Auf der Lilie

Corona-Testzentrum: Hil-Care will Hildesheim zur „sicheren Zone“ machen

Hildesheim - Corona-Schnelltests? Gibt’s jetzt auch auf der Lilie. Wie Unternehmergeist aus Hildesheim es schaffen könnte, landesweit zum Vorbild für kommunale Corona-Teststrategien zu werden.

Unternehmergeist: Sebastian Adamski vor dem Testzentrum auf der Lilie. Für ihn ein Prototyp auch für andere Kommunen. Foto: Clemens Heidrich

Hildesheim - Samstag, kurz vor 13 Uhr auf der Lilie: Jens und Nicole Kükelhahn stehen mit ihren Töchtern Lea und Enya vor dem Testzelt. Eigentlich wollten sie schon auf der Autobahn sein, Richtung Sachsen-Anhalt, um die über 90-jährige Großmutter zu besuchen. Nach einem Jahr. Vielleicht das letzte Mal, sagt der 50-jährige Familienvater. Kurz vor der Abfahrt hat ihn seine Mutter angerufen: „Ihr könnt euch noch testen lassen – auf der Lilie.“

Und es geht schnell – wenn man weiß, wie man einen QR-Code einliest und die Software von Hil-Care benutzt. Wenn nicht, kommt zum Beispiel Michael Junge, der die App hil-care programmiert hat und hilft. Wer dann am Checkpoint-Eingang steht, ist innerhalb einer Minute wieder draußen – frisch getestet. Zehn Minuten nachdem sie auf der Lilie aufgetaucht sind, kann Familie Kükelhahn zurück zum Auto und ab zur Urgroßmutter. Das Testergebnis bekommen sie auf ihr Handy nachgeliefert. Schnell.

10.000 Test pro Woche möglich

Ein Beispiel von, ja, von wie vielen eigentlich? Donnerstagmorgen nahm das Testzelt seinen Betrieb auf. Am Samstagvormittag stehen nur vereinzelt Leute davor und entscheiden sich zum Schnelltest. Das ist die Ruhe vor dem Sturm, sagt Sebastian Adamski, einer der drei Macher des Projektes. „Wir können pro Woche bis zu 10.000 Menschen hier durchschleusen“, sagt er und fügt dann hinzu: „Wir haben noch Platz für mehr Zelte hier, dann kriegen wir noch mehr zustande.“



Landesweit gebe es kein vergleichbares Testzentrum, ist er überzeugt: „Wir haben hier mit der gesamten Logistik etwas aufgebaut, was Vorbild für andere sein kann, sicherer zu werden.“ Und deswegen ist das Testzentrum vor der Lilie auch ein zentraler Baustein dafür, dass die Stadt Hildesheim Modellfall für das Projekt „Sichere Zonen“ werden kann, für das das Land Niedersachsen Ausnahmen vom Lockdown ermöglicht.

„Die ersten Betriebe haben schon bei mir angerufen“, sagt Adamski. Nächste Woche könnte eine eigene Spur für Arbeitnehmer eingerichtet werden, deren Firmen oder Behörden mit Adamskis Unternehmen einen Vertrag abgeschlossen haben. Und nächste Woche steht auch die Technik bereit für diejenigen, für die QR-Code-Anmeldung zu kompliziert ist. Aber eine digitale Anmeldung sei unumgänglich, sagt Adamski: „Dadurch können wir die Anonymität sicherstellen.“

Denn die Personendaten werden verschlüsselt, trotzdem werden ihnen die Testergebnisse übermittelt. Unmittelbar nach dem Test als E-Mail. Bei positivem Test per Anruf und Meldung ans Gesundheitsamt: „Bevor die Behörde sich meldet, wissen unsere Besucher schon Bescheid.“

Luftaustausch und Kühlanlage im Zelt

Ein Zelt mit drei Passagen, im hinteren Bereich das Testlabor mit eng getakteten Abläufen und permanenter Desinfektion. Luftfilter tauschen regelmäßig die Innenluft im Zelt aus. Wenn es draußen heiß wird, wird innen eine Kühlanlage angeschmissen. Tempo, Effizienz und gute Arbeitsbedingungen gehören zum Konzept, hinter dem neben Adamski auch Andreas Bente und Kai Höljes verantwortlich stehen. Und eben auch Michael Junge, der gerade dabei ist, für die Gastronomie eine App zu programmieren.



