Kreis Hildesheim - Landrat Olaf Levonen hat sich nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen ihn rund um seine Doktorarbeit krankschreiben lassen. Als eine Vertreterin hat die Erste Kreisrätin Evelin Wißmann am Montag bis auf weiteres die Leitung der Kreisverwaltung übernommen. Absolute Priorität habe für sie, die Verantwortung für den Kampf gegen das Coronavirus auf Kreisebene zu übernehmen, betonte sie am Montag. Dabei äußerte sie sich zu den Themen Impfungen und Schnelltests sehr dezidiert.
Wie lange Levonen krankgeschrieben sein wird, ist derzeit völlig unklar. Wißmann übernimmt von Levonen für die Dauer seiner Abwesenheit auch die Leitung des Corona-Krisenstabes, den die Kreisverwaltung vor gut einem Jahr eingerichtet hatte. In diesem Gremium sieht Wißmann auch die zentrale Stelle der Pandemie-Bekämpfung beim Kreis.
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Rätsel um „Task Force Corona“
Der Start ist auf jeden Fall nicht frei von Herausforderungen, denn beim Thema Corona gab es in der Kreisverwaltung zuletzt offenbar mehrere Gravitationszentren. Zum einen den Krisenstab zum anderen die sogenannte Task Force Corona. Die hatte der Landrat im Oktober eingerichtet und seiner Frau Sabine Levonen, die zudem in der Pressestelle arbeitet, die Leitung übertragen. Hauptzweck des Unter-Gremiums laut Sabine Levonen: Verwaltungsintern schnell und unbürokratisch zusätzliches Personal für das Gesundheitsamt zu organisieren. Diese Task Force hat der Landrat in der vergangenen Woche aufgelöst – warum und warum ausgerechnet jetzt in der dritten Welle, konnte am Montag niemand im Kreishaus erklären. „Ich weiß es nicht“, sagte selbst Wißmann, zeigte sich allerdings entspannt: Die entsprechenden Entscheidungen könne sie auch selbst treffen.
Transparenz betont
Loslegen will sie damit am Dienstag im Krisenstab. Dessen wöchentliche Sitzung war nach der Krankmeldung des Landrates zunächst abgesetzt worden, Wißmann hat ihn wieder einberufen. „Ich muss mir so schnell wie möglich einen klaren Überblick verschaffen“, erklärte sie gestern. „Wir haben jetzt zwei ganz wichtige und dringende Themen: Impfungen und Schnelltests.“
Bei den Impfungen sei es wichtig, angesichts noch immer knappen Impfstoffs zwischen verschiedenen Gruppen, die von der offiziellen Priorität her den gleichen Anspruch haben wie Erzieherinnen oder viele Krankenhaus-Mitarbeiter, noch einmal Rangfolgen festzulegen: „Und diese müssen wir als Landkreis dann transparent machen und unsere Entscheidungen auch erklären.“
Kommunen helfen
Beim Thema Schnelltests hätten sich die Gemeinden bislang weitgehend selbst organisiert, bei Kita-Kräften und Grundschullehrern mit unterschiedlichen Start-Zeitpunkten und Test-Häufigkeiten. „Da müssen wir versuchen, kreisweit einheitlich zu agieren, der Landkreis muss den Kommunen im Zweifel helfen.“ Ebenso sei es wichtig, dass alle Bürger gleichermaßen Zugang zu Schnelltest-Angeboten in ihrer Kommune hätten – was derzeit nicht der Fall ist. Auch hier sei der Landkreis als Organisator gefragt. „Dass es in einer Kommune gar kein Testangebot gibt, geht nicht“, betont Wißmann.
Vieles davon war von der Kreisverwaltung bisher nicht zu hören, jedenfalls nicht offiziell. Wißmann will ihre Ankündigungen gleichwohl nicht als Kritik an der bisherigen Arbeit verstanden wissen. Diese Kritik kommt dafür von anderer Stelle – und zwar massiv – mit der Hildesheimer Bezirksvorsitzenden der kassenärztlichen Vereinigung, Dr. Petra Lattmann.
„Unglaubliche Frechheit“
Sie hoffe, dass der Landkreis in Sachen Corona-Bekämpfung auch in der Führung auf höchster Ebene besser wird. Lattmann findet zu der Doktortitel-Affäre des SPD-Landrats, der auch Parteigenosse von ihr ist, deutliche und kritische Worte. Die in Nordstemmen niedergelassene Allgemeinmedizinerin hat zu Beginn der Corona-Pandemie Anfang 2020 eng mit dem Gesundheitsamtsamt kooperiert und maßgeblich den Aufbau des Corona-Testzentrums organisiert. Schon damals habe sie vermisst, dass Levonen eine tatsächliche Krisenmanager-Rolle einnehme. „Er ist überhaupt nicht in Erscheinung getreten.“
Rückblickend könne sie sich erklären, woran das gelegen haben könnte. „Offensichtlich hat er in dieser Zeit ja an seiner Doktorarbeit gesessen. Ich finde, das Verhalten ist eine unglaubliche Frechheit gegenüber der Bevölkerung und allen, die sich in dieser schwierigen Zeit bemüht haben und bemühen, die Krise zu bewältigen.“
Von Tarek Abu Ajamieh und Jan Fuhrhop
