Aus für Verbrauchermarkt

Real schließt seinen Markt in Hildesheim noch früher als geplant

Hildesheim - Für die Entscheidung gibt es einen ganz banalen Grund. Kunden können noch Schnäppchen machen. Unterdessen nennen die ersten Untermieter neue Standorte – einer ist ganz in der Nähe.

Hildesheim - Die Verbrauchermarkt-Kette Real schließt ihre Filiale am Hildesheimer Cheruskerring noch etwas früher als ursprünglich vorgesehen. Statt die Tore am Samstag bis zum regulären Ende der Öffnungszeit um 20 Uhr offen zu halten, schließt der im Frühjahr 1977 eröffnete Markt bereits am Vormittag seine Türen für immer. Das hat Unternehmenssprecher Markus Jablonski jetzt auf HAZ-Anfrage erklärt. Die Untermieter dürften allerdings bis zur gewohnten Schließzeit Kunden in ihren Filialen begrüßen – was aber nicht alle vorhaben.

Öffnungszeiten verkürzt

„Der Markt öffnet am Samstag planmäßig, wird allerdings aufgrund der Abverkäufe bereits am Vormittag schließen“, sagte Jablonski. Tatsächlich waren die Regale in dem großen Verbrauchermarkt schon Mitte der Woche weitgehend leergefegt. In weiten Bereichen, etwa bei Unterhaltungselektronik, Sportwaren, Haushaltsgeräten oder auch Bekleidung, gab es praktisch nichts mehr. Einige Flächen waren deshalb schon gar nicht mehr zugänglich.



Aber auch im Lebensmittel-Bereich sind in vielen Regalen nur noch wenige Waren zu finden, einige Gefriertruhen und Kühlregale sind ebenfalls bereits leer. Seit Mitte Mai, nachdem die Entscheidung zur Schließung gefallen war, hat Real obendrein seine Öffnungszeiten reduziert, schließt inzwischen um 20 statt wie zuvor um 22 Uhr.

Viele Rabatte

Das wenige, was es jetzt noch im Laden gibt, kostet indes in aller Regel deutlich weniger als üblich. Schokolade und andere Süßigkeiten, aber zum Beispiel auch Töpfe wechseln zu deutlich reduzierten Preisen den Besitzer. Schon vor Wochen hatte Real massive Rabatte angekündigt, um den Markt bis zur Schließung möglichst leer zu bekommen.

Der Mietvertrag für den Supermarkt läuft noch bis zum Donnerstag, 30. Juni. Die verbleibenden Tage nach dem Sonnabend dürfte Real nutzen, um die letzten Waren auszuräumen und vielleicht auch die gesamte Fläche zu entrümpeln, um sie dann besenrein an den Eigentümer Edeka zu übergeben.

Tiefschlag im Mai

Zuvor waren wie berichtet Verhandlungen zwischen Real und Edeka über eine Verlängerung des Mietvertrages gescheitert. Dabei gehörte der Standort am Cheruskerring zu den wenigen deutschen Märkten, die das nach dem Verkauf der meisten Märkte massiv geschrumpfte und zudem an neue Eigentümer mit einer neuen Gesellschaft verkaufte Unternehmen Real überhaupt noch selbst weiterbetreiben wollte. Die Fortsetzung war fest eingeplant und auch öffentlich angekündigt.

Doch im Mai kam es zu Kehrtwende. Edeka als Eigentümer der Immobilie bot Real nach HAZ-Informationen eine Verlängerung des Mietvertrages über zweieinhalb Jahre an. Hintergrund: Vom Jahr 2025 will Edeka am Cheruskerring selbst einen großen Verbrauchermarkt betreiben. Denn dann läuft ein Erbbaurecht aus, das Edeka derzeit noch daran hindert, die Immobilie nach seinen eigenen Vorstellungen umzugestalten. Zweieinhalb Jahre waren aber wiederum den neuen Real-Besitzern, dem Unternehmer-Ehepaar Tischendorf, zu wenig. So kam es zum Aus für den Markt – und für rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Zwei ziehen zu Kaufland

Doch nicht nur für die. Auch viele kleinere Hildesheimer Unternehmen, die bei Real als Konzessionäre oder Untermieter eigene Filialen betreiben, wurden von der Entwicklung kalt erwischt – vom chinesischen Restaurant bis zum Blumengeschäft, von der Wäscherei bis zum Friseursalon, vom Reisebüro bis zum Handyladen. Auch die Tankstelle gehört zu dieser Gruppe. Sie steht ebenfalls vor dem Aus, wie Edeka zuletzt gegenüber der HAZ bestätigte.