60 Leute arbeiten bereits auf verschiedenen Vertragsmodellen für das Testzentrum. „Wir brauchen noch mehr Mitarbeiter“, sagt Adamski. Auch den Pool des Service-Teams will er aufstocken – für all diejenigen, die zum ersten Mal da sind und noch an der Anmeldetechnik scheitern: „Eigentlich arbeiten wir über eine Terminvergabe, aber wenn Plätze frei sind, kann man natürlich auch direkt kommen.“

Tests auch am Ostersonntag

Die Hil-Care GmbH sucht aber weiteres Personal, um die Kapazitäten aufzustocken. Am Wochenende hat Adamski nun auch den Sportverein Eintracht mit im Boot. „Durch diese Unterstützung können wir die Zahl der Schnelltests verdoppeln“, sagt er. Am 1. April sind die Helfer mit an Bord, die bereits eingespielt sind, weil sie Tests in Schulen und Kitas vornehmen.

Außerdem sind die Buchungen bis Gründonnerstag vor Ostern voll ausgelastet, teilt Adamski mit. Um aber „sichere Verwandtenbesuche über die Feiertage zu ermöglichen“, setzt er auf noch mehr Testangebote und plant, auch am Ostersonntag zu öffnen: „Das hängt aber davon ab, ob wir genügend Personal bekommen.“

Auf Vorkasse

Klingt alles erfolgreich – nur mit der Wirtschaftlichkeit hapert es. Das Gesundheitsamt hat Adamskis Projekt schnell den Auftrag erteilt, das Testzentrum in Gang zu bringen. Auf den Kosten bleibt er sitzen. Zwar hat er den Antrag an die Kassenärztliche Vereinigung gestellt, doch das könne noch dauern: „Es ist eine Behörde.“

Mit anderen Worten: Einnahmen gibt es bislang keine. Hil-Care gehe in Vorleistung, sagt Adamski. Bis jetzt sei schon ein sechsstelliger Betrag aufgelaufen: „Wir werden keine Gewinne machen, wir sind froh, wenn wir bei Null wieder rauskommen.“ Warum also der Aufwand, das hohe Risiko? „Ganz einfach, ich will endlich wieder auf dem Marktplatz sitzen können und ein Bier trinken oder ins Theater gehen“, antwortet Adamski.

Darlehnsgeber gesucht

Doch derweil steigen die Kosten: „Wir brauchen Unternehmen, die uns auf Darlehensbasis unter die Arme greifen, um durchzuhalten.“ Bis Mitte April hat er die Zusage, die Lilie nutzen zu können. Zu wenig Zeit, sagt er. Trotzdem hat er das Zelt aufbauen lassen: „Wir sind Unternehmer – keine Unterlasser.“ Um das Leben in Hildesheim wieder in Gang zu bekommen, muss eben so viel getestet werden, wie es möglich ist.



Deswegen will Adamski nicht nur die Teststrecke auf der Lilie ausbauen. Am Mittwoch oder Donnerstag startet das Drive-In-Testzentrum auf dem Volksfestplatz. Auch vor dem Bahnhof oder an anderen öffentlichen Orten kann er sich weitere Projekte vorstellen. Hauptsache, es gehe endlich voran.

Auch Bahnhof als Standort möglich

Peter Justus, Vorsitzender der Unabhängigen in Hildesheim, hatte Anfang Februar an Oberbürgermeister Ingo Meyer geschrieben, die eine, übrig gebliebene Million aus dem Existenzsicherungsfond der Stadt für Schnelltests einzusetzen. Als Antwort bekam er ein Nein. „Der Zusammenhang von einer pauschalen Testung und der nachhaltigen Existenzsicherung der Gewerbetreibenden dürfte schwer zu vermitteln sein“, hat ihm Meyer wenige Tage später geantwortet. „Und jetzt steht das Testzentrum hinter dem Rathaus“, sagt Justus. Auch, um Hildesheim zur „sicheren Zone“ zu machen.  

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