Dr. Ruslan Schilenko

Arzt und Vertrauensmann von Hildesheimer Verein berichtet über Lage im ukrainischen Luzk

Kreis Hildesheim/Luzk - Der HNO-Arzt Dr. Ruslan Schilenko berichtet aus seiner ukrainischen Heimatstadt Luzk über die Lebensumstände im Krieg. Der Mediziner ist der Vertraute vor Ort des Hildesheimer Vereins Aktion Tschernobyl Hilfe.

Ruslan Schilenko (rechts) mit Kollegen bei der Arbeit in der Kinderklinik. Er berichtet der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung von der aktuellen Situation in seiner Heimatstadt. Foto: privat

Kreis Hildesheim/Luzk - Gleich nach dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine ist in der Stadt Luzk der Fernsehturm gesprengt worden, wenig später fielen Bomben auf den nahe gelegenen Militärflugplatz. Seither, sagt Dr. Ruslan Schilenko, hat es keine weiteren Angriffe gegeben. Schilenko steht in enger Verbindung zum Hildesheimer Verein Aktion Tschernobyl Hilfe. Ist der Vertrauensmann der Vorsitzenden Rita Limmroth vor Ort. Die Zwei stehen in regelmäßigem telefonischen Kontakt. Auch wenn die Stadt nicht angegriffen werde, ertönten meist drei Mal am Tag die Sirenen, wie in den Oblasten, den Verwaltungsbezirken, der Region auch, berichtet der Leiter der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung des Kreiskinderkrankenhauses. „Es fliegen ständig Kampfflugzeuge über die Gebiete“, sagt der 54-Jährige. Dann dürften nur die geplanten Operationen in den Kliniken fortgeführt werden, alle anderen Patienten müssten in die Keller.

Ärzte an der Front

Noch ist die Ärzteschaft im Kinderkrankenhaus vollzählig. Doch das könne sich ändern, wie Schilenko erklärt. Wenn Ärzte an der Front gebraucht werden, kommt eine Kommission und spricht mit den Ärzten in den Krankenhäusern. Ihr Einsatz richtet sich dann nach der Stärke der Kämpfe. Aus dem Kinderkrankenhaus ist bisher nur ein Anästhesist an die Front gegangen.



Anfang November wurde das Elektrizitätswerk, das die Region mit Strom versorgt, bombardiert. Nun ist es repariert, die 210.000 Einwohner in Luzk verfügen über Wasser und seit zwei Wochen auch wieder über Strom. Durch die Hilfe aus Kiew und dem Ausland müsse in der Stadt niemand hungern, berichtet Schilenko. Obwohl Lebensmittel sehr teuer geworden seien. Das Nötigste gebe es zu kaufen. In den Dörfern ernährten sich die Menschen hauptsächlich von dem, was sie angebaut haben – in erster Linie Kartoffeln. Im Gegensatz zu früher sei Diesel etwas billiger geworden und stehe ausreichend zur Verfügung. Der Verkauf sei nicht mehr auf 20 Liter begrenzt, so dass die Einwohner nicht mehr mit Kanistern für Vorräte sorgen müssen.

Verwundete werden auf die Kliniken im Land verteilt

Einmal wöchentlich fahren Züge mit Verwundeten aus den umkämpften Gebieten sternförmig in die umliegenden Städte und werden auf die Krankenhäuser verteilt, damit sie dort operiert werden können. „Bis dahin müssen sie an der Front versorgt werden, so gut es geht“, erklärt der Mediziner. Eine große Hilfe seien spezielle Rucksäcke zur Nothilfe für Ärzte und Sanitäter, die in Hildesheim beim Verein Aktion Tschernobyl Hilfe gepackt werden. „Es gibt gute Kontakte mit den USA, damit medizinische Hilfe für Soldaten möglich wird. Weil sehr viel amputiert wird, holen die USA diese Verwundeten, operieren dort und helfen mit Prothesen“, berichtet Schilenko. Aber auch nach Deutschland kommen verwundete Soldaten.



Viele Binnenflüchtlinge

Es kommen mehr und mehr Binnenflüchtlinge aus den stark umkämpften Gebieten nach Luzk in die nordwestliche Ukraine und die umliegenden Oblaste. „Viele der Kinder müssen in unserem Kinderkrankenhaus behandelt werden, viele hatten sehr lange keine Möglichkeit dazu an ihrem Wohnort, obwohl die Kinder krank sind“, berichtet Schilenko bedrückt. Hinzu komme, dass derzeit sehr viele erkältet seien und Fieber hätten.

Die Ukraine soll frei sein

Die Ukrainer hätten sich an den Krieg gewöhnt, so schwer das auch sei. In den großen Städten gehe die Bevölkerung bei Alarm kaum noch in Schutzräume, die meisten blieben in ihren Wohnungen. Es seien schon so viele Menschen gestorben, so viele verwundet worden, dass niemand möchte, dass Russland auch nur ein Stück der Ukraine weiterhin besetzt. „Alle wollen die ganze Ukraine befreit sehen und alle glauben daran“, sagt Schilenko. Denn sonst sei alles bislang umsonst gewesen.



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