Hildesheim - „Mama macht Theater“: Unter dieser Überschrift setzt sich Elisabeth Köstner für die Vereinbarkeit von Familie und Bühne ein. Die Musicaldarstellerin aus Hildesheim klärt unter anderem in einem Podcast mit diesem Titel darüber auf, wie schwierig das Bühnenleben für sie als Mutter ist. Jetzt ändert sich das Leben von Köstner und ihrer Familie aber wohl radikal. Denn in Hildesheim spielt Köstner nicht mehr Theater. Ihr Vertrag mit dem Theater für Niedersachsen (tfn) wurde nicht verlängert.
Das hat Köstner selbst über ihre Kanäle auf Social Media öffentlich gemacht. Ein ungewöhnlicher Schritt – denn Nichtverlängerungen sind im Theaterbetrieb nichts Ungewöhnliches. Der sogenannte Normalvertrag Bühne (NV-Bühne beziehungsweise in Köstners Fall NV-Solo) hat diese Klausel eingeschrieben. Vereinfacht gesagt sollen Theaterleitungen aber auch Darstellenden dadurch die künstlerischen Freiheiten gelassen werden. Sofern eine Seite feststellt, dass die Vision von Theater auseinandergeht, soll die Trennung einfach sein.
Sie findet, sie habe keine Chance gehabt, auf Kritik zu reagieren
In ihrem Fall kritisiert sie das Gespräch, welches zu ihrer Nichtverlängerung geführt haben soll. Laut ihrer Darstellung habe sie scharfe Kritik vor allem an ihrer Hauptrolle in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ erhalten. Darüber sei sie „aus allen Wolken gefallen“, schreibt Köstner in dem Beitrag auf Instagram. „Von Kollegen- und Zuschauerseite kam bei mir während der Saison sehr positive Resonanz auf meine Bühnentätigkeit an“, erklärt sie in dem Beitrag. „Eine derartige Kritik, die offenbar zur Erwägung führt, meinen Vertrag nicht zu verlängern, hätte ich mir während der jeweiligen Probenzeiten (oder zumindest im laufenden Betrieb) gewünscht.“ Im Gespräch mit der Redaktion fügt sie hinzu: „Zu dem Zeitpunkt hatten wir das Stück schon 24-mal gespielt.“ Sie findet, sie habe keine Chance gehabt, auf die Kritik zu reagieren.
Sie wirft der tfn-Leitung diese Kommunikation vor. Köstner ist beziehungsweise war das dienstälteste Mitglied der Musical Company. Neben ihr wurde über den Amtsantritt von Intendant Oliver Graf lediglich eine weitere Person aus dem Ensemble übernommen. tfn-Intendant Graf teilt auf Anfrage mit: „Grundsätzlich äußern wir uns aus Gründen der Fairness und des Persönlichkeitsschutzes nicht zu einzelnen Personalangelegenheiten.“ Am tfn seien etwa 320 Menschen beschäftigt, sodass es „vereinzelt auch zu personellen Veränderungen kommen“ könne. Er betont allgemein, dass es sich bei einer Nichtverlängerung nicht um eine Kündigung, sondern um das reguläre Auslaufen eines befristeten Engagements handele.
Missstand in der Theaterbranche?
In Köstners Vertrag heißt es: „Das Arbeitsverhältnis wird für die Spielzeit 2015/16 begründet. Es beginnt am 01. September 2015 und endet am 31. August 2016. Das Arbeitsverhältnis verlängert sich zu den gleichen Bedingungen um ein Jahr (eine Spielzeit), wenn nicht eine Nichtverlängerungsmitteilung entsprechend § 61 NV Bühne (Nichtverlängerungsmitteilung-Solo) ausgesprochen wurde.“ Ausgelaufen wäre das Engagement nach diesem Passus also nicht. Eine Seite muss sich dagegen aussprechen.
Die Nichtverlängerung, erklärt Graf generell, sei im Tarifvertrag für künstlerisches Personal so festgelegt. Zumindest darin sind sich Köstner und Graf einig – und genau das kritisiert die Musicaldarstellerin. „Es geht mir nicht um mich“, betont sie. Sie wolle ihren Beitrag als Hinweis auf einen Fehler im System, einen Missstand in der Theaterbranche verstanden wissen. Denn sie kritisiert, dass die Klausel vor allem ein Machtgefälle schaffe. Denn im NV-Bühne heißt es in Paragraph 61 lediglich: „Ein mindestens für ein Jahr (Spielzeit) abgeschlossener Arbeitsvertrag verlängert sich zu den gleichen Bedingungen um ein Jahr (Spielzeit), es sei denn, eine Vertragspartei teilt der anderen bis zum 31. Oktober der Spielzeit, mit deren Ablauf der Arbeitsvertrag endet, schriftlich mit, dass sie nicht beabsichtigt, den Arbeitsvertrag zu verlängern (Nichtverlängerungsmitteilung).“ Das lässt künstlerische – also tendenziell subjektive – Begründungen zu.
