850 Jahre alte Brücke

Wert der Brücke, Reaktionen des Publikums – und der Zeitplan: Die Erkenntnisse der ersten Experten-Runde zur Hildesheimer Dammstraße

Hildesheim - Beim ersten Symposium zur Frage, wie es mit der unter der Hildesheimer Dammstraße entdeckten Brücke weitergeht, gab es lebhafte Diskussionen. Klar ist: Einfache Lösungen gibt es nicht.

Prof. Dr. Marcus Trier, Stadtarchäologie Köln, und Dr. Markus C. Blaich vom niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege diskutieren mit weiteren Experten im Hildesheimer Rathaus zur Brücke unter der Dammstraße. Foto: Rainer Breda

Hildesheim - Ein Jahr nach dem Fund der 850 Jahre alten Steinbrücke unter der Dammstraße geht es in zwei Anhörungen im Rathaus um die Frage: Wie geht es weiter mit dem Bauwerk? Beim ersten Symposium am Freitag diskutierten Experten die archäologische Bedeutung der Brücke – und wie mit ihr umgegangen werden sollte.

Über 100 Interessierte fanden sich Freitagnachmittag im Rathaus ein, 40 weitere verfolgten die Diskussion online. Oberbürgermeister Ingo Meyer stellte zu Beginn klar: „Mindestens bis heute bin ich noch ganz offen für jede Entscheidung – mal gucken, wie das heute Abend und morgen ist.“ Das zweite Symposium widmet sich am Samstag, 15 Uhr, Fragen zum Verkehr auf der Dammstraße. Die wichtigsten Erkenntnisse vom Freitag im Überblick.

Wie schätzen die Experten den Wert der Brücke ein?

„Man soll Denkmäler nicht klassifizieren – aber das ist mit Sicherheit erstklassig“, stellte Prof. Dr. Marcus Trier klar – und der muss es wissen. Der Stadtarchäologe aus Köln beschäftigt sich unter anderem mit Bodendenkmalpflege. Ähnlich sieht es Dr. Markus C. Blaich, Vertreter des Landesamts für Denkmalpflege und dort zuständig für das Bauwerk in der Dammstraße: „Mit einem Satz: Herzlichen Glückwunsch, dass Sie so ein tolles Bauwerk in den Schnittstellen von zwei Welterben haben.“ Ein Denkmal, an dem man die ganze Stadtgeschichte aufblättern könne, wie er betont.

Welche Möglichkeiten wurden diskutiert?

Trier stellte unterschiedliche Methoden vor, wie die Stadt Köln mit ähnlichen Bauwerken umgegangen ist – immerhin gibt es in der Millionenstadt dank römischer Vergangenheit unzählige ähnliche Funde. Vor allem drei Varianten zeigt er auf: Denkmal erhalten, aber wieder abdecken; das Fundstück ausgraben und an anderer Stelle in der Stadt aufstellen oder komplett freilegen und an Ort und Stelle belassen.

Trier machte deutlich: Alle Varianten sind mit großen Kosten verbunden. Die zweite Möglichkeit – das sogenannte Translozieren, bei dem Bauwerkteile versetzt werden – dürfte für Hildesheim zudem gar nicht infrage kommen. Dieser Weg ist nämlich nur dann möglich, wenn eine Baumaßnahme dies zwingend erforderlich macht. Über einen solchen Antrag müsste das Ministerium für Wissenschaft und Kultur entscheiden. „Ich will der Entscheidung des Ministeriums nicht vorgreifen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas genehmigungsfähig sein könnte“, erklärt Blaich. Beim bereits entnommenen Brückenbogen, der beim Kanalbau im Weg lag, sieht es aber anders aus – der dürfte sehr wohl ausgestellt werden. „Den können wir in der Nähe wieder aufbauen, das wäre dann auch zu ergänzen und nett herzurichten“, so Meyer.

Was sagt das Publikum?

Vereinzelt gab es kritische Stimmen zum Umgang mit dem Bauwerk, etwa von Ratsherr Michael Körber (AfD). Er bekomme bei dem Gedanken, was für Kosten und Ärger durch die Brücke verursacht werden, „Gänsehaut“. Der Großteil der Wortmeldungen aus dem Publikum machte aber deutlich: Viele Hildesheimer und Hildesheimerinnen wünschen sich, dass die historische Brücke für alle sichtbar gemacht wird. „Das ist ein Kulturgut ersten Ranges – das kann ja nicht sein, dass wir das nicht adäquat behandeln“, sagte etwa der Hildesheimer Architekt und Vorsitzender der Altstadtgilde Thomas Seidler. Dem schließt sich Ratsherr Volker Weiß (FDP) an. „Ich fände eine pragmatische Lösung angesichts des Wertes des Denkmals nicht angemessen – wohlwissend, dass es große Nachteile bereiten würde“, sagte er. „Wir sollten uns als Stadt Hildesheim diese große Chance nicht nehmen lassen.“

