Söhre - Drei Wünsche hatte Sven Lakenmacher vor seinem letzten Heimspiel als Trainer der Söhrer Drittliga-Handballer auf dem Zettel. Nach der Partie gegen die TSG Bielefeld verriet er sie.
Drei Wünsche erfüllt
„Erstens wollte ich, dass Paki kommt.“ Wunsch erfüllt! Torhüter Pascal Kinzel, der bei einem Autounfall im Februar schwere Verletzungen erlitten hatte, kam in die Diekholzener Steinberghalle. Die 400 Zuschauer empfingen ihn mit stehenden Ovationen. Kinzel war sichtlich gerührt und wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. Es sollten nicht die letzten Tränen bleiben an diesem emotionsgeladenen Samstagabend.
Doch zurück zu Lakenmachers Wunschzettel. „Ich hatte mir sehr gewünscht, dass Cristina da ist.“ Cristina García ist seine Lebensgefährtin. Auch sie war gekommen – aus Mallorca. Wenn man so will, dann ist sie der Hauptgrund, warum Lakenmacher die Sportfreunde verlässt. Denn den Handball-Coach zieht es auf die Baleareninsel. Das Paar hat in Port Andratx ein Restaurant eröffnet.
31:30-Erfolg gegen Bielefeld
Blieb Wunsch Nummer drei – und den erfüllte ihm seine Mannschaft. Lakenmacher wollte sich „unbedingt mit einem Sieg“ aus Söhre verabschieden. Allerdings mussten die Sportfreunde noch einmal alles geben, denn die Gäste waren nicht gewillt, so ohne weiteres Abschiedsgeschenke zu verteilen.
Zwar legten die Söhrer einen 4:0-Blitzstart hin und lagen fast immer in Führung, doch am Ende wurde es noch einmal richtig spannend, als Jacob Broyer zweieinhalb Minuten vor dem Ende den 28:28-Ausgleichstreffer für Bielefeld erzielte. Ohne Drama geht es in Söhre eben selten.
Dann aber machten die beiden besten Söhrer Akteure das Abschiedsgeschenk für ihren Trainer perfekt. Tom Hanel (insgesamt acht Treffer) erzielte das 29:28, kurz darauf traf Yannik Ihmann (zwölf Tore) zum 30:28 und 31:29. Der letzte TSG-Treffer zum 31:30-Endstand ging im Jubel der Fans unter.
Kinzels Anteil am Sieg
Übrigens hatte auch Pascal Kinzel einen gewissen Anteil am Erfolg. Er fungierte sozusagen als „Torwarttrainer“, gab Keeper Jan Koob während der Auszeiten einige Tipps und reckte die Fäuste in die Höhe, wenn Koob stark parierte. Das war in dieser Partie sehr oft der Fall. Überhaupt wuchs Jan Koob nach Kinzels Ausfall mehr und mehr in die Rolle des Stammkeepers hinein und steigerte sich von Spiel zu Spiel.
Nach dem Spiel war Koob den Tränen nahe, denn auch er verlässt die Sportfreunde nach sehr vielen Jahren. Er wechselt zum Oberliga-Aufsteiger TuS Grün-Weiß Himmelsthür. Und Außen Christoph Holletzek geht nach Hamburg, um dort sein Studium zu beenden.
Sichtlich angefasst war auch Maximilian Kolditz, der seine aktive Karriere beendet. Als Kapitän hatte er die Sportfreunde erst in die Oberliga und dann in die 3. Liga geführt. „Was wir hier in Söhre geschafft haben, ist einmalig“, erklärte Kolditz, der dem Verein erhalten bleibt. Er will sich künftig um die Sponsoren kümmern.
Dann übergab Kolditz das Mikrofon an jenen Mann, den man getrost als Vater des Söhrer Handballmärchens bezeichnen darf: Sven Lakenmacher, der im Jahr 2016 eine mittelmäßige Verbandsliga-Truppe übernommen hatte und daraus einen etablierten Drittligisten formte, kam zunächst gar nicht zu Wort.
Die Zuschauer feierten den Ex-Nationalspieler mit langem Beifall und „Laki“-Sprechchören. Auf der voll besetzten Tribüne hielten einige Fans ein Banner in die Höhe: „Danke, Laki!“ Und da bekam auch der 52-Jährige, der im Handball schon so viel erlebt hat, wässrige Augen. Er lobte „seine Jungs“, die einmal mehr „ihr Herz auf der Platte gelassen haben. Das ist ist der Geist dieser Mannschaft.“
Neuanfang auf Mallorca
Er hätte sicher noch so viel erzählen können, aber am Ende machte er es kurz: „Danke für acht schöne Jahre. Tschüss, Söhre!“ Spätestens jetzt blickte man auch auf der Tribüne in viele feuchte Augen.
Was bei allen Emotionen fast vergessen wurde: Noch ist die Saison nicht zu Ende. Am kommenden Wochenende steht das letzte Spiel in Wilhelmshaven an. Erst dann gehen Trainer und Mannschaft auseinander. Für Lakenmacher beginnt dann ein neues Leben. Die meisten Spieler werden in Söhre bleiben – und wollen die Erfolgsgeschichte fortschreiben.
Die schönsten Bilder des emotionalen Handballabends in Diekholzen gibt es hier.
Kommentar: Hier (in Söhre), wo das Herz noch zählt ...
Wenn es um existenzielle Dinge geht, dann werde der Sport zur Nebensache, heißt es oft. Aber stimmt das wirklich? Bei Pascal Kinzel ging es um Leben und Tod. Bei einem schweren Autounfall im Februar erlitt der Handball-Torwart der Sportfreunde Söhre schwerste Verletzungen. Er selbst sagt: „Es ist ein Wunder, dass ich da lebend rausgekommen bin.“ Wird der Sport da zur Nebensache?
Existenzielle Dinge
„Im Gegenteil“, sagt Kinzel. Gerade in dieser schweren Zeit habe ihm die Sportfamilie enorm viel Kraft gegeben. „Der Zuspruch von Sportlerinnen und Sportlern aus nah und fern hat mir sehr geholfen.“ Vor allem seine Mannschaft stand hinter ihm. „Sportfreunde“ Söhre, der Vereinsname ist Programm. Denn für Kinzel sind sie so viel mehr als Handballkollegen. „Ich habe hier echte Freunde gefunden“, sagt er. Eine Mannschaft als große Familie – im harten Profigeschäft ist das oft eine inhaltsleere Floskel.
Die Tränen sind echt
Aber im Handballdorf Söhre ist das ganz anders. Die vielen Tränen, die bei Kinzels Rückkehr und dem Abschied von Trainer Sven Lakenmacher geflossen sind, waren echt. Sie sprechen für sich – und man erinnert sich spontan an ein Lied von Herbert Grönemeyer: „Hier, wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld.“





