Chef im Interview

„Immer wieder Schüsse aufs Hildesheimer Jobcenter – wie schützen Sie Ihr Team, Herr Nehring?“

Hildesheim - Seit Monaten wird das Jobcenter in Hildesheim immer wieder attackiert – erst mit Schüssen, nun auch mit einem Stein. Dingfest ist noch niemand gemacht worden. Ulrich Nehring, Chef im Jobcenter, äußert sich erstmals öffentlich zu der Lage.

Vierte Etage im Jobcenter Hildesheim: Die Schüsse auf sein Haus beschäftigen Geschäftsführer Ulrich Nehring seit Juni. Foto: Renate Klink

Hildesheim - Seit Monaten wird das Jobcenter in Hildesheim immer wieder attackiert – erst mit Schüssen, nun auch mit einem Stein. Die Polizei ist regelmäßig für Ermittlungen in dem Bürokomplex an der Kaiserstraße. Dingfest ist noch niemand gemacht worden. Ulrich Nehring, Chef im Jobcenter, äußert sich erstmals öffentlich zu der Lage – auch zu der Arbeit von Polizei und Presse.

Wie ist die Stimmung in Ihrem Haus, auf das ein Unbekannter immer wieder Schüsse feuert?

Das, was bisher geschehen ist, ist schlimm, beängstigend und auch besorgniserregend. Einige reagieren gefasst, andere finden die Situation sehr wohl dramatisch. Das ist sehr unterschiedlich. Wir haben überlegt, was machen wir denn jetzt? Räumen wir diesen kompletten Bereich – betroffen sind zu 80 Prozent das Erdgeschoss und der erste Stock vom Jobcenter. Zusammen mit der jeweiligen Teamleitung muss dann im Einzelfall eine Lösung gefunden werden.

Wie sehen die aus?

Individuelle Lösungen schaffen, weil jeder auch ein anderes Sicherheitsempfinden hat. Eine Kollegin hat beispielsweise gesagt, für sie geht das jetzt hier gar nicht mehr. Natürlich hat sie ein anderes Büro bekommen. Wir haben immer die Option offengelassen, ins Homeoffice zu wechseln. Aber wir haben nicht gesagt: Bleibt mal alle zuhause – was wäre das auch wieder für ein Signal. Für die Polizei sind die kaputten Scheiben immer noch Sachbeschädigung gewesen. Nicht mehr. Es ist nichts weiter passiert.

Aber muss denn erst jemand verletzt werden?

Tatsache ist, tagsüber ist nie geschossen worden, sondern immer nachts oder am Wochenende. Also zu Zeiten, wenn niemand im Gebäude ist. Die Lage ist für uns schwierig. Oberste Priorität hat die Sicherheit unserer Leute. Wir wollten uns aber nicht in Richtung Panik bewegen.

Aber Fakt ist, irgendjemand hat es auf das Jobcenter Hildesheim abgesehen?

Das würde ich so auch nicht bestätigen, man muss da differenzieren: Ist das normaler Vandalismus, oder ist es projiziert auf das Jobcenter. Das können wir nicht sagen, immer nur spekulieren.

Würden Sie nicht von einer Anschlagsserie sprechen – bei mittlerweile 53 Schüssen auf 28 Fenster?

Zunächst nicht. Das erste Fenster ist am 27. Juni getroffen worden – ein Loch. Vandalismus passiert leider immer wieder, seit dem Einzug hier in das neue Gebäude im Jahr 2018 gab es erst eine Handvoll an Vorfällen. Dafür sind wir leider auch zu sehr im Schmelztiegel des ganzen sozialen Bereichs, eben an der untersten Stelle: Jeder, der hier kein Geld bekommt, lebt dann quasi auch von nichts. Schon beim ersten Schuss-Vorfall haben wir Strafanzeige gestellt – hier herrscht Null-Toleranz bei jeglicher Form von Aggression auch unseren Mitarbeitenden gegenüber.

Wann haben sich die Anschläge gehäuft?

Die Welle der Kugeln war im August. Da haben wir fast jeden Tag etwas vorgefunden. Nicht nur draußen – es sind ja keine Durchschüsse durch die Fenster. Sondern auch drinnen im Flur lag mal eine Stahlkugel. War das Zufall oder ein versteckter Hinweis nach dem Motto „Ich komme auch ins Haus hinein“? Das ist natürlich auch wie ein Lauffeuer hier herumgegangen. Wir haben die Polizei gebeten, mehr vor Ort zu sein.

Trotzdem ist noch ein zufällig vorbeifahrendes Auto getroffen worden – morgens gegen 6.20 Uhr? Macht die Polizei zu wenig?

Um genau zu sein, um 6.18 Uhr. Ach, das würde ich nicht sagen, die Zusammenarbeit mit der Polizei ist da sehr gut, wir haben einiges in Gang gesetzt.

Was meinen Sie genau?

Maßnahmen hinsichtlich Sicherheitsdienst, Überwachung und Kontrolle, über die ich hier im Detail nicht berichten kann. Das verstehen Sie sicherlich.

Offensichtlich nicht ausreichend erfolgreich – die Schüsse gingen ja weiter?

Was soll die Polizei auch machen, sie stößt da auch an ihre Grenzen. Sie kann uns ja schließlich nicht 24/7 unter kompletten Schutz mit Sicherheitszone stellen. Deswegen sind wir nach dem Vorfall mit der zertrümmerten Autoscheibe – eine weitere Eskalationsstufe – bei Ihrer ersten Anfrage für die HAZ auch so zurückhaltend gewesen.

Sie waren komplett verschwiegen.

