Hildesheim - Fachkräfte braucht das Land. Da sind sich alle einig. In der Region Hildesheim ist das nicht anders als anderswo in Deutschland. Ob in Automobilbranche, Sanitärbereich, Metallverarbeitung, Pflegeberufen oder Handwerk – die Herausforderungen sind groß. Eine wesentliche Rolle spielt dabei der Nachwuchs. Die Auszubildenden von heute und morgen müssen sich schon allein mit Blick auf den Klimawandel ganz anderen Themen widmen als die Generationen vor ihnen. Da kommen die Berufsschulen ins Spiel. Doch drei von ihnen stehen in Hildesheim vor einer ungewissen Zukunft. Das wird Folgen haben, sind sich die Schulleiter einig.
Herman-Nohl-, Walter-Gropius und Werner-von-Siemens-Schule haben alle drei die gleichen Probleme: Raumnot, Baumängel in den Gebäuden, teils veralterte Ausstattung. Die Probleme sind bekannt, seit Jahren. Die Schulen sollen deshalb umziehen – doch wann, wohin und wer mit wem, das bleibt weiter unklar. Es werden noch Jahre ins Land gehen, bis Umzugskartons gepackt werden können. Der ungewisse Zustand ärgert die Schulleiter und Schulleiterinnen. Und sie treiben gemeinsame Sorgen um: Was ist eigentlich bis dahin? Können sie die wachsenden Ansprüche an die Ausbildung der kommenden Generationen unter den mangelhaften Bedingungen erfüllen?
Werner-von-Siemens-Schulleiter Tilmann Diepholz-Seeger öffnet eine schwere Metalltür zum Werkstattbereich der Sanitärausbildung. Mehrere Gasthermen hängen dort zu Ausbildungszwecken, gegenüber schlängeln sich durchsichtige Abflussrohre die Wand entlang und simulieren Bad- und Küchentechnik. Soweit, so gut. „Aber wir müssten hier auch an Wärmepumpentechnik mit den Schülern und Schülerinnen arbeiten können“, sagt er bei einem gemeinsamen Rundgang mit Ute Rahlves, seiner Schulleiter-Kollegin von der Walter-Gropius-Schule. Doch die Raumsituation lasse das nicht zu.
Ein paar Gänge weiter zeichnet sich am Standort der Schule in der Rathausstraße ein ähnliches Bild: Im Bereich Fahrzeugtechnik müsste die Elektromobilität auch in der Praxis eine zentrale Rolle spielen. Aber auch das funktioniert nicht. „Dafür bräuchten wir abgetrennte Bereiche“, erklärt Lehrer Björn Sannwald. Der Platz reiche aber nicht. Ohnehin müsste das Kollegium viel Kreativität und Improvisationstalent an den Tag legen, um trotz der widrigen Umstände einen adäquaten Unterricht zu ermöglichen, „und einen interessanten. Es geht schließlich auch um die Motivation der Schüler, Schülerinnen und Kollegen“, ergänzt Sannwald.
Walter-Gropius-Schule wartet auf Antworten vom Landkreis
Ute Rahlves kann dem nur beipflichten. Neben massiven Baumängeln an dem Gebäude, das die Walter-Gropius-Schule an der Steuerwalder Straße mit der Herman-Nohl-Schule teilt, plagen auch sie zunehmend Ausstattungsprobleme. „Wir bräuchten dringend einen neuen Lehr-Friseursalon, auch die Küche müsste erneuert werden“, sagt sie. Seit anderthalb Jahren liege dem Landkreis ein Antrag für den Friseursalon vor, doch eine Antwort gebe es nicht. Was, wenn es keine Investitionen mehr in die Ausstattungen an den alten Standorten gibt?
Mittelfristig könnten die Schülerzahlen sinken, zudem werde es schwierig, Lehrpersonal zu finden, prognostizieren beide Schulleiter. Noch könnten sie die Defizite durch gute Arbeit ausgleichen. Doch auf Dauer werde das nicht ausreichen. Und die Zeitprognose sieht nicht gut aus: Selbst wenn der Kreistag jetzt eine Standort-Entscheidung für einen gemeinsamen Schulbau fällte, würden noch gut und gerne fünf bis acht Jahre ins Land gehen, bis ein Neubau bezugsfertig wäre.
Diepholz-Seeger, der die Schule demnächst verlässt, macht klar, dass sich bei ihm die Probleme nur auf den Standort Rathausstraße beschränken. Die Außenstelle von-Thünen-Straße sei hingegen hochmodern, da mache der Schulträger nach wie vor vieles möglich. Deshalb favorisiert er auch eine Lösungsstrategie: einen Anbau an das Gebäude dort zu errichten, damit auch der Rest der Werner-von-Siemens-Schule dorthin umsiedeln kann. „Geld für eine große Lösung ist ja offenbar ohnehin nicht da“, sagt er.
Große oder kleine Lösung: Wer welche favorisiert
Die große Lösung wäre ein gemeinsamer Standort für beide Schulen – Rahlves Favorit. Weil sich die Schulen gut ergänzen, Synergieeffekte genutzt werden könnten und es für ihre Schule auch keine kleine Lösung gebe. „Wie soll das gehen? In unserem Gebäude stünden so immense Sanierungen an, die ließen sich im Schulbetrieb gar nicht umsetzen“, sagt sie. Aber vielleicht habe ja der Landkreis dazu eine Idee und äußere die demnächst mal, sagt sie und zielt auf eine schwierige Kommunikation ab.
„Die läuft so semi-optimal“, bestätigt auch Diepholz-Seeger. Man würde zwar viel über, aber nur selten bis gar nicht mit den betroffenen Berufsschulen sprechen. Ein Beispiel seien die acht alternativen Standorte, die der Landkreis auf Vorschlag der Stadt für eine gemeinsame Lösung der beiden Schulen geprüft und auch schon wieder verworfen habe. Die wurden der Politik bei einer nichtöffentlichen Veranstaltung vorgestellt, aber die Schulen seien nicht informiert worden. Zudem wünschen sich Diepholz-Seeger und Rahlves mehr Unterstützung von der Politik. Ihre Befürchtung: Die Bedeutung der Berufsschulen sei längst nicht allen klar.

