Kreis Hildesheim - Gut sieben Wochen nach der Sprengung eines Geldautomatens an der B1 in Einum steht nun fest: Die Volksbank Hildesheimer Börde wird den Standort auf dem Gelände der OIL!-Tankestelle aufgeben und kein neues Gerät zur Bargeldausgabe aufstellen. Das hat Marcus Hölzler, Niederlassungsleiter der zur Volksbank Hannover gehörenden Börde-Bank, jetzt bestätigt. „Der Standort war eigentlich perfekt, viele Nutzerinnen und Nutzer konnten sich bequem mit Bargeld versorgen, bevor sie nach Hildesheim zum Einkaufen gefahren sind, oder mussten eben nicht extra nach Hildesheim fahren um Geld zu holen“, sagt Hölzler. Doch die Sicherheitsbedenken angesichts des immer rücksichtsloseren Vorgehens der Kriminellen seien zu groß, deswegen habe man sich entschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen. „Es ist schlimm, mit welcher Brutalität die Täter vorgehen und auch in Kauf nehmen, dass sie bei den Sprengungen Menschenleben gefährden.“
Keine Beute für die Täter – aber 120.000 Euro Schaden
Bei der Sprengattacke am Dienstag nach Weihnachten hatten bisher unbekannte Täter um wenige Minuten vor 4 Uhr in kurzer Abfolge zwei Sprengsätze an dem Geldautomaten der Volksbank gezündet. Der Tresor hielt der Attacke, wenn auch schwer beschädigt, stand – die Täter machten sich ohne Beute davon. Der entstandene Sachschaden beträgt nach Angaben der Bank aber 120.000 Euro. Die Sprengung in Einum war der vierte Fall im Landkreis Hildesheim im Jahr 2022. Am 18. Juli war ein Geldautomat der Sparkasse Hildesheim in Harsum gesprengt worden, am 28. November ein Automat der Volksbank in Bockenem. Zudem gab es eine versuchte Geldautomatensprengung am 26. November in Holle.
Lange Serie – in 2023 schon elf Automatensprengungen
68 Automatensprengungen gab es 2022 in Niedersachsen insgesamt – eine lange Serie, die auch 2023 nicht abreißt. Bereits elf Mal haben Kriminelle seit Jahresbeginn landesweit zugeschlagen, zuletzt am Mittwoch in Achim.
Die Ermittlungen laufen mittlerweile zentral bei der Staatsanwaltschaft Osnabrück. Doch nicht nur die Kriminellen sind im Visier, die Landesregierung nimmt seit Monaten auch die Banken in den Fokus und fordert, die Kreditinstitute müssten deutlich mehr für die Sicherheit tun und die Automaten durch technische Aufrüstung für Täter unattraktiv machen. Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder ein im Ausland zum Teil bereits eingesetztes System, das Geldscheine bei einer Sprengung automatisch verklebt, so dass sie nicht mehr zu verwenden und somit für Täter wertlos sind.
Kritik an den Banken – die wollen den Schwarzen Peter nicht haben
Bei den Banken wiederum will man den Schwarzen Peter so aber nicht annehmen. Jürgen Wache, Sprecher des Vorstands der Volksbank Hannover, kritisiert im Gespräch mit der HAZ Forderungen und Vorwürfe der niedersächsischen Justizministerin Kathrin Wahlmann (SPD) deutlich als „rein populistische Aussagen“.
Wahlmann hatte bereits Ende 2022 den Banken in Niedersachsen „unverantwortliches“ Verhalten vorgehalten, sie müssten die Geräte mit Klebetechnik nachrüsten. Wörtlich sagte sie: „Solange das nicht passiert, werden die Sicherheitsbehörden und die Justiz weiter mit Automatensprengungen zu tun haben, nur weil Banken ein paar Tausend Euro für Klebesysteme sparen wollen.“
Mit diesem Vorwurf hatte die SPD-Politikerin damals schon Kritik der Banken provoziert, kürzlich hat sie noch einmal nachgelegt. In einem Interview mit dem „Spiegel“ sagte sie: „Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Banken nicht nachrüsten. Das ist fahrlässig.“ Man müsse prüfen, Banken gesetzlich zur technischen Aufrüstung zu verpflichten. Niedersachsens neue Innenministerin Daniela Behrens stößt nach der Sprengung in Achim von Mittwoch ins gleich Horn.
