Hildesheim - Die Dingworthstraße ist ein Teil der kleinen Moritzberger Einkaufsmeile, die sich bis zum Rewe-Markt am Phoenix-Gelände hinzieht. Ein wichtiger Teil – hier sorgen noch inhabergeführte Geschäfte für jene Atmosphäre, die den Innenstädten zunehmend abhanden kommt. Die Händler stellen Blumen vor die Tür und plaudern mit den Kundinnen und Kunden, die oft direkt aus der Nachbarschaft kommen. Zumindest war es bislang so.
Denn der Kiez verliert in letzter Zeit immer mehr Mieter – neben der Inflation und den steigenden Energiekosten, die den Selbstständigen überall zu schaffen machen, gibt es in der Dingworthstraße weitere Umstände, die das Überleben derzeit erschweren: die langwierige Baustelle in der Elzer Straße, also quasi direkt vor der Tür, und die Sperrung der Dammstraße, von der unklar ist, wie lange sie noch dauern wird. Doch sind das die entscheidenden Faktoren, wenn es in einem Quartier um die Frequenz von Besuchern geht?
Uns fehlt hier schlicht die Laufkundschaft.
Leerstände ziehen sich durch die ganze Straße
Die Leerstände beginnen in der Dingworthstraße bei der Änderungsschneiderei, die Inhaberin Ela Wilke bereits im vergangenen Jahr aus Altersgründen verlassen hat, und ziehen sich bis zur Höhe der ehemaligen Fleischerei. Die Pächter der Moritzstube ziehen zum Monatsende aus, und neben dem Spanier Vicente Hernandez, der sein Feinkost-Geschäft mit landestypischen Spezialitäten seiner Heimat im Sommer schließen will, macht auch Jörg Boemke sein gleichnamiges Geschäft mit Antiquitäten und Bio-Produkten dicht. Bis dahin wirbt er noch mit reduzierten Preisen.
„Uns fehlt hier schlicht die Laufkundschaft“, sagt Boemke, in Hildesheim bereits seit über 20 Jahren mit Wohnaccessoires selbstständig, „was hier bei uns an Kunden ankommt, ist zu wenig, davon können wir nicht leben.“ Dabei sei er nach seinem Umzug aus der Innenstadt an den Moritzberg sehr optimistisch gewesen, dauerhaft Fuß zu fassen – doch sein Angebot scheint den Nerv der Passanten dort zumindest nicht immer zu treffen. „Jetzt kann ich nur noch versuchen, die eingekauften Waren auf Messen loszuwerden“, sagt Boemke.
Blöd, wenn hier ein Geschäft nach dem anderen zumacht. Allein für die Optik in der Straße, die leidet ja auch.
Sein direkter Nachbar, Dieter Müller, sieht den Kundenzulauf in seinem Papierwarengeschäft Müller am Berg nicht unmittelbar von der hohen Fluktuation beeinträchtigt. „Wir haben unsere Kunden hier. Nicht nur wegen unseres großen Angebots an Schreibwaren, sondern auch, weil wir mit dem Umbau am Phoenix-Gelände auch einen Paket-Service eingerichtet haben.“ Damals ging es darum, eine Dienstleistung am Moritzberg aufrecht zu erhalten – heute sind aus vielen Paketkunden Stammkunden geworden. Die Baustellen beeinträchtigten zwar das Parken, aber nicht den Zulauf an sich, ist Müller überzeugt. „Trotzdem ist es natürlich blöd, wenn hier ein Geschäft nach dem anderen zumacht“, sagt Müller. „Allein für die Optik in der Straße, die leidet ja auch.“
Und was ist mit möglichen Nachmietern?
