Hildesheim - Als erste Band bei einem dreitägigen Festival zu spielen, ist eigentlich kein leichter Job. Doch der Auftritt von The O-Jacks zeigt, dass es auch anders geht. Denn schon am Samstagmittag drängen sich die Besucherinnen und Besucher vor der Bühne am Hildesheimer Theater. Die Jazztime hat gerade begonnen und die Wiesen sind schon mit Decken, Klappstühlen und spielenden Kindern gefüllt. Da wird mal wieder deutlich, wer die eigentlichen Stars des Festivals sind. Und zwar die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer und die Menschen, die immer wieder der Einladung folgen und drei Tage lang Musik umsonst und draußen genießen.
Es ist wie ein großes Familienfest.
„Es ist wie ein großes Familienfest“: Diese Beschreibung hört man immer wieder, wenn man Gäste, Bands und Veranstalter danach fragt, was für sie die Jazztime besonders macht. Und wie bei jedem anderen Familienfest treffen sich hier die Generationen. Vor der Bühne machen die Gäste immer schnell einen Platz für Rollstühle, Rollatoren und Klappstühle frei. Daneben stehen Mütter, die ihre Babys in Tüchern um den Bauch tragen – Gehörschutz natürlich inklusive.
Auf den Wiesen ein ähnliches Bild: Auf den Picknickdecken spielen Kinder mit ihren Eltern Karten, die Großeltern haben ihre Klappstühle neben den Decken aufgebaut.
Solidarität mit Ehrenamtlichen
Auf manchen Decken werden Picknickkörbe ausgepackt und Flaschenbiere herumgereicht. Doch das ist ein recht seltenes Bild auf der Hildesheimer Jazztime. Die Besucherinnen und Besucher halten auch beim Essen den Organisatoren die Treue: An der Würstchenbude ist großer Andrang. Genau wie bei Georgios Papakonstantinou, der in der sirrenden Hitze vor drei großen Gyros-Spießen steht und zwischendurch immer wieder Falafel und Pommes in die Fritteuse schüttet.
Senioren sitzen im AWO-Kuchenzelt beieinander. Kinder haben so viel Schokoeis auf den T-Shirts wie Schminke im Gesicht. Denn für sie gibt es ganz besondere Angebote: Neben dem Kinderschminken stehen zwei große Hüpfburgen bereit, die an den drei Festivaltagen fast durchgängig gut besucht sind.
Vielseitiges Line-Up
So verschieden wie die Altersgruppen, die sich auf den Weg zum Festival machen, sind auch die Menschen selber. Viele haben für das Musikwochenende alte Band- und Festivalshirts aus den Schränken geholt. Bad Religion sieht man dort. Daneben Schandmaul, Erinnerungen an Mittelalterrock- und Volksmusik-Feste. Und immer wieder: Johnny Cash. Musik aus verschiedenen Richtungen und Jahrzehnten. Einige Männer tragen James Dean-Lederjacken mit Elvis-Pins. Die Jazztime-Fans haben daneben Festival-Pins aus den vergangenen Jahrzehnten befestigt.
Bildergalerie: die schönsten Fotos von der Jazztime
Gemeinsam haben die Festivalgäste also nicht viel, außer ihrer Liebe zur Musik. Und bei dem Line-Up der Jazztime ist auch für viele Geschmäcker etwas dabei. Wer es ruhiger mag, freut sich an den funkigen Klängen von Radius am Samstagmittag oder wippt zu den Klängen vom Kussi Weiss Ensemble am Sonntagmorgen.
Feierlaune auf dem Höhepunkt
Die Feierlaune der Besucherinnen und Besucher erreicht ihren Höhepunkt am Sonntagmittag: Die Sofa Connection und ihre Klänge aus Ska, Reggae und Jazz bringen viele Gäste zum Tanzen und sorgen für dichtes Gedränge. Gut gelaunt geht es mit der Till Seidel Band anschließend weiter. Hier tanzen zwar weniger Menschen vor der Bühne, dafür stehen sie bis auf die Straße und lauschen auf den Wiesen der Band, die schon häufig bei dem Festival dabei war.
Mit dem Headliner-Konzert am Sonntag ist für viele Besucherinnen und Besucher das Festival noch nicht beendet: Sie kommen auch Montag wieder, tanzen beim Jazzfrühschopen zu den Klängen der Hildesheimer Varifocal Jazz Lounge und lassen es rhythmisch ausklingen – mit dem Blues-Musiker Chris Corcoran und seiner Band.
Finanzierung ist gesichert
„Bestes Festival-Wetter hatte Organisator Waldemar Lorenz, Vorsitzender von Cyclus 66, vor der Jazztime angekündigt. Und auch am Ende der sonnigen Festival-Tage ist die Stimmung gut. „Das ist eine der entspanntesten Jazztimes überhaupt“, sagt Achim Mennecke, ebenfalls Vorsitzender von Cyclus 66, am Montagmittag. Auch die Finanzierung sei gesichert, weil Getränke- und Pin-Verkauf gut liefen. „Die letzten Pins wurden gerade verkauft“, sagt Lorenz gegen 14 Uhr. Keine Selbstverständlichkeit Im vergangenen Jahr seien etwa 400 Stück übrig geblieben.
Für Mennecke war das Konzert der Sofa Connection ein persönliches Highlight: „Die haben den Platz richtig gerockt.“ „Zum Niederknien“ fand Lorenz den gemeinsamen Auftritt von Max Mutzke und Jakob Manz beim Gala-Konzert am Samstagabend.
Jazz ist anders
So wie die beiden Festival-Macher werden viele Gäste ihre persönlichen Lieblings-Momente der Jazztime 2023 noch lange in Erinnerung behalten. Und die Stimmung, die dieses Festival immer wieder aufs Neue über die drei Tage trägt. Jazz bekommt hier eine neue Interpretation, eine ganz eigene, Hildesheimerische: Jazz ist Lebensfreude, Jazz ist Open Air, Jazz ist ein gefülltes Fladenbrot mit Pommes, Jazz ist das Gefühl von bunter Schminke und Schokoeis im Gesicht, und vor allem: Jazz ist Gemeinschaft, Jazz ist Familie.





