Hildesheim - An innovativen Ideen rund um die Belebung von deutschen Innenstädten mangelt es Architekt Alexis Angelis kaum. Warum sollten Geschäftsleute nicht mal ungewöhnliche Pfade betreten, um die Menschen in die vielfach leeren Innenstädte zu locken? Zum Beispiel sei es doch denkbar, Einkäufe nach dem Shoppen kostenfrei zu den Kunden nach Hause zu bringen. „Die Menschen hätten die Möglichkeit, nach dem Einkauf noch ins Theater zu gehen, und wenn sie wieder nach Hause kämen, wären die Einkäufe schon da“, sagte der Oldenburger Architekt und Gründer am Freitagabend beim HAZ-Forum zum Thema „Aufbruch oder Abgesang: Wie geht es weiter mit der Innenstadt?“ Ganz nebenbei bekäme eine Stadt über so eine Aktion noch an anderer Stelle viel Aufmerksamkeit. „Das würde doch sofort in allen Medien laufen“, so Angelis.
Fast 150 Besucherinnen und Besucher hörten sich im thim am TfN seine Ideen an. Auf dem Podium beantworteten neben Angelis auch Stadtbaurätin Andrea Döring, der Hildesheimer Einzelhandels-Unternehmer Jens Koch, Geschäftsführerin Renate Mitulla vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) sowie Matthias Mehler, Vorsitzender der Unternehmer Hildesheim, die Fragen der beiden HAZ-Moderatoren Jan Fuhrhop und Tarek Abu Ajamieh.
Einen Kardinalsweg gibt es für Hildesheims Innenstadt nicht
Dabei wurde schnell deutlich: Einen Kardinalsweg gibt es nicht, um Hildesheims Innenstadt vor einem Bedeutungsverlust zu bewahren. Und jeder Versuch, neue Geschäfte anzusiedeln, hochwertige Angebote zu holen, Unternehmen zu überzeugen, ist mit erheblichem Aufwand verbunden. Stadtbaurätin Döring etwa machte an dieser Stelle die Probleme der Stadtverwaltung deutlich, mit Eigentümern ins Gespräch zu kommen. Im Fall der – abgesehen von Tedi – leeren Galeria-Immobilie sei es sogar nahezu unmöglich. Die Eigentümergesellschaft sitze in Luxemburg, gehöre ihrerseits einem US-amerikanischen Immobilienfonds und habe in Deutschland einen Verwalter. Ursprünglich positiv verlaufende Gespräche hinsichtlich der Übernahme des Parkhauses seien seit der Tedi-Eröffnung wieder eingeschlafen. Nicht viel anders gestalte es sich gerade bei SiNN, die ebenfalls angekündigt haben, ihre Filiale im Hohen Weg schließen zu wollen.
Das klang für viele der Besucherinnen und Besucher zunächst einmal negativ. Doch Redner wie Angelis oder auch Dehoga-Chefin Mitulla hoben auch immer wieder die positiven Aspekte hervor, die sie mit Hildesheim und seiner Innenstadt verbinden. „Hildesheim hat ganz viel Potenzial“, betonte Mitulla mehrfach. Sie selbst komme aus Hannover und sei der Meinung, dass Hildesheim deutlich attraktiver sei.
Zunehmend Döner-Läden, Barber-Shops und Kioske in der Innenstadt
Vor allem in gezeigten Einspielern aus der Innenstadt, in denen viele Bürgerinnen und Bürger zu Wort kamen, wurde deutlich, dass nicht jeder mit den Läden einverstanden ist, die sich zunehmend in der Innenstadt ansiedeln. Mehrere Innenstadt-Besucher bemängelten, dass es zunehmend Döner-Läden, Barber-Shops und Kioske gebe.
„Was braucht denn die Gastronomie als Rahmenbedingungen?“, fragte Moderator Abu Ajamieh Dehoga-Frau Mitulla. Diese hatte sofort ein Bündel Maßnahmen parat: etwa besseren öffentlichen Personennahverkehr, Sicherheit, Parkplätze, Beleuchtung – und vor allem schnelles Internet. „Mit schnellem Internet bekommt man junge Leute in die Innenstadt“, sagte Mitulla.
Überhaupt standen die „jungen Leute“ mehrfach im Fokus. Und fast alle waren sich einig, dass dabei Institutionen wie die Universität oder die HAWK eine zentrale Rolle spielen könnten. Es müsse gelingen, die Studentinnen und Studenten mehr als bisher in die Innenstadt zu locken. Das wiederum sei in der heutigen Zeit kaum über Geschäfte zu lösen. „Innenstädte sind viel mehr als Handel“, sagte Angelis. Warum sollten die Menschen in einer Zeit, in der sie alle Waren schneller und günstiger auch im Internet bestellen könnten, überhaupt noch in die Innenstadt kommen? Die Erklärung lieferte er gleich mit: Innenstädte müssten mehr zu Lebensorten werden, an denen sich die Menschen gern aufhielten. „Wir müssen Gründe dafür schaffen, warum man überhaupt noch in die Innenstadt kommen soll.“ Davon profitiere im zweiten Schritt auch der Handel. Er selbst ist diesen Schritt vor einigen Jahren in Oldenburg bereits einmal gegangen. Er hat mit Partnern in Oldenburg eine frühere Hertie-Filiale in einen kreativen Ort der Begegnung mit einer Markthalle, Büros und einer Co-Working-Fläche umgewandelt.
Die Zeit des Schaufensterbummelns ist vorbei
Die Zeit des Schaufensterbummelns sei vorbei, bestätigte Unternehmer Koch. Er erneuerte aber auch eine generelle Kritik an der Stadt, die das Wirtschaften in Hildesheims Innenstadt seiner Meinung nach schwierig mache. Überall gebe es Baustellen und Straßensperrungen, fehlende Parkplätze und eine überdimensional ausgeprägte Mentalität, Knöllchen zu verteilen. „Die Signale, die wir den Menschen senden, sind keine Willkommenssignale“, so Koch. In diese Kerbe schlugen zu einem späteren Zeitpunkt auch mehrere Besucherinnen und Besucher, die am Ende des Abends ebenfalls zu Wort kamen.
Matthias Mehler, Chef des Zusammenschlusses Unternehmer Hildesheim, stellte kurz vor, was der 248 Mitglieder starke Verband auf die Beine stelle. „Im Kern geht es darum, gemeinsam etwas für das Image unserer Stadt zu tun.“ So habe der Verband etwa die Kampagne „Hildesheim verliebt“ neu belebt. Holger Höfner, Centermanager der Arneken Galerie, sprach in einem eingespielten Videobeitrag davon, dass die Vielfalt die größte Stärke des lokalen Handels in Hildesheim sei. Auf die Frage, ob es nicht inzwischen zu viele Billigläden in Hildesheim gebe, antwortete er, dass die Menschen dies so wollten. Die Realität scheint dem Recht zu geben: Allein Discounter Tedi betreibt inzwischen ein halbes Dutzend Geschäfte allein in Hildesheim.
Am Ende überwiegt die Zuversicht
Am Ende äußerten sich die meisten zuversichtlich über Hildesheims Zukunft. Wirkliche Aufbruchstimmung vermittelte allerdings nur Architekt Angelis. „Alles steht vor einem Wandel“, sagte er. Manche Geschäftsmodelle würden eingehen, andere durchstarten. Wichtig sei, dass man jetzt innovativ und gemeinsam agiere und die Menschen in den Mittelpunkt zu rücken. „Hildesheim ist eine attraktive Stadt, ich kann mir vorstellen, dass es so gehen könnte.“