Der Blick aufs Ganze ist es, der Müller beschäftigt, trotz des eigenen gut laufenden Geschäfts. Was bedeuten mehrere Leerstände für das Flair, die Einkaufs-Atmosphäre am Moritzberg? „Ich bin seit über 20 Jahren hier, und was heute hier los ist, das ist zu damals überhaupt kein Vergleich“, sagt Nushin Logman, die in ihrem Weltladen nicht mehr nur mediterrane Spezialitäten wie eingelegte Oliven, Schafskäse, Obst und Fladenbrot verkauft, sondern ebenfalls ihren Paket-Service immer weiter ausbaut, um überleben zu können. „Ich bin inzwischen fast 70“, sagt sie, „aber wir arbeiten, mein Mann und ich. Er an unserem mobilen Stand, mit dem wir vor Supermärkten stehen, ich hier.“ Der Kundenstrom sei im Laufe der Jahre dünner geworden, sagt sie. „Viele überlegen sich genau, was und wie viel sie kaufen. Nicht selten gehen Leute mit zwei Äpfeln wieder raus.“
Ich bin seit über 20 Jahren hier, und was heute los ist, das ist zu damals überhaupt kein Vergleich.
Ihren Laden in der Dingworthstraße, sagt sie, den will sie bis zum Ruhestand unter allen Umständen behalten. Auch ein Thema am Moritzberg: die Frage nach möglichen Nachfolgern. In gut laufenden Geschäften wie etwa dem spanischen Feinkostladen von Vicente Hernandez, seit 18 Jahren im Quartier ansässig, existiert oft ein fester Kundenstamm – die Basis eines lohnenden Geschäfts.
Ein paar Anfragen habe ich schon, aber noch keine Zusage.
In Hernandez´ Fall erst recht: Sein Großhändler im spanischen Murcia hat ihm gesagt, dass es nur einen Ort in Deutschland gibt, wo seine Oliven zu kaufen sind: in Hildesheim bei Hernandez. Wenn aus Murcia nachgeliefert wird, kommt gleich eine ganze Tonne Ware an. Ein Kölner Kunde hat gleich 160 Gläser in Hildesheim bestellt, als er hörte, dass El Mercado dicht macht. Wirklich dicht? Hernandez wiegt den Kopf. „Ein paar Anfragen habe ich schon“, sagt er, „aber noch keine Zusage.“ Auch zu Jörg Boemke kommen immer wieder Interessierte, die sich für das Ladenlokal interessieren. „Die wollen aber nicht mein Geschäft weiterführen, sondern hier zum Beispiel einen Imbiss eröffnen.“ Und hört man sich in sozialen Netzwerken um, könnte es auch für die Moritzstube eine Nachfolge geben.
Zufahrt von der Dammstraße als Hauptproblem
Bestätigt ist indes nichts. Und für Ortsbürgermeister Erhard Paasch ist das Hauptproblem auch weniger am Moritzberg selbst zu suchen, sondern vielmehr in der städtischen Verkehrsplanung. Sein Stadtteil sei aufgrund der gesperrten Dammstraße vom Besucherfluss aus der Innenstadt regelrecht abgeschnitten, wie Paasch meint. „Ich halte die dichte Dammstraße sogar für den entscheidenden Faktor in diesem Fall“, sagt er. „Die Kunden kommen ja nicht nur aus dem Moritzberg. Gerade in der Dingworthstraße gab und gibt es viele inhabergeführte Läden mit einem Angebot und einem Service, die auch andere Menschen aus der Stadt hierher locken.“ Die Menschen aber überlegten sich die Fahrt dorthin nun zweimal – immerhin nehme die jetzt Umwege und wesentlich mehr Zeit in Anspruch.
Ich halte die dichte Dammstraße für den entscheidenden Faktor in diesem Fall.
Weder Dingworthstraße noch Moritzberg oder Hildesheim sind allerdings mit dem Phänomen des massiven Rückgangs des inhabergeführten Einzelhandels allein. Der macht sich bundesweit bemerkbar. Die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte in Deutschland ist 2022 deutlich gesunken, so der Handelsverband Deutschland (HDE). Die Branchenorganisation hat für das vergangene Jahr den Wegfall von rund 16.000 Standorten auf nur noch gut 312.000 Läden deutschlandweit bestätigt. „Das sind noch immer die Folgen von Pandemie, Lockdowns und den Zugangsbeschränkungen“, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth gegenüber dem Nachrichtenmagazin Welt. Vor allem innerstädtische Händler hätten anhaltend große Probleme. „Der entscheidende Faktor sind die Kundenfrequenzen.“ Und die lägen teils sehr deutlich unter denen aus der Vor-Pandemiezeit.