SPD-Ratsherr Marcus Krettek wollte wissen: wie groß ist die Chance, die Brücke zu sichern, aber eben auch sichtbar zu machen? Trier meldete Bedenken an. Durch die Uferlage und die beengte Situation vor Ort sei die Sache äußerst kompliziert – er kenne sehr viele ähnliche Projekte, bei denen das Offenlegen mit vergleichbarem Baugrund nicht gelungen sei. „Der oberste Gedanke ist der Schutz des einzigartigen, stadtprägenden Objektes“, so der Kölner Experte. Christoph Salzmann (Bauaufsicht und Denkmalschutz der Stadt Hildesheim) sieht das ähnlich. „Das Credo im Denkmalschutz ist immer, möglichst den größten Teil im Boden zu belassen, ohne, dass man es ausgräbt.“ Aus Forschersicht sei das Interesse groß, möglichst viel auszugraben, aber, wie Blaich hinzufügte: „Neugierde allein reicht nicht als Grund für eine Grabung in einer so sensiblen Zone.“

Sichern, aber nicht sichtbar machen – wie geht das?

Stefan Keck von BN Umwelt, einem Ingenieurbüro für Umwelt- und Bautechnik, hat eine klare Meinung: „Wir favorisieren, das Bauwerk zu schützen, indem man eine für sich tragende Stahlbeton-Konstruktion über die Brücke konstruiert, die seitlich von der Brücke ein Widerlager bekommt aus verdichtetem Mineralgemisch.“ So könnte der Verkehr dann wieder hergestellt werden. Keck wurde ursprünglich von der SEHI beauftragt, um den Kanalbau zu begleiten, bei dem die Brücke schließlich entdeckt wurde – er ist mit der Baustelle rund um den Fund also vertraut.

Während der Diskussion war diese Idee der Mikrobrücke, auch „Sarkophag“ genannt, teils so vorherrschend, dass Ratsherrin Rosa Wagner-Kröger (Grüne) sich zu Wort meldete: „Für uns in der Mehrheitsgruppe ist noch überhaupt keine Entscheidung gefallen, wir haben uns nicht auf die Variante festgelegt, dass die Brücke eingekapselt wird.“ Von den anderen Mitgliedern der Mehrheitsgruppe, SPD und Die PARTEI, waren derartige Erklärungen nicht zu hören.

Wer entscheidet am Ende?

Das niedersächsische Denkmalschutzgesetz regelt, wie in Fällen wie der entdeckten Brücke mit dem Fund umzugehen ist. „Wir arbeiten sehr eng zusammen mit dem Landesamt für Denkmalpflege, eine enge Zusammenarbeit schreibt das Gesetz vor und ist selbstverständlich bei so einem Fund“, erklärt Christoph Salzmann von der Stadt. Alle Maßnahmen an der Brücke brauchen demnach eine denkmalrechtliche Genehmigung. Das heißt: Der Stadtrat stellt nach einer gefallenen Entscheidung einen Antrag an die Stadtverwaltung, dieser Antrag wird dann durch das Ministerium für Wissenschaft und Kultur geprüft.

Wie sieht es mit dem Zeitplan aus?

„Was lernt man im Umgang mit dieser Brücke? Auf jeden Fall Geduld“, brachte Keck es am Freitag auf den Punkt. Der eigentliche Plan, dass der Rat sich im Juni für ein Verfahren entscheidet, dürfte vom Tisch sein, glauben zumindest Oberbürgermeister Meyer und Ratsherrin Wagner-Kröger. Die aktuelle Bauforschung der TU Braunschweig soll voraussichtlich bis Anfang Juli dauern. „Dann heißt das aber auch, dass wir bei der Frage, die Straße wieder freizubekommen, nochmal zwei, drei Monate verlieren werden“, sagte Meyer. Am Rande der Veranstaltungen waren jedoch auch andere Meinungen zum zeitlichen Ablauf zu hören. CDU-Fraktionsvorsitzender Dennis Münter kündigte gegenüber der HAZ an, er werde für eine Ratsentscheidung im Juni kämpfen.

Für den Fall, dass sich der Rat am Ende für die Mikrobrücke entscheidet, hat Keck einen ungefähren Zeitplan geäußert – nach Abschluss der Bauforschung durch die TU Braunschweig müsse die Mikrobrücke installiert werden, ehe es mit dem Straßenbau weitergeht. „Zum Weihnachtsmarkt sind wir dann durch,“ so seine Prognose.



Von Rainer Breda und Julia Haller

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