Hildesheim - Der Hildesheimer Einzelhandel ist angesichts der Einführung der Corona-Notbremse im Landkreis am Freitag in einer zwiespältigen Situation. Einerseits dürfen die Geschäfte überhaupt noch öffnen – als noch die Landesregeln galten, wäre bei einer Inzidenz von 100 bereits Schluss gewesen. Nun liegt der Grenzwert für den Handel bei 150.
Doch zwischen 100 und 150 kommt zur Registrierungs-Pflicht für Kunden noch die Auflage hinzu, dass diese einen maximal 24 Stunden alten negativen Schnelltest vorweisen müssen. Es sei denn, sie sind seit mindestens zwei Wochen doppelt geimpft, was nur für gut sechs Prozent der Bevölkerung gilt.
Schließung statt Schnelltest?
Wie gehen die Einzelhändler mit der neuen Situation um? Modehändler Maik Adamski ist gespannt auf eine Art Testlauf. Er unterhält insgesamt 17 Ladengeschäfte in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen – doch Adamski und Vero Moda in Hildesheim sind aufgrund der regionalen Inzidenzwerte derzeit als einzige von ihnen geöffnet.
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„Die Frage wird sein: Lohnt sich die Öffnung noch, oder sollten wir knallhart zumachen und erst wieder öffnen, wenn die Testpflicht wegfällt?“, sagt Inhaber Maik Adamski. Schon das bisherige „Click&Meet“-Modell mit Voranmeldung oder Registrierung sei „okay, aber ohne staatliche Hilfen wie Kurzarbeit und Überbrückungshilfen nicht rentabel“. Zuletzt seien Frequenz und Umsätze ohnehin wieder gesunken: „Die Verunsicherung bei den Kunden ist einfach enorm groß, kaum einer versteht noch, was wo erlaubt ist.“ Das Modehaus Kressmann ist mit Click&Meet hingegen bisher zufrieden: Es werde von den Kunden gut angenommen, berichtet Mitarbeiter Heiko Heiß.
Weniger Öffnungstage
Modehändler Tobias Eierund hat indes eine ganz andere Idee: „Eine Bündelung auf Verkaufstage wie Freitag und Samstag könnte ein wirtschaftlich sinnvoller Weg sein, den wir gegebenenfalls auch mit Terminvergabe für diese beiden Wochentage forcieren werden.“ Entschieden sei das aber noch nicht. Bezüglich der Testpflicht habe er von Kollegen gehört, dass dieses Modell von Kunden „nicht wirklich gut angenommen“ wird.
Jens Koch (Koffer-Koch) hat an anderen Standorten bereits Erfahrungen mit der Testpflicht gemacht – keine Guten: „Es ist ja klar, dass das nur Kunden auf sich nehmen, die wirklich dringend etwas benötigen.“ Ohnehin moniert er – ähnlich wie kürzlich Groß-Gastronom Delf Neumann im HAZ-Interview – die reine Ausrichtung der Maßnahmen an den Inzidenzwerten: „Es gibt intelligente Konzepte, in denen Inzidenz, R-Wert, Intensivkapazitäten und Impffortschritt zu einem Quotienten zusammengefügt werden. So etwas finde ich viel nachvollziehbarer.“
Keine Selbsttests anbieten
Möbelhändler Frank Krause von der Krause Home Company in Himmelsthür ist indes mit der bisherigen Click&Meet-Bilanz nicht unzufrieden: „Der Kauf von Einrichtungsgegenständen ist ja nicht unbedingt ein Spontankauf, da hat sich im Laufe der Pandemie einiger Nachholbedarf aufgestaut“, berichtet er. Viele Kunden seien aber gleichwohl nicht bereit, für einen Möbelkauf eigens einen Termin oder gar einen Test zu machen.
In einem sind sich die meisten befragten Händler allerdings einig: Hildesheim hat eine sehr gute Schnelltest-Struktur. Die Ausgabe von Selbsttests an der Ladentür, die die Kunden dann unter Aufsicht direkt machen können – wie es die Landesverordnung erlaubt – sind deshalb für die meisten zunächst kein Thema. „Wir möchten es niemandem zumuten, sich vor unseren Augen in der Nase zu bohren“, sagt etwa Jens Koch. Tobias Eierund betont: „Wir sind doch keine Arzthelfer!“ Und Maik Adamski will „vor allem meine eigenen Mitarbeiter davor schützen, dass sie da mit einem Kunden vor der Tür stehen, und dann ist der Test plötzlich positiv“. Frank Krause will Selbsttests an der Ladentür „zunächst“ nicht anbieten, schließt es aber auch nicht aus, „wenn der neue Zustand länger andauert“.
Doch Selbsttests anbieten?
Auch Karsten Krüger, Betreiber mehrerer Hagebaumärkte in Stadt und Landkreis, will keine Selbsttests anbieten. Seine bisherige Click&Meet-Bilanz fällt zurückhaltend aus: „Wir haben einerseits höheren personellen Aufwand, während andererseits Umsatz und Kundenzahlen niedriger sind als vor Corona.“ Krüger verweist indes darauf, dass die Gartencenter weiter ohne Schnelltest zugänglich sind, Gewerbekunden brauchen auch im Baumarkt selbst keinen solchen Nachweis.
Ute Halex von Lilis Shop steht dem Thema Selbsttests hingegen deutlich positiver gegenüber: „Wir werden sicherlich welche bereit halten, daran soll es natürlich nicht scheitern.“ Ihr Eindruck: „Die Kunden haben sich nun schon an den Gedanken gewöhnt, sich testen zu lassen.“ Sie sei jedenfalls froh, weiter öffnen zu dürfen, und habe auch mit Click&Meet gute Erfahrungen