Das ist immer eine Frage von interner und externer Kommunikation. Unser Bestreben ist natürlich in erster Linie, die Sicherheit unserer Mitarbeiter zu gewährleisten. Das steht an oberster Stelle. Der zweite Punkt ist die Kommunikation im Haus, der dritte Punkt: Wir wollten den Täter schnappen. Also wie gehen wir jetzt öffentlich damit um? Den Zeitpunkt, als der Bericht bei Ihnen veröffentlicht wurde, fand ich sehr unglücklich.

Warum?

Unsere Sorge ist gewesen, dass die Ermittlungen hätten behindert werden können.

Das hat die Polizei so nicht gesagt. Hat die Berichterstattung etwas kaputt gemacht?

Also seit drei, vier Wochen ist nicht mehr geschossen worden.

Das spricht doch eher für die Veröffentlichung – nämlich zuerst am 11. Oktober in der Hildesheimer Allgemeine. Stimmt es, dass Sie sauer auf die Presse sind?

Nee, ich bin nicht sauer. Ich fand es schade. Meine Sorge war, dass wir durch den Presseartikel den Täter vielleicht nicht dingfest machen können, weil er sich zurückzieht. Oder weil Trittbrettfahrer animiert werden.

Aber kann man die vielen, sichtbaren Vorfälle, die mehr als 200 Mitarbeitende betreffen, auf Dauer geheim halten?

Wir haben das nicht unter dem Deckel der Verschwiegenheit gehalten.

Manche Kolleginnen oder Kollegen sollen von den Vorfällen erst aus der Zeitung erfahren haben?

Nein, das kann nicht sein. Intern haben wir es natürlich kommuniziert – bis auf den Vorfall mit der Autoscheibe. Allein sechs oder sieben Mails haben wir dazu im Haus versandt. Es gibt keinen, der diese Mails nicht bekommen hat. Darin haben wie die rein sachliche Ebene wie Polizei, Strafanzeige, Schäden und so weiter benannt. Aber auch die emotionale, dass wir uns natürlich auch Sorgen machen. Man kommt morgens an seinen Arbeitsplatz und sieht auf Sitzhöhe ein Loch in der Scheibe. Seit Juni haben wir jeden Tag über diese Fensterscheiben gesprochen. Wie gehen wir vor? Wie viel Transparenz und Anteilnahme ist richtig. Wir sind ja auch Betroffene.

Nun im vierten Stock Ihres Büros als Geschäftsführer eventuell weniger als im Erdgeschoss. Haben Sie Angst?

Ich bin als Geschäftsführer der Kopf dieses Hauses, trage Verantwortung und habe eine Fürsorgepflicht. Da hat man natürlich den Gedanken, dass es einen auch persönlich treffen kann, selbst zur Zielscheibe zu werden.

Haben Sie in der ersten Haus-Versammlung zu den Vorfällen am 17. Oktober mit Abmahnung oder gar Kündigung gedroht, wenn weiter etwas nach draußen dringt, also beispielsweise an die Presse?

So habe ich es nicht gesagt. Natürlich ist es so, wenn hier Dinge nach außen gehen, auch die Sicherheitslage des Jobcenters gefährdet ist, dass wir uns dann überlegen müssen, was das für arbeitsrechtliche Konsequenzen haben kann.

Deswegen der Maulkorb an Ihre Mitarbeitenden?

Das galt während einer bestimmten Ermittlungsphase.

Was bleibt Ihnen den jetzt noch, um den Schüssen ein Ende zu setzen? Hilft doch Öffentlichkeit als Abschreckung?

Vielleicht. Deswegen sprechen wir ja auch heute. Wir wissen es nicht, kennen die Motivation des Täters nicht. Bisher ist niemand zu Schaden gekommen. Um Gottes Willen, das wäre das Schlimmste. Die Sicherheitslage hat sich verändert. Wir können schlimmstenfalls das Haus zu machen.

Das ist nicht passiert. Also haben Sie die Krisensituation in Ihrem Haus gut gemanagt?

Der Grat zwischen Fürsorge und Panik, Transparenz und Ängste schüren, ist sehr schwierig. Von Seiten der Belegschaft ist nichts an uns herangetragen worden. Ich habe mich oft in der Bredouille gefühlt. Heute kann ich tatsächlich nur sagen: Alles, was wir zum Zeitpunkt gemacht haben, war die richtige Entscheidung. Aber natürlich empfindet jeder Mensch anders.


Zur Person

Ulrich Nehring leitet als Geschäftsführer seit 2016 das Jobcenter in Hildesheim. Die Behörde ist zuständig für Stadt und Landkreis. Der 58-Jährige ist dabei Chef von 298 Mitarbeitenden, wovon 218 direkt in dem fünfstöckigen Bürokomplex am Marienfriedhof beschäftigt sind. Die anderen verteilen sich auf die Standorte Alfeld, Gronau, Sarstedt und Bad Salzdetfurth. Nehring ist seit mehr als drei Jahrzehnten bei der Arbeitsagentur tätig, war unter anderem in Braunschweig, Salzgitter, Wolfenbüttel, Magdeburg und Hannover beschäftigt und hatte bereits die Leitung einiger Jobcenter inne.

Das Jobcenter verfügt insgesamt über Ressourcen von rund 200 Millionen Euro (für Bürgergeld, Zuschuss Unterkunft/Heizung, aktive Leistungen, Verwaltung, Teilhabe Kultur/Bildung). Im Jahr 2023 bezogen in Stadt und Landkreis durchschnittlich 14693 erwerbsfähige Menschen im Alter zwischen 15 und 67 Jahren Geld vom Jobcenter.

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