geht es im Kern um Rettungsdiensttransporte aus dem Süden und Westen der Stadt – und die Frage, ob diese schnell genug ins St. Bernward Krankenhaus kommen. Eintreffzeiten aus den Jahren 2021, also vor der Sperrung, und 2022 zeigen: Es hat bei Einsätzen am Moritzberg und in Ochtersum durchschnittlich fast 39 Sekunden länger gebraucht. Ein vertretbarer Rahmen, findet Pfänder. Und: Ob die minimale Verzögerung wirklich allein wegen der Sperrung der Dammstraße zustande kommt, lässt sich nicht sagen. Dass die Brücke gesperrt ist, ist derzeit kein Problem für die Sicherheit der Bevölkerung, sagt Pfänder.

Derzeit. Anders gestalte sich die Lage nämlich, wenn es zu einem Hochwasser kommen sollte. „Bei einem Hochwasser ist die Dammstraßenbrücke die südlichste Brücke, mit der ich vom Westen der Stadt in den Osten komme – oder umgekehrt,“ erklärte Pfänder. Die Zufahrt über Itzum wäre überflutet, der Hohnsen wäre auch raus. Im Falle eines Hochwassers wäre, bleibt die Dammstraße gesperrt, also nur noch die B1 frei. „Und ich habe immer ganz gerne eine Alternative“, sagte Pfänder. Wenn dann nämlich auf der B1 ein Unfall dazukäme, wäre die nächste Möglichkeit die Mastbergstraße. „Und die ist meist auch überflutet“, sagt Pfänder.

Was sagt die Polizei?

„In knapp einem Jahr ist es nicht dazu gekommen, dass wir in irgendeiner Form zu spät zu Einsätzen gekommen sind“, sagte Günter Sievert vom Sachbereich Einsatz und Verkehr der Polizeiinspektion Hildesheim. Aber: Er spricht sich klar dafür aus, die Dammstraße wieder zugänglich zu machen. Von der Schützenwiese zu Einsätzen in die Schuhstraße, der Friesenstraße und dem PvH fehle der kurze Weg über die Dammstraße – und auch eine Einbahnstraßenlösung wäre für ihn ein Problem.



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