Verklebetechnik als Alheilmittel gegen Sprengungen?
Für Marcus Hölzler und Jürgen Wache ist diese Haltung nicht nachvollziehbar. Zum einen, weil die Banken bereits deutlich in Systeme wie Vernebelung und Einfärbungen investiert hätten und auch Geldautomaten auf Nachtschließungen umstellten. Und vor allem auch, weil der von Wahlmann geforderten Verklebetechnik nicht die Banken im Weg stünden, sondern fehlende Zertifizierungen der Technik und ausstehende Entscheidungen der Bundesbank.
Wache verweist auf ein gemeinsames Schreiben des niedersächsischen Sparkassenverbands sowie der Genossenschaftsverbände, in denen auch die Volksbanken vertreten sind. Der Brief aus dem Dezember war an den damaligen niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius und Kathrin Wahlmann gerichtet; auch Pistorius hatte die Kreditinstitute für mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen kritisiert. Man sei „irritiert“ über solche Aussagen, hieß es in dem Schreiben der Verbände. Man setze auf ein Miteinander von Banken und Behörden, „öffentlich verbreitete Pauschalvorwürfe und sachlich verkürzte Darstellungen helfen sicher nicht weiter.“ Bei der geforderten Verklebetechnik bestünden „Hürden, auf die wir keine Einflussmöglichkeiten halten“.
„An dieser Lage hat sich bis heute nichts geändert“, sagt Volksbank-Hannover-Vorstand Jürgen Wache. Er verweist zudem auf Fragen, die von der Bundesbank zu prüfen seien.
Nimmt die Bundesbank verklebte Scheine zurück?
Ein von Bundesinnenministerin Nacy Faeser einberufener Runder Tisch von Politikern, Bankenvertretern und Sicherheitsexperten zum Thema „Sicherheit von Geldautomaten“ war im November zum Ergebnis gekommen, die Klebetechnik könne eine „weitere Lösung“ darstellen – „sobald diese Systeme marktreif sind“. Außerdem ging aus dem Papier hervor, dass noch nicht geklärt sei, ob die Bundesbank den Kreditinstituten verklebte Banknoten erstattet – diese Prüfung wolle die Bundesbank „zeitnah“ abschließen.
Ein Ergebnis dieser Prüfung ist im niedersächsischen Justizministerium aktuell nicht bekannt, erklärt ein Sprecher auf HAZ-Nachfrage. Ungeachtet dessen bekräftigt er erneut, die Forderungen nach raschem Handeln der Banken. Angesichts des „skrupellosen Vorgehens“ der Täter steige die „moralische Verpflichtung“ tätig zu werden. „Bislang ist aus Sicht der Justizministerin nicht schlüssig dargelegt worden, warum Sicherungsmaßnahmen, die in den Niederlanden gängig sind und in Teilen der EU sogar vorgeschrieben sind, in Deutschland noch nicht realisierbar sein sollen.“ Auf die nicht vorliegenden Zertifizierungen müssten die Banken jedenfalls nicht verweisen, so der Ministeriumssprecher. Die Prüfung der Technik durch die zuständige VdS Schadenverhütung GmbH „mag ein Kaufkriterium für Banken und Sparkassen sein“, doch das Siegel stelle keine staatliche Zertifizierung dar – die Klebetechnik könne also unabhängig davon eingesetzt werden. Süffisant-sarkastisch endet die schriftliche Stellungnahme aus dem Ministerium: „Es sei darauf hingewiesen, das Geld bei vollendeten Taten derzeit zwar nicht verklebt, aber gestohlen ist und zur Begehung weiterer Straftaten verwendet werden kann.“
Von einem Miteinander von Banken und Behörden, das im Brief an Boris Pistorius gewünscht worden war, davon ist zurzeit wenig zu spüren.