Sie ist gegen ihre Nichtverlängerung juristisch vorgegangen
Köstner, die in der laufenden Spielzeit noch einmal in Elternzeit gegangen ist, hat lange gezögert, die Nichtverlängerung öffentlich zu machen und mit dieser Zeitung zu sprechen. Sie wisse, betont sie, dass ihr das Vorgehen als persönliche Rache ausgelegt werden und berufliche Konsequenzen haben könne. „Natürlich frage ich mich, wie mich Entscheider sehen: Bin ich jetzt die Schwierige? Die, die einen reinreitet?“ Sie ist gegen ihre Nichtverlängerung juristisch vorgegangen. Wegen eines Formfehlers konnte sie eine Abfindung erstreiten. Im Anschluss haben beide Seiten einen Auflösungsvertrag unterschrieben, sagt Köstner.
Köstner selbst sieht sich als politischen Menschen, der Verantwortung übernehmen will. Sie ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Musical Akademie und hat Bühnenmütter* e. V. mitgegründet, worüber sie sich für mehr Vereinbarkeit von Familie und Theaterberuf einsetzt. Denn das sei weiterhin schwierig, weiß Köstner aus eigener Erfahrung. Ihr Partner und sie arbeiten beide als Theaterdarsteller. Das bedeutet in einer Saison oder während einer Produktion grundsätzlich Arbeit am Abend. Dazu kommt, dass nicht festangestellte Darsteller oft Engagements fern der Heimat annehmen müssen.
Aktuell inszeniert sie an der Laienbühne in Porta Westfalica
Vor diesem Problem steht Köstner jetzt. Sie hat in ihrer Elternzeit aus eigener Tasche ein Musical inszeniert, auch um ein weiteres Standbein zu etablieren. Gerade inszeniert sie an der Laienbühne in Porta Westfalica. Zusätzlich bietet sie Trainings für Theaterschaffende und Social Media an. Beruflich steht Köstner nicht mit leeren Händen da. Trotzdem bestätigt sie, dass die Engagements nach Corona zurückgegangen seien und die Vereinbarkeit von Bühne und Familie weiter schwierig wäre. Sie sieht sich trotzdem bestätigt, ihren Ärger über das tfn öffentlich gemacht zu haben.
Denn der Beitrag hat hohe Wellen geschlagen. Er ist allein über Instagram 516.000-mal ausgespielt worden. 9100 Nutzer haben ihn mit einem Daumen nach oben markiert. In den Kommentaren sprechen sich zahlreiche Kolleginnen und Kollegen für Köstner aus – darunter auch eine Vielzahl an Menschen, die auch am tfn beschäftigt waren. „Ich kriege immer noch Nachrichten. Mir haben Menschen nicht nur über Instagram geschrieben, sondern auch über WhatsApp oder mich angerufen. Es ging immer in die Richtung: Mir ist so was auch passiert.“
Warnstreik vor einem Jahr
Köstner findet, das zeige, dass ihr Schicksal weit über die Kanäle reiche, die sie sich aufgebaut hat. „Die Möglichkeit, eine Nichtverlängerung so zu kommunizieren wie mir gegenüber, ist in unseren Verträgen eingeschrieben“, meint sie. Dort sieht sie Handlungsbedarf. Dagegen würde sich in der Branche auch mehr Widerstand regen. Vor einem Jahr war künstlerisches Personal auch am tfn erstmals in einen Warnstreik getreten. 80 Personen beteiligten sich an der Arbeitsniederlegung und Demonstration im März 2025. Es war eine bundesweite Aktion. Denn der NV-Bühne ist nicht tfn-exklusiv.
„Der NV-Bühne hat Fehler“, bestätigt Köstner. Gleichzeitig ist sie trotzdem von der tfn-Leitung enttäuscht. „Diese Kommunikation und das Ausnutzen dieser Möglichkeit habe ich eben hier erlebt. Ich würde sagen, 2026 sollte anders kommuniziert werden mit Menschen, die für einen arbeiten.“ Sie fühle sich dem tfn weiter verbunden und sei überzeugt von der Musical Company, dem einzigen festen Musical-Ensemble in Deutschland, und der Landesbühne, über die professionelles Theater auch in Orte ohne feste Einrichtung gebracht werde. Dennoch schließt sie eine Rückkehr vorerst aus. „Unter einer Leitung, die so eine Kritik übt, stelle ich es mir sehr schwierig vor.“

