Prozessauftakt

Todesangst in der Tankstelle: Hildesheimer Opfer eines angeklagten Räubers sagt aus

Hildesheim - Ein 30-Jähriger muss sich wegen mehrerer Raubüberfälle in Hildesheim vor Gericht verantworten – dabei wird auch deutlich, welche Folgen solche Taten für Opfer haben können.

Justizbeamte führen den Angeklagten über den Gerichtsflur – der 30-Jährige sitzt in Untersuchungshaft. Foto: Werner Kaiser

Hildesheim - Eine Minute. Nur eine Minute dauert dieser Überfall auf die M1-Tankstelle an der Bavenstedter Straße am 10. Juni 2021. Doch für die 24-Jährige, die an jenem Donnerstag Dienst hat, verändert diese Minute alles. Der Täter droht damals mit einer Schusswaffe – ob die echt ist oder nicht, ob der Mann wirklich abdrücken würde, oder nicht, das kann die junge Frau nicht wissen –, verlangt nach dem Geld aus der Kasse, befiehlt dem Opfer, sich hinter dem Tresen auf den Boden zu legen und verschwindet.

Das Opfer leidet seit dem Überfall extrem

Eine Minute, an die die 24-Jährige immer noch denken muss. In der Nacht vor ihrer Aussage in Saal 147 des Landgerichts an diesem Montag ist es wieder besonders schlimm gewesen, erzählt sie. Sie leide unter Schlafstörungen und Albträumen, sei bei einem Psychologen in Behandlung, habe Angststörungen, nehme Tabletten zur Beruhigung, und – das sei für sie besonders schlimm –, sie habe ihren Job nicht mehr. Sie schaffe die Arbeit im Verkauf nicht; hinter einem Tankstellentresen zu stehen, sei unmöglich, zu groß die Angst vor jedem, der reinkommen könnte. „Es war ein schöner Job, ich habe ihn geliebt.“

Der Mann, der angeklagt ist, nicht nur die M1-, sondern noch drei weitere Tankstellen in Hildesheim und Hannover innerhalb von fünf Tagen überfallen und insgesamt 2635 Euro erbeutet zu haben, sitzt wenige Meter von der jungen Frau entfernt neben seinem Verteidiger Kai Remmer. Er hat zum Prozessauftakt am Morgen bereits alle Anklagepunkte eingeräumt: „Es ist alles so abgelaufen, wie es vorgetragen wurde, da gibt es nichts auszusetzen.“ Er will, so der Eindruck, hier tatsächlich reinen Tisch machen. Im Zuschauerraum sitzt seine Frau, ab und zu schaut der 30-Jährige zu ihr hinüber, dann wieder vor sich auf den Tisch.

Drogenschulden als Motiv

Drogen und Schulden, mehr Drogen, mehr Schulden. Aus dieser fatalen Spirale ist er nicht mehr herausgekommen, so schildert er vor Gericht seine Lage im Frühsommer dieses Jahres. Er habe schon länger hin und wieder gekokst und gekifft, doch ab der Geburt seines Kindes 2019 sei es aus dem Ruder gelaufen. Seine Erklärung: Er habe sich die Schuld an den körperlichen Beeinträchtigungen des Säuglings gegeben, meint, dass sie Folgen seines Drogenkonsums sein könnten – und einen Ausweg aus der psychischen Ausnahmesituation ausgerechnet in den Drogen gesucht. Zwei bis vier Gramm Kokain nimmt er in den folgenden zwei Jahren pro Tag, pro Gramm zahlt er 70 bis 80 Euro. Vor seiner Frau, so erzählt er, verheimlicht er seine Sucht. Mit seinem Job als Trockenbauer verdient er nicht genug, um seinen Bedarf an Kokain und Marihuana zu finanzieren, er arbeitet schwarz, so oft es geht, leiht sich Geld. Und dann macht er bei jemand anderen Schulden, um bei einem anderen Außenstände zu begleichen. Irgendwann hat er rund 5000 Euro Schulden angehäuft – und beschließt, Tankstellen zu überfallen. Es erscheint ihm damals das einfachste, erinnert er sich. Supermärkte oder gar Banken wären ihm ein paar Nummern zu groß.

Schreckschusspistole in der Hand – abdrücken wollte er wohl nicht

Um drohen zu können, nimmt er bei den Taten eine Schreckschusswaffe mit, die er nach eigenen Angaben vor einigen Jahren mal bei einer Wohnungsentrümpelung gefunden hat. Geschossen und jemanden verletzt hätte er nie, beteuert er gegenüber der Strafkammer unter Vorsitz von Philipp Suden. Zu der Aussage passen zumindest die Bilder Überwachungskamera in der SB-Tankstelle an der Goslarschen Straße, die der Angeklagte am 11. Juni überfallen hat: Der 29-jährige Kassierer weigert sich beharrlich, dem Täter Geld herauszugeben, obwohl der schließlich sogar die Waffe durchlädt. Sichtlich überfordert und ratlos schüttelt der verhinderte Räuber kurz den Kopf und flieht ohne Beute. Vielleicht wäre es richtiger und sicherer gewesen, damals einfach das Geld rauszugeben, sagt der Kassierer am Montag in Saal 147 als Zeuge. Er habe damals aber spontan gehandelt, sagt er, und nein, er leide nicht unter der Tat. „Ich schlafe wie ein Baby.“

Die 24-jährige Ex-Mitarbeiterin der M1-Tankstelle kann das absolut nicht von sich sagen. Immerhin scheint sie im Gericht die Information positiv aufzunehmen, dass es keine scharfe Waffe war, die der Täter damals auf sie gerichtet hat. Der 30-Jährige sagt nun vor Gericht zu ihr: „Es tut mir Leid, wahnsinnig Leid“, sagt er. Die junge Frau nickt und entgegnet: „Einfach mal vorher nachdenken, was man damit anderen Menschen antut!“

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

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