Kreis Hildesheim - Der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Kreistag, Klaus Bruer, sieht keinen Anlass für einen Rücktritt von Landrat Olaf Levonen. Das erklärte Bruer am Montagmittag auf HAZ-Anfrage. „Er ist bis Ende Oktober Landrat, und dieses Amt sollte er ausfüllen“, so der Chef der größten Kreistagsfraktion und Parteifreund des Landrates: „Wenn er mich fragen würde, würde ich ihm auf jeden Fall dazu raten.“
Zur Erklärung seiner Position zieht Bruer einen Vergleich zum Fall des früheren Bundesverteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Der CSU-Politiker habe bewusst getäuscht. „Olaf Levonen ist hingegen getäuscht worden. Er ist auf einen Hochstapler hereingefallen. Das bringt natürlich einen Ansehensverlust mit sich, ist aber kein Verbrechen.“ Natürlich sei die Autorität des Landrates derzeit massiv beschädigt. „Die muss er sich durch Arbeit und und Demut jetzt neu verdienen.“ Levonen sei „selbst sehr getroffen, aber das heißt nicht, dass er bis zum Ende seiner Amtszeit im Schneckenhaus verharren sollte. Nach Klärung aller Vorwürfe sollte er sein Amt wieder antreten.“ Bruer erinnerte auch daran, dass Levonen in seiner Amtszeit bereits zwei schwere Erkrankungen überstanden habe: „Da wären die meisten gar nicht mehr auf ihren Posten zurückgekehrt.“
Unterdessen haben die Grünen gefordert, die Vorwürfe gegen Levonen durch eine externe Untersuchung aufzuklären. Einen entsprechenden Antrag haben sie für die heutige Sitzung des Kreisausschusses (nicht öffentlich) sowie für den Kreistag am Donnerstag, 26.März (öffentlich) gestellt.
Bruer über Grüne: „Erbärmlich“
Dabei geht es ihnen vor allem um die Frage, ob der Landrat seine Position für die Erstellung der Doktorarbeit genutzt hat, ob Mitarbeiter der Kreisverwaltung bei der Arbeit geholfen haben und ob ein Zusammenhang zwischen der Doktorarbeit und einer Auftragsvergabe an die Firma OptiSo besteht.
Auf die Unterstützung der Kreistagsmehrheit können die Grünen dabei nicht hoffen. Als „erbärmlich“, bezeichnet SPD-Fraktionschef Bruer den Grünen-Antrag: „Wenn einer schon am Boden liegt, tritt man nicht noch drauf.“ Die Aufklärung der besagten Vorwürfe sei Sache des Innenministeriums in Hannover.
Fell begründet Forderung
Unmittelbaren Handlungsbedarf für die Kreispolitik sieht Bruer nicht. „Die Erste Kreisrätin hat die Leitung der Verwaltung übernommen. Und das ganze ist auch keine Krise es Landkreises, sondern eine der Person Olaf Levonen.“
Die FDP sieht das völlig anders: „Leider gibt es zu den Beschuldigungen gegen ihn bisher keine entlastenden Erklärungen“, erklärte Fraktionschef Bernd Fell am Montag. Zudem müsse der Landkreis gerade in der aktuellen Pandemie handlungsfähig sein. Auch im Zusammenhang mit Levonens erneuter Erkrankung hält Fell „tatsächlich persönliche Konsequenzen, also den Rücktritt, für zwingend erforderlich“.
Moegerle fordert Tempo
So weit will Algermissens Bürgermeister Wolfgang Moegerle (CDU) als Sprecher der Städte und Gemeinden im Landkreis derzeit nicht gehen: „Wir erwarten so schnell wie möglich Klarheit vom Landrat“, sagt er aber. Von den Vorwürfen habe er. „mit Entsetzen“ gelesen. Die Angelegenheit dürfe keinesfalls eine „Hängepartie“ werden. „Wir haben wichtige Themen vor der Brust“, sagt Moegerle und erinnert vor allem an die Corona-Pandemie.
Der Landkreis habe für die Kommunen bei vielen Themen eine wichtige Klammerfunktion. Und gerade in dieser Zeit brauche es eine klare Linie. „Schon deshalb ist es so wichtig, dass Levonens Verhalten jetzt schnell aufgeklärt wird“, so Moegerle. Einen persönlichen Kontakt zum Landrat habe es noch nicht gegeben. Am Dienstag würden die Bürgermeister in ihrer üblichen Runde über die Angelegenheit reden und gegebenenfalls entscheiden, ob und wie sie sich einbringen.
Rätsel um Fitnesstraining
Levonen, der zusammen mit seiner Frau in der Gemeinde Algermissen wohnt, soll nebenberuflich auch als Fitnesstrainer gearbeitet haben, zumindest mit seinem Doktortitel als solcher um Kunden geworben haben. Ob Levonen im Gemeindegebiet tatsächlich als Fitnesscoach aufgetreten ist, weiß Algermissens Bürgermeister nicht. „Davon habe ich vorher noch nie etwas gehört“, sagt Moegerle. Doch allein der Verdacht, der Landrat könnte nebenberuflich noch andere Tätigkeiten ausgeübt haben, richte viel Schaden an. Das schade letztlich dem Ruf jedes Amtsinhabers, einschließlich der Bürgermeister.
Forderungen an Levonen, sich zu den Vorwürfen zu äußern, kommen mittlerweile auch aus dem SPD-Landesverband. Generalsekretärin Hanna Naber sagte der HAZ, die SPD erwarte rasch „vollständige Aufklärung“ von Levonen. „Es sind sehr ernstzunehmende Vorwürfe.“
Von Tarek Abu Ajamieh und Ulrike Kohrs
