Dauerthema im Fokus

Hildesheimer Dammstraße seit zehn Monaten gesperrt: Die wichtigsten Antworten – und welche Fragen noch offen sind

Hildesheim - Die Dammstraße in Hildesheim ist seit zehn Monaten gesperrt. Doch wie ging das eigentlich los? Und wie soll es dort weitergehen? Ein Rückblick, ein Ausblick – und eine Ankündigung, dass der Rat, anders als geplant, nun doch nicht im Mai entscheidet.

Rund 30 Meter ist die historische Brücke unter der Dammstraße in Hildesheim vernutlich lang. Die Archäologen arbeiten sich von der Innenstadt aus in Richtung Moritzberg Brückenbogen um Brückenborgen auf der Südseite des 850 Jahre alten Bauwerks vor, um dieses zu dokumentieren. Derzeit sind sie mit dem letzten oder vorletzten Bogen beschäftigt – die genaue Zahl ist noch unklar. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Die Dammstraße in Hildesheim ist seit zehn Monaten gesperrt. Doch wie ging das eigentlich los? Und wie soll es dort weitergehen? Ein Rückblick, ein Ausblick – und eine Ankündigung, dass der Rat, anders als geplant, nun doch nicht im Mai entscheidet.

Wie kam es überhaupt zur Sperrung der Dammstraße?

Die Stadtentwässerung (SEHI) lässt im Bereich der Bischofsmühle einen Kanal errichten, die Bauarbeiten kreuzen die Dammstraße. Am 24. Mai fiel plötzlich ein Stein aus einem unterirdischen Bauwerk. Archäologen entdeckten dahinter einen Hohlraum, identifizierten das Bauwerk als Brücke. Die SEHI machte in der Fahrbahn darüber Versackungen aus und entschied gemeinsam mit der Stadt, die Straße sofort wegen Einsturzgefahr zu sperren.

Warum hat die Stadt den Hohlraum nicht wie zunächst geplant einfach verfüllen lassen und die Fahrbahn wieder freigeben? Schließlich sollte diese ja nach der ersten Ankündigung aus dem Rathaus nur vier Wochen gesperrt bleiben?

Weil sich durch Suchbohrungen herausstellte, dass es mindestens sieben weitere Brückenbögen gibt, die Brücke etwa 7,50 Meter breit und mindestens 30 Meter lang ist. Es ging also um weit mehr als nur darum, einen Hohlraum zu verfüllen.

Wie reagierten Stadt und SEHI auf die neuen Erkenntnisse?

Sie verzichteten fortan darauf, Zeiten für eine mögliche Freigabe der Straße zu nennen und verabredeten folgenden Fahrplan: Die beiden Baufirmen, die eigentlich mit dem Kanalbau Richtung Johannisfriedhof beschäftigt sind, setzen eine weitere Kolonne ein; diese hebt einen fünf Meter tiefen und 2,50 Meter breiten Schacht aus, von dem aus Archäologen die südliche Hälfte der Brücke dokumentieren. Um die Straße danach wieder befahrbar zu machen, sollte anschließend der Boden samt aller Hohlräume verfüllt werden, was mit der Zerstörung der Brücke einhergegangen wäre. Um wenigstens Teile zu erhalten, sollten einige Steine geborgen werden.

Warum hat sich der zweite Abschnitt dieses Plan inzwischen erledigt?

Weil durch Untersuchungen, die der städtische Denkmalpfleger Christoph Salzmann in Auftrag gegeben hatte, seit November das ungefähre Alter der Brücke feststeht: Sie ist vermutlich um das Jahr 1160 herum entstanden, Auftraggeber ist der damalige Domprobst und spätere Reichskanzler Rainald von Dassel.

Was heißt das für die Bedeutung der Brücke unter der Dammstraße?

Dr. Markus C. Blaich, der zuständige Archäologe vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, hat diese auf einer Skala von 1 bis 10 mit einer 12 bewertet – also sehr bedeutend.



Warum sieht Blaich das so?

Weil die Hildesheimer Brücke zu den ältesten erhaltenen mittelalterlichen Steinbrücken dieser Art in ganz Deutschland gehört – die wenigen älteren, darunter die Donau-Brücke in Regensburg, liegen in Süddeutschland. In Norddeutschland ist die Dammstraßen-Brücke die älteste ihrer Art.

Was heißt das für das weitere Vorgehen?

Dass die Stadt die Brücke nach deren Dokumentation durch die Archäologen auf keine Fall einfach zuschütten kann, wenn dies mit ihrer Beschädigung einhergeht – das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz verpflichtet die Kommune vielmehr zum Erhalt.



Aber was bedeutet das denn nun konkret: für den Umgang mit der Brücke, für die künftige Verkehrsführung?

Das steht nicht fest, die Entscheidung darüber trifft der Rat. Damit sich die Politiker eine fundierte Meinung bilden können, soll die Stadt auf ihren Wunsch „so schnell wie möglich“ zwei öffentliche Expertenrunden mit lokalen, aber auch auswärtigen Fachleuten zu beiden Themen veranstalten.



Und wann fällt die Entscheidung, wie es dann weitergeht?

Nach dem jüngsten Ratsbeschluss soll das im Mai geschehen, alternativ im Juni. Doch der Mai-Termin lasse sich nicht halten, sagte Rathaussprecher Helge Miethe jetzt der HAZ: Die Zeit, um die Symposien vorzubereiten, sei einfach zu knapp.

Ist dann wenigstens im Juni klar, was passiert und wann die Dammstraße wieder frei ist?

Auch das lässt sich nicht vorhersagen: Entscheidet sich der Rat für die „Sarkophag“-Variante, die das Einhausen der Brücke und ihren Erhalt vorsieht, wäre die Dammstraße nach Schätzungen der Verwaltung frühestens im Sommer 2024 wieder frei – die Brücke bliebe dann aber unsichtbar im Boden und die Verkehrsführung voraussichtlich so, wie sie vor der Sperrung war. Will aber der Rat die Brücke sichtbar und für die Öffentlichkeit zugänglich machen, außerdem in diesem Zuge die Verkehrsführung ändern, um die Innenstadt vom Durchgangsverkehr zu entlasten, zieht das weitere Untersuchungen nach sich. Bis zur Umsetzung entsprechender Varianten könnten dann Jahre vergehen.

Das kostet doch sicher viel Geld – wie viel denn genau?

Das hängt von den Entscheidungen ab und lässt sich daher überhaupt nicht absehen. Für das ursprüngliche geplante Vorgehen hatte die Stadt rund zwei Millionen Euro eingeplant, für die „Sarkophag“-Lösung rechnet sie mit doppelt so viel Kosten. Kommt dann noch eine Behelfsbrücke hinzu, die während der Dammstraßen-Sperrung zumindest einen Einbahnstraßenverkehr ermöglichen würde, geht die Bauverwaltung von rund 5 Millionen Euro aus. Weiterreichende Lösungen dürften mindestens zehn Millionen Euro und mehr kosten.

Muss die Stadt das alles selbst bezahlen?

Das lässt sich nach heutigem Stand ebenfalls nicht beantworten. Baudezernentin Andrea Döring ist zwar zuversichtlich, Bundes- und Landesmittel aus einem Städtebauförderprogramm einsetzen zu können. Doch ohne Zuschüsse, woher auch immer, werde es kaum gehen, hat Oberbürgermeister Ingo Meyer jüngst im Rat deutlich gemacht – und erklärt, er erwarte angesichts des großen Interesses an dem historischen Bauwerk („die Archäologen-Welt schaut auf diese Brücke“) auf finanzielle Unterstützung.

Kann die Stadt nicht auf ihre schlechte finanzielle Lage verweisen – das Denkmalschutzgesetz sieht doch Grenzen der wirtschaftlichen Zumutbarkeit vor?

Das tut es. Doch diese Einschränkung gilt vor allem für Bürger, wie Stadtarchäologe Salzmann im Rat erklärt hat. Kommunen dagegen könnten diese Karte nicht unbedingt ziehen – er sei da skeptisch.

Darf die Stadt, darf der Rat eigentlich allein entscheiden, was mit der Brücke passiert?

Formal ist das so: Die Bauverwaltung beantragt das weitere Vorgehen, so der Rat dies denn irgendwann einmal festgelegt hat, beim Stadtarchäologen Salzmann, der als Vertreter der Unteren Denkmalschutzbehörde fungiert. Doch die Kommune muss sich mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege abstimmen. Denn das Ministerium für Wissenschaft und Kultur hat das Geschehen rund um die Brücke als „Maßnahme von besonderer Bedeutung“ nach dem Denkmalschutzgesetz eingestuft. Das heißt, die oberen Denkmalschützer haben eine Auge auf das, was Hildesheim plant, sie könnten eine Genehmigung Salzmanns aufheben oder aber das Verfahren sogar an sich ziehen. Der Einfluss des Landesamt zeitigt auch bereits Folgen: Auf seine Empfehlung hin wird die Stadt ein Institut der Technischen Universität in Braunschweig für weitere Untersuchungen der Brücke – konkret zur Herkunft des Baumaterials und dessen Bearbeitung – hinzuziehen.

Ist das Interesse an der Brücke außerhalbs Hildesheim denn wirklich so groß?

In der Fachwelt durchaus. Erst jüngst hat die Archäologische Kommission für Niedersachsen (ein Fachverband) in einem Brief an die Stadt die große Bedeutung der Dammstraßen-Brücke betont und angeboten, die Verwaltung fachlich zu begleiten. Überregionale Medien haben sich wegen des Bauwerkes bislang nicht im Rathaus gemeldet – anders als wenige Monate zuvor bei der Entdeckung von Spuren der Johanniskirche. Das Gotteshaus war vor 500 Jahren zerstört worden, sein genauer Standort bislang nicht bekannt gewesen.

Wie weit sind die Archäologen?

Sie haben gerade damit begonnen, den vorletzten oder den letzten der bekannten Bögen – deren genaue Zahl ist noch immer unklar – zu dokumentieren. Geschieht nichts Unvorhergesehenes, sind die Arbeiten auf der Südseite der Brücke wohl im Mai abgeschlossen – ob und wie es dann auf der Nordseite weitergeht, ist noch offen.



Wollte die Stadt der Öffentlichkeit nicht Gelegenheit geben, sich die Brücke anzusehen?

Doch, Baudezernentin Döring hatte das mehrfach angekündigt. Bislang ist kein Termin in Sicht.

Welche Folgen hat die derzeitige Sperrung der Damstraße?

20 000 Autofahrer, die sonst dort unterwegs sind, müssen andere Wege nehmen – das führt nach Beobachtungen der Polizei in Stoßzeiten zu einem vermehrten Verkehrsaufkommen auf der B1 und am Hohnsen. Der Moritzberger Ortsbürgermeister Erhard Paasch beklagt, die westlichen Stadtteile seien „abgehängt“; über das Ausmaß der tatsächlichen Folgen gehen die Meinung der Bürger je nach persönlicher Betroffenheit auseinander – von „Chaos“ kann aber keine Rede sein. Klar ist: Egal, wie der Rat sich entscheidet – die Dammstraße wird auf keinen Fall dauerhaft gesperrt bleiben, das haben alle großen Fraktionen, der OB und die Baudezernentin bereits angekündigt.

Hätte die Stadt nicht von der Brücke wissen müssen und der SEHI daher eine andere Kanaltrasse vorschreiben müssen?

Der frühere Oberbürgermeister Kurt Machens sieht das so. Doch das sei „Quatsch“, hat Döring im Rat erneut betont; aus den Akten der Stadt sei die Existenz der Brücke und deren Verlauf nicht ersichtlich gewesen. Fakt ist allerdings, dass nach dem Zweiten Weltkrieg eine Wasserleitung der Stadtwerke durch die oberste Schicht des Bauwerks verlegt worden ist, was zu dessen Beschädigung geführt hat. Beim Bau der Leitung lag die Fahrbahn der Brücke also frei – entweder war diese damals nicht erkannt oder als nicht wichtig eingestuft worden.

  • Hildesheim
  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.