Hildesheim - Das mehrfache Hin und Her um das am Montag beginnende Szenario A an den Schulen im Landkreis Hildesheim hat bei den Betroffenen erhebliche Verärgerung und Unverständnis hinterlassen. Mit deutlichen Worten kritisierten am Freitag die meisten Schulen und Eltern das Prozedere vom Vortag. „Schlimmer kann man es nicht machen“, erklärte etwa René Mounajed, Leiter der Robert-Bosch-Gesamtschule (RBG) und Mitglied im Schulleitungsverband Niedersachsen.
Begriffe wie „Chaos“, „Frustration“ und „Amtsschimmel“ prasselten von nahezu jeder Schule auf die Verantwortlichen beim Landkreis und beim Kultusministerium ein. „Der gestrige Tag stellt wirklich ein Desaster dar“, sagt Kirstin Seidel, Vorsitzende des Stadtelternrats Hildesheim. Dass es nach über einem Jahr Krisenmanagement noch immer zu solch eklatanten Schwierigkeiten bei den Entscheidungsträgern komme, sei nicht nachvollziehbar. „Gerade Kinder dürfen nicht in so ein Hin und Her geraten“, sagt sie.
Landkreis macht nach Intervention eine Kehrtwende
Auslöser für den Ärger ist eine Unstimmigkeit zwischen dem Landkreis und dem Kultusministerium zum beginnenden Szenario A. Kultusminister Grant Hendrik Tonne hatte schon am vergangenen Freitag angekündigt, dass der Präsenzunterricht für komplette Klassen überall am Montag beginnen soll, wenn der Inzidenzwert an fünf aufeinander folgenden Tagen unter 50 liegt. Im Kreis Hildesheim ist dies der Fall.
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Der Landkreis sah die rechtlichen Voraussetzungen gestern allerdings noch nicht als erfüllt an und kündigte zunächst an, das Szenario erst eine Woche später wechseln zu lassen. Erst nach Intervention des Landes machte er eine Kehrtwende.
Erst weinende Kinder, später jubelnde Eltern
Die Auswirkungen auf die Schulen und im zweiten Schritt auf die Eltern und Schülerinnen und Schüler waren massiv. Viele Schulen hatten die wechselnden Entscheidungen und Sachstände fast in Echtzeit auf ihren Homepages veröffentlicht, die Eltern reagierten irgendwann gereizt. „Wir sind wirklich deprimiert, enttäuscht und frustriert“, schrieb etwa Jennifer Masur, Mutter eines Viertklässlers, am Donnerstag als Reaktion auf die mehrfachen Wechsel an die Grundschule Moritzberg. Die dortige stellvertretende Schulleiterin Marina Loß berichtet von weinenden Kindern nach der anfänglichen Absage des Landkreises und jubelnden Eltern als die finale Entscheidung gegen 20 Uhr feststand.
Ein grotesker Fehler des Landkreises Hildesheim – ein Kommentar von HAZ-Redakteur Tarek Abu Ajamieh
Von einer Art „Achterbahnfahrt“ berichten in diesem Zusammenhang alle von der HAZ befragten Grundschulen. Claudia Maria Wendt, Leiterin der Grundschule Itzum, spricht von einer „mehr als unglücklichen“ Situation und „chaotischen Zuständen“. Bernd Wittenberg, Rektor der Ganztagsgrundschule Nord, wird noch deutlicher: „Das ganze Hin und Her ist doch nur noch peinlich.“ Er sieht hier vor allem den Landkreis in der Verantwortung. Aber gleichzeitig weiß er, dass die Reaktionen der Eltern nicht am Tor des Kreishaus enden, sondern auch in die Schulen selbst schwappen. „Die halten uns doch alle für durchgeknallt“, glaubt Wittenberg. Der Schulleiter weiß schon jetzt, dass er das Szenario A für seine Schule nicht bis Montag organisieren kann. „Wir werden deshalb erst am Mittwoch wieder beginnen“, sagt er. Das Kultusministerium räumt den Schulen die Möglichkeit ein, die vollständige Schulöffnung aus schulorganisatorischen Gründen bis zum Ende kommender Woche auszusetzen. Offenbar wollen weitere Grundschulen diesem Beispiel folgen.
Sollten Schulen die Entscheidung selbst treffen?
Mounajed, der mit der RBG eine der größten Schulen im Landkreis Hildesheim leitet, ist sehr erbost und bringt kaum noch Verständnis für das Verhalten der handelnden Behörden auf. „So etwas darf nicht passieren, und wenn der Landkreis an dieser Stelle überlastet ist, dann sollte er diese Aufgabe abgeben.“ Er frage sich auch generell, ob eigenverantwortliche Schulen diese Entscheidungen nicht allein treffen könnten.
Dirk Wilkening, Direktor des Gymnasiums Andreanum, machte am Donnerstag aus der Not eine Tugend: Als er den Eltern am Donnerstag gegen 21 Uhr final vom beginnenden Szenario A berichtete, hängte er gleich noch die Information an, dass das Arbeits- und Sozialverhalten in den Jahrgängen 5 bis 10 wegen des reduzierten Präsenzunterrichts nicht bewertet werde. Eine entsprechende Anordnung hatte das Kultusministerium am selben Tag verschickt.
