Kreis Hildesheim - Für Rita Limmroth begann vor einem Jahr die Zeit, in der ihr Telefon kaum noch still stand. Als es die ersten Einschläge in der Ukraine gab, kreisten die Gedanken der Vorsitzenden des Hildesheimer Vereins Aktion Tschernobyl Hilfe sofort um die vom Verein unterstützte Kinderklinik im ukrainischen Luzk, der Betrieb dort musste unbedingt weiterlaufen. Schon am ersten Tag des Krieges, einem Donnerstag, wählte Limmroth deshalb zahlreiche Nummern, um einen großen Generator aufzutreiben. „Am 19. März 2022 hatten wir dann zwei große Generatoren zusammen und verluden sie sofort weiter in die Ukraine, einen für die Stromversorgung und einen für die Wasserversorgung unseres Kinderkrankenhauses“, erinnert sich Limmroth. Sie wusste schon damals: Ein Stromausfall in der Klinik wäre katastrophal gewesen.
Viele Firmen spenden sofort
Direkt zu Kriegsbeginn, am 24. Februar, begann Limmroth zudem, ihre deutschlandweiten Firmenkontakte zu nutzen und um medizinische Hilfen zu bitten. „Die Unternehmen reagierten sofort, wir konnten überall Spenden abholen. Zwei Speditionen, die bei uns im Verein Mitglied sind, waren ständig damit beschäftigt.“ Gleichzeitig riefen Ärzte aus der Ukraine an, baten um Hilfe für erste Verwundete. Schon Ende Februar wurden die ersten Lastwagen mit Operationsmaterial aus dem Lagerbestand des Vereins in Hildesheim beladen. Ebenfalls noch im Februar bestellte Limmroth 100 Infusionsgeräte und Monitore, denn sie wusste, dass Blutübertragungen nötig sein würden. „Wir organisierten Beatmungsgeräte und viel Zubehör, damit die Geräte betrieben werden konnten. Zu dieser Zeit waren noch alle Energiewerke in der Ukraine in Ordnung und es gab Strom.“
21 Sattelschlepper mit Hilfsgütern
Vom 24. Februar bis zum heutigen Tag starteten insgesamt 21 Sattelschlepper vom Vereinslager in der Hildesheimer Schützenallee aus. Allein im März waren es fünf. Am 22. März wurden die ersten Lebensmittel-Pakete aus Hildesheim in der Region Charkiw verteilt, während die Menschen in den Kellern saßen, die Stadt unter starkem Beschuss stand und die Besatzung erfolgte.
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Rita Limmroth erstellte Listen für die Lebensmittelpakete, damit so die notwendigsten Produkte zu den Menschen gelangten. Zu Beginn war das Spendenaufkommen enorm. Es gab sogar verschiedene – privat oder vereinsintern organisierte – Annahmestellen im Kreis. Zartbitterschokolade und Graupen, die auf der Liste standen, waren in einigen Supermärkten im Kreis sogar ausverkauft. Viele Menschen spendeten zudem Geld. Im vergangenen Jahr gingen bei dem humanitären Verein eine halbe Million Euro an Barspenden ein. „Deshalb konnten wir so große und konkrete Hilfe leisten. Jeder Euro wurde für die Ukraine in größtmögliche Hilfe verwandelt. Den Menschen in Hildesheim und Umland sind wir ausgesprochen dankbar. Viele Privatpersonen, Firmen, Einrichtungen, Schüler und Schulen, Kirchen, Ärzte und Banken haben geholfen, gesammelt und an uns überwiesen“, sagt Limmroth. Natürlich sei die Spendenbereitschaft zu Beginn des Krieges am größten gewesen. Doch Unterstützung sei auch weiterhin dringend notwendig.
Zahlreiche Unternehmen aus dem medizinischen Bereich unterstützen den Verein seit einem Jahr ununterbrochen mit Geld- und Materialspenden oder aber mit großzügigen Rabatten. Zu Limmroth sagten viele am Telefon: „Jetzt verstehen wir Ihre Arbeit und was Sie tun.“ Und so konnte der Verein Krankenwagen für die Transporte von der Front in die Kliniken mit Geräten einrichten, besonders mit Beatmungsgeräten.
Vorausschauend Hilfe geplant
Da Limmroth die Ukraine seit vielen Jahren kennt, das Klima und die Mentalität der Menschen, konnte sie vorausschauend handeln. Im Frühjahr bat sie um Saatgut und Gartengeräte. Anschließend kümmerte sich der Verein um Wasserfilter. Als die Wasserversorgung zusammenbrach, waren die ersten großen Wasserfilter aus Deutschland deshalb schon in der Ukraine. Der Verein besorgte weitere Wasserfilter im Wert von 100.000 Euro. Bereits vor Wintereinbruch waren auch die ersten Generatoren im Land, 250 Stück kaufte der Hildesheimer Verein. Hinzu kamen Geräte von der Alfelder Tschernobyl Hilfe und der Ukrainehilfe Diekholzen.
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Damit in den Haushalten ohne Strom zumindest etwas Licht ist, bemühte sich Limmroth frühzeitig um Kerzen. Eine Kerzenspende im Wert von 90.000 Euro wurde in die Ukraine transportiert, zudem Kettensägen, damit die Ukrainer Feuerholz zerkleinern können. Da die dortigen Wälder vermint sind, holen viele Menschen Holz aus den Ruinen der zerschossenen Häuser.
Bitte um weitere Unterstützung
Um auch in diesem Jahr Osterpakete verschicken zu können, hofft der Verein auf weitere Unterstützung der Hildesheimer. Die Verantwortlichen bitten konkret um Honig für erkältete Patienten und Patientinnen in den Krankenhäusern. Für die vom Verein eingerichteten Reha-Kliniken werden weiterhin Trimmgeräte benötigt – sowie Schach- und Dame-Spiele für die Genesenden. „Unser Verein lebt von den Geldspenden und unserem ehrenamtlichen Team“, sagt Rita Limmroth. Gundula Pekrul etwa packt und backt zu jedem Annahmetag, jeweils dienstags. Franz Minnich holt mit seinem Anhänger Pampers für Erwachsene und Pflegemittel ab, wenn Patienten das nicht mehr benötigen, er ist bei jeder Paketannahme dabei. Martin Meiburg und Klaus Deutschendorf arbeiten in der Paketannahme und beladen die Sattelschlepper. Und Rita Limmroth selbst ist natürlich im Einsatz – seit Kriegsbeginn trotz Rentenalters mit mehr als einem Fulltime-Job.
Spendenkonto
Spendenkonto der Aktion Tschernobyl-Hilfe: Volksbank Hildesheim-Lehrte-Pattensen e.G. IBAN: DE14 2519 3331 0460 200 500.
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