Nordstemmen/ Pattensen - Es ist, als hätte sich das Schloss für seinen letzten Auftritt noch einmal besonders herausgeputzt: Puderzuckerschnee bedeckt Zinnen und Dächer der Marienburg. Im Museumsshop drängen sich die Besucher – viele sind zum „Großen Baumplündern“ noch einmal ganz bewusst auf das Welfenschloss gekommen.
Es ist der letzte Tag des „Wintermärchen“-Events. Viele wollen beim Ausverkauf von Weihnachtsdeko ein Schnäppchen machen. Und viele wollen sich verabschieden: An diesem Sonntag, 7. Januar, wird die Marienburg geschlossen. Vielleicht für viele Jahre.
„Das ist schon ein trauriger Tag“, sagt Manuela Schwarz, die mit ihrer Familie aus Hannover gekommen ist. Ihre Söhne Hermann und Carl Philip haben Holzschwerter und -schilde im Shop bekommen. Souvenirs zum Abschied.
Die Marienburg ist ein Identitätsort – sowohl für die Region Hildesheim, als auch für Hannover. Bei Sonntagsausflügen sind Generationen von Familien in Filzpantoffeln durch ihre heiligen Hallen geschlappt. Ungezählte amerikanische Austauschschüler haben hier „a real german castle“ bestaunt. Für viele ist die Burg so etwas wie die eigene gute Stube – da ist ihre Schließung eine emotionale Angelegenheit.
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Trauer bei Beschäftigten
Junge Frauen machen letzte Selfies vor dem Bergfried. Manuela Schwarz dreht sich am Burgtor noch einmal um und knipst ein Abschiedsfoto. „Hoffentlich können bald wieder Kinder im Schlosshof spielen“, sagt sie wehmütig.
Wann dieser Tag kommen wird, weiß derzeit niemand. Im Sommer wurden die Innenräume der Burg, die aufwendig saniert werden soll, auf behördliches Betreiben hin gesperrt. Eine baufachliche Stellungnahme hatte Schwamm im Dachstuhl festgestellt. Pächter Nicolaus von Schöning entließ daraufhin mehr als 70 Beschäftigte. Er verweist darauf, dass Restaurant und Shop allein nicht kostendeckend betrieben werden könnten. Am Abend dieses letzten Öffnungstages wird er die Burgtore für unbestimmte Zeit zusperren.
„Wir werden dafür sorgen, dass die Burg weiterhin gesichert und beheizt ist“, sagt von Schöning. „Unser Dank gilt unseren Mitarbeitern, die bis zum letzten Tag dafür gesorgt haben, dass das Wintermärchen zum Erfolg wurde.“
Karin Gödker ist eine der Beschäftigten, die sich jetzt arbeitslos melden mussten. Sie hat beim Dekoverkauf am letzten Tag eigentlich alle Hände voll zu tun, doch oft übermannt sie bei der Arbeit die Wehmut. „Als Kind war ich mit meinem Opa auf der Marienburg, später habe ich in der Kapelle hier geheiratet“, sagt die 57-Jährige.
Kritik an der Schließung
Die Schulenburgerin arbeitet seit 14 Jahren als Schlossführerin. Sie kann berichten, dass wildfremde Leute sie in den vergangenen Tagen umarmt hätten, um ihr alles Gute zu wünschen. „Die Marienburg ist doch Teil meines Lebens“, sagt sie. Dann stockt ihr die Stimme, und sie kämpft mit den Tränen.
Mit einer Onlinepetition hatten sie und andere Beschäftigte versucht, eine komplette Schließung der Burg doch noch zu verhindern. Viele von ihnen halten die Sperrung der Innenräume für überzogen. Sie sind überzeugt, dass die Stiftung Schloss Marienburg, in der Niedersachsens Kulturministerium und die Region Hannover den Ton angeben, mit dem Manöver nur den unliebsamen Pächter Nicolaus von Schöning loswerden wollen, weil dessen populäre Events ihnen nicht ins museale Konzept passen.
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„Wir hatten auf ein solides Baugutachten gehofft, um zu klären, ob wir während der Sanierung nicht doch einzelne Räume für Führungen nutzen dürfen“, sagt Katrin Welida-Ehlert. Über viele Jahre hat sie hier in der Gastronomie gearbeitet, jetzt verkauft die 47-Jährige im Schlosshof noch einmal Suppe. „Das zuständige Kulturministerium hat uns im Stich gelassen“, sagt sie enttäuscht.
Viele hoffen auf Teilöffnung
Viele Entlassene kritisieren, dass die umstrittene Stellungnahme, die letztlich zur Schließung der Innenräume geführt hat, vom Büro Schütt stammt, das auch den Zuschlag für die Projektsteuerung bei der Sanierung bekommen hat. „Warum wird das Dokument denn nicht veröffentlicht?“, fragt Welida-Ehlert aufgebracht. Tatsächlich blieb eine diesbezügliche Anfrage an die Stiftung unbeantwortet.
Dennoch setzen viele Beschäftigte große Hoffnungen auf den neuen Stiftungsvorstand Ulrich von Jeinsen. Sie hoffen darauf, dass der Jurist eine Einigung mit dem Pächter erzielt. Hinter den Kulissen soll es Verhandlungen geben. Vielleicht gelingt von Jeinsen sogar das Kunststück, die Öffnung einzelner Räume zu erwirken. „Wir könnten während der Sanierung doch an den Wochenenden Führungen machen, wenn die Bauarbeiten ruhen“, sagt Karin Gödker. „Und vielleicht können wir wie geplant eine Ausstellung zum Thema Märchen im Kellergewölbe zeigen.“
Dass tatsächlich für Jahre Schluss sein soll, fällt vielen Entlassenen schwer zu akzeptieren. „Es zerreißt einem das Herz“, sagt Katrin Welida-Ehlert. Sie selbst hat mittlerweile eine neue Stelle gefunden. Einen Bürojob. Dennoch ist der letzte Tag für sie ein bitterer Tag. „Einen so schönen Arbeitsplatz wie hier“, sagt sie, „bekomme ich nie wieder.“
von Simon Benne




