Hildesheim - Lange musste Renate Mitulla vor dem Fernseher ausharren, ehe die Kanzlerin kurz vor Mitternacht die neue Corona-Strategie von Bund und Ländern vorstellte. Nur Augenblicke später wurde das Handy der Geschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbandes mit Whatsapp-Nachrichten und SMS wütender Mitglieder bombardiert.
Nein, so hatten sich die Gastwirte und Hoteliers das nicht vorgestellt. „Keine unserer Forderungen wurde erfüllt“, sagt Mitulla. „Bei uns herrscht blankes Entsetzen. Es gibt weiterhin keinerlei Perspektiven. Einige Mitglieder überlegen bereits, ob sie überhaupt noch einmal aufmachen sollen.“
Hartz IV? Erniedrigend
Die Mittel der November-/Dezember-Hilfe seien aufgebraucht, trotz der Fördermittel, von denen viele profitiert hätten, lebten viele inzwischen vom Eingemachten. „Für einen, der 30 Jahre selbstständig war, ist es erniedrigend, jetzt Hartz IV zu beantragen. Und auch die Mitarbeiter sind verzweifelt: Sie wollen keine Hilfsmittel, sie wollen arbeiten.“ Bars, Clubs, Diskotheken seien schließlich schon seit dem 17. März 2020 zu. In deren Umfeld gebe es Künstler, Caterer, Veranstaltungstechniker. „Alles Leute, die niemals erwähnt werden.“
Auf eine „konkrete Perspektive“ hatte auch Lena Melcher, Geschäftsführerin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, gehofft. „Andere Branchen haben sich offenbar wirksamer Gehör verschafft.“ Die Rücklagen der Beschäftigten, die selbst mit Tariflohn oft nur wenig verdienten, seien aufgebraucht. Trinkgelder, sonst ein wichtiger Einkommensteil, gebe es nicht.
Minimum für Kurzarbeiter
Deshalb wiederholt Melcher die Forderung nach 1200 Euro Mindestkurzarbeitergeld. Auf eine entsprechende, von Tausenden unterschriebene Petition habe es aus der Politik bislang nur das Signal gegeben, dass eine solche Forderung nicht umsetzbar sei.
Dabei werde die Situation für die Betroffenen immer brenzliger, viele liebäugelten mit dem Gedanken, in andere Branchen umzusatteln. „Das würde, wenn es wieder losgeht, den Fachkräftemangel, den es vorher schon gab, noch weiter verschärfen.“
Außengastronomie: ein Zubrot
Gerald Beste, Chef des Restaurants „Zum Maigrafen“, hält es für illusorisch, dass sich in unseren Breiten vor Mitte, Ende April überhaupt etwas tut. Bei einer Inzidenz unter 100 könnte die Außengastronomie ab 22. März auf Voranmeldung öffnen. „Aber das ist für die meisten doch nur ein Zubrot.“
Auch er bietet Außer-Haus-Essen an, um die Gästebindung nicht zu verlieren. Verdienen kann er daran nichts. Zugleich räumt Gerald Beste ein: „Ich weiß nicht, was die Politik hätte anders und besser machen können. Egal, was sie entschieden hätten: Zu meckern gäbe es immer was.“
Bald große Pleitewelle?
Positive Signale hätte sich Martin Luiten, Chef des Van der Valk, gewünscht. In den Hotels und Restaurants gebe es ausgefeilte Hygienekonzepte, die meisten Ansteckungen passierten im privaten Umfeld. Er verstehe, wenn Bars geschlossen blieben, dass Hotelgäste im Zimmer frühstücken müssten, hingegen nicht. In seinem Restaurant habe er die Zahl der Sitzplätze auf 50 halbiert. „Und ich wäre froh, wenn ich die besetzen könnte. Wenn das so weitergeht, gehen wir alle pleite.“
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Ottmar von Holtz, Bundestagsabgeordnete der Grünen, wirbt deshalb für die „Luca App“, die der Sänger Smudo (Fanta Vier) mitentwickelt hat, um Kontakte nach Gastrobesuchen besser zurückverfolgen zu können. „Je mehr mitmachen, desto eher kann die App für eine Öffnung der Veranstaltung- und Gastronomiebranche beitragen.“
