Hildesheim - Wer kein Zuhause hat, für den beginnt jetzt eine harte Zeit: Der Herbst kommt, dann der Winter – die Zeit langer, kalter Nächte. In Hildesheim sind es derzeit etwa 50 Menschen, die als obdachlos gelten, zehnmal so viele sind wohnungslos. Der Unterschied: Obdachlosen fehlt wortwörtlich das Dach über dem Kopf, sie leben auf der Straße oder in einer Notunterkunft. Wohnungslose hingegen lavieren sich oft so durch, sind selbst ohne Bleibe, haben aber Kumpels, Freunde, Familie, bei denen sie mal hier, mal da für ein paar Tage Unterschlupf finden. Ihre genaue Zahl ist folglich schwer zu benennen – 500, das ist laut der Ambulanten Wohnungshilfe eher eine Schätzung.
Statistiken sind auch deshalb rar, weil sich Obdachlose oft aus einer Welt zurückziehen, von der sie sich vergessen fühlen. So wie Gabi, deren Name von der Redaktion geändert wurde, 58 Jahre alt, seit einem Jahr auf der Straße. Morgens kommt sie zum Kaffeetrinken in den Tagestreff Lobby in der Hannoverschen Straße, ab dem Mittag, wenn die Einrichtung schließt, sitzt sie an Bushaltestellen. Meistens ist sie mit ihrem Freund unterwegs, ihrem Verlobten, wie sie ihn nennt. Am Abend gehen sie in ihr Versteck, das Gabi nicht preisgeben will. „Wo das ist, sage ich nicht, wir sind zu oft beklaut worden draußen, mein Verlobter wurde bedroht, so ein Leben kann gefährlich sein.“
Platte machen heißt: eine Matte ausrollen, irgendwo
Leute wie wir, sagt sie, sind irgendwo im Dunkeln. Vielleicht in einem Parkhaus, einem Keller, vielleicht unter der sprichwörtlichen Brücke. Platte machen, so heißt dieses Leben im Jargon der Obdachlosen selbst. Der Begriff meint wörtlich: Auf dem Boden eine Matte ausrollen, als Nachtlager. Und auf diesem Nachtlager, sagt Gabi, wird es schnell bitterkalt. „Ich friere jetzt schon“, sagt sie, „und vor dem Winter habe ich richtig Angst.“ Es wird ihr zweiter auf der Straße sein.
Und der Winter könnte laut Meteorologen in dieser Saison tatsächlich länger und heftiger werden als im Durchschnitt der letzten Jahre. Bereits der November könnte demzufolge winterlich werden. Dann liegt das Prognose-Temperaturmittel nahe dem Gefrierpunkt. Mit einstelligen Tageshöchstwerten und Frost in der Nacht. Dazu Niederschläge, die teils als Schnee fallen könnten.
Es gibt durchaus Alternativen zur Straße
Dabei gibt es in Hildesheim zum Leben auf der Straße eigentlich Alternativen: So muss die Kommune eine Notunterkunft zur Verfügung halten, was sie mit einer Einrichtung im Langen Garten auch tut. Hier bekommen Menschen zumindest ein Bett für die Nacht, für eine einzige oder viele. Auch Gabi war mal dort, sagt sie, aber das soll das letzte Mal gewesen sein. „Weil man mich in dem Bereich für Frauen unterbrachte, meinen Verlobten aber woanders.“ Dass sie getrennt sein sollten, war für die Frau schlicht nicht erträglich. Er ist doch ihr Halt in diesem Leben, sagt sie, ihr wichtigster, ihr letzter.
Michael, der mit Gabi beim Kaffeetrinken sitzt, bleibt auch lieber auf der Straße. Stress habe es in solchen Unterkünften oft gegeben, sagt er, mit Mitbewohnern auf engem Raum, von denen jeder den anderen um sein bisschen Hab und Gut bringen wollte. Michael lacht. Er weiß längst, wie es geht, das Überleben auf der Straße. Er ist ein Fuchs. „Sechzehn Jahre Platte, da kennste alle Tricks.“
Seine Siebensachen stehen hinten im Hof der Lobby
Vor dem Winter, sagt er, hat er keine Angst. „Ich hab einen Schlafsack, der hält bis zu 27 Grad minus warm“, sagt Michael. „Vernünftige Iso-Matte, was willste mehr.“ Seinen Schlafplatz richtet er sich abends im Eingang zur Lobby ein. „Da bin ich morgens gleich da, wenn die aufmachen“, sagt er, als wäre das tatsächlich ein echter Vorteil. Tagsüber lässt er seine Siebensachen auf dem Hof der Einrichtung. Da sind sie zumindest sicher.
Die Lobby gehört als Institution zur Herberge zur Heimat, die Daniela Knoop leitet. „Die beginnende Wintersaison ist für uns immer eine Herausforderung“, sagt sie. Der sich Herberge, Lobby, Ambulante Wohnungshilfe, Vinzenzpforte und andere Hilfsinitiativen mit der Stadt Hildesheim gemeinsam stellen müssten. „Und das machen wir“, sagt sie – aber klar sei auch: Je härter der Winter, desto größer die Aufgabe. „Am schwierigsten sind immer Menschen zu erreichen, die mit Suchtproblemen zu kämpfen haben, oder die Angebote für sich einfach ablehnen.“
Es gibt Frühstück, eine Dusche, Internet
In der Lobby gibt es für Gabi, Michael und die anderen ein Frühstück, Kaffee, eine Dusche. Sie können am Computer ihre Mails lesen und beantworten, und wenn es Gesprächsbedarf gibt, sind Sozialarbeiter Tim Siegler und die anderen aus dem Lobby-Team jederzeit ansprechbar. Um 13.30 Uhr aber macht die Lobby zu. Manche ziehen dann weiter, in die Vinzenzpforte in der Neue Straße zum Beispiel, die ist bis in den Nachmittag geöffnet.
Auch hier finden die Menschen, die Gäste des Hauses, wie Leiterin Marie Hilgenfeld sie nennt, viele Angebote, die die Grundversorgung mit einem warmen Essen ergänzen. Hier kommen quasi Einrichtungen zu ihnen, in die viele von ihnen längst nicht mehr von sich aus gehen. Das Jobcenter zum Beispiel: An jedem vorletzten Mittwoch im Monat ist Berater Florian Wiese oder ein anderer Sachbearbeiter seines Teams in der Vinzenzpforte zu Gast. „Da geht es um Fragen des Leistungsbezugs“, sagt Wiese. Was bürokratisch klingt, hat einen praktischen Hintergrund: Wiese und sein Team helfen den Leuten, Dinge wie Wohngeld und andere Unterstützungen zu bekommen und damit ihr Leben leichter zu machen. Denn für viele ist es schwer, eigenständig Anträge und Formulare auszufüllen, viele wissen gar nicht, welche Leistungen sie beantragen können.
Das MediMobil kommt immer freitags
Oder das MediMobil, das alle zwei Wochen zur Vinzenzpforte kommt, immer freitags. Es ist ein Hilfsangebot der Malteser in Kooperation mit dem St. Bernward Krankenhaus, der Pfarrgemeinde Guter Hirt, den Vinzentinerinnen und ehrenamtlich mitarbeitenden Ärzten. Es bietet seit 2010 mittellosen und obdachlosen Menschen medizinische Hilfe an, die nicht krankenversichert sind oder keine Arztpraxis aufsuchen wollen, weil ihnen das – als Obdachlosen oder Süchtigen etwa – unangenehm ist.
Unangenehm, das ist auch für Claude Englebert ein wichtiges Stichwort. Er ist in der Vinzenzpforte als Sozialarbeiter beschäftigt und begleitet unter anderem die „Street Smart“-Stadtführungen. Die Idee: Wohnungs- oder Obdachlose oder Menschen, die es einst waren, führen Hildesheimer durch die eigene Stadt und zeigen sie ihnen aus ihrer Sicht: Die besten Schlafplätze. Gute Verstecke für tagsüber. Wo es Essen gibt und wo Spritzenautomaten, falls es einfach nicht geht ohne einen Schuss.
Es ist ein Leben ohne Beschwerdemacht
„Menschen, die auf der Straße leben“, sagt er, „dürfen nichts. Die müssen sich immer unauffällig verhalten, leise, untergeordnet.“ Warum? „Weil man sie sonst schlicht nicht duldet. Man jagt sie weg, verweist sie ihrer Plätze, man will sie einfach nicht haben.“ Es ist ein Leben ohne Beschwerdemacht, das Leben auf der Straße. Hinzu kommt oft die Scham.
Auch deshalb rät Daniela Knoop allen Hildesheimern, die einem Menschen auf der Straße helfen wollen, sich aber unsicher sind, was sie tun können oder sollten: „Denjenigen ansprechen, das ist immer das Beste. Und einfach fragen, was er braucht.“ Zwar sei es nett, einem anderen auf dem Weg vom Bäcker einfach einen heißen Kaffee und ein Brötchen mitzubringen, „aber vielleicht mag dieser Mensch gar keinen Kaffee, man weiß es ja nie.“ Außerdem sei manchmal eine Plauderei noch viel mehr wert als eine Streuselschnecke.
Einrichtungen wie die Lobby sammeln zudem ab sofort für den Winter: Iso-Matten, Schlafsäcke, Winterschuhe, Handschuhe, Decken, Jacken, Schals, Mützen. „Alles so warm und dick wie möglich“, sagt Tim Siegler. Und dass er hofft, die Meteorologen mögen sich irren – und er möge nicht so hart werden, der kommende Winter.