Inzwischen haben die ersten betroffenen Firmen neuen Standorte gefunden. Besonders schnell geht es beim Sprint Schuh- und Schlüsseldienst. Der hat am Donnerstag nach rund 40 Jahren seinen letzten Öffnungstag bei Real. Am Freitag will Betreiber Alexander Pantschenkow den Umzug wuppen und bereits am Samstag in neuen Räumen als Untermieter von Kaufland eröffnen. Dann allerdings unter dem Namen Schuh- und Schlüsseldienst APS Services.

Der Hintergrund: Bei Sprint war Pantschenkow seit 2010 Franchisenehmer, mit APS wird er nun auch an seinem zweiten Standort komplett eigenständig – so wie bereits seit 2019 mit seiner APS-Filiale im Ochtersumer Hit-Markt.

Einen alten Bekannten aus der Real-Zeit trifft der Schlüsseldienst-Betreiber bei Kaufland schon in wenigen Tagen wieder. Auch die Hildesheimer Wäscherei Fasson kann einmal über die Straße ziehen und eine neue Filiale beim Real-Konkurrenten Kaufland einrichten. Zum 1. Juli geht es los. Fasson-Chef Andreas Hammer ist darüber sehr erleichtert: „Für uns und unsere Mitarbeiterinnen ist das zunächst eine Lösung, in der Hoffnung, dass unsere treuen Stammkunden mitkommen“, sagt er und betont: „Dadurch müssen wir niemanden entlassen!“

Huth zieht übers Wochenende um

Entlassungen soll es auch beim Friseursalon Huth nicht geben, versichert dessen Betreiber Sebastian Machens. „Wir werden am Samstag um 13 Uhr schließen und dann einen Teil unseres Inventars demontieren und in unserer Filiale am Hauptbahnhof aufbauen“, kündigt er an. „Bereits ab Montag wird dann unser gesamtes Team dort arbeiten.“ So gesehen geht der Standortwechsel bei Huth noch schneller als bei Fasson, läuft quasi übers Wochenende. Eine Dauerlösung soll das aber nicht werden, kündigt Machens an: „Wir planen, im kommenden Jahr in einen neuen Standort zu ziehen, sind dazu aber gerade erst in Verhandlungen.“ Details könne er deshalb noch nicht nennen.

Sehr bedeckt halten sich die Betreiber mehrerer Filialen im Real-Markt auch mit Blick auf den weiteren Umgang mit ihrem bisherigen Vermieter. Offiziell äußern will sich niemand, doch nach HAZ-Informationen haben mindestens zwei Firmen rechtliche Schritte geprüft.

Kommt es zu Klagen?

„Die Einschätzung unseres Rechtsanwaltes ist, dass die Kündigung anfechtbar wäre, aber ein langwieriger Prozess mit wahrscheinlich geringem Schadensersatz nicht im Verhältnis zum Aufwand steht“, sagt einer von ihnen. Ein anderer ist da zuversichtlicher: „Die nicht fristgerechte Kündigung wird nun von unserem Anwalt verfolgt, in der Hoffnung, dass wir eine Entschädigung erwirken können.“ Die betroffenen Firmen dürften vor allem entgangene Umsätze bei bleibenden Personalkosten geltend machen.

Die nicht fristgerechte Kündigung wird nun von unserem Anwalt verfolgt, in der Hoffnung, dass wir eine Entschädigung erwirken können

Betreiber einer Filiale im Real-Markt

Am Cheruskerring dürfte sich in den nächsten zweieinhalb Jahren indes wenig tun. Ob Edeka das Gebäude schon vor 2025 nutzen kann oder will, ist unklar. Gerüchte, die Großhandels-Tochter Edeka Foodservice (Mios) werde von der Hafenstraße aus in den alten Real-Markt ziehen, dementierten sowohl die Edeka-Pressestelle in Minden als auch ein Vertreter von Edeka Foodservice auf HAZ-Anfragen hin ganz entschieden. Mios bleibe dem Standort am Hafen treu.

Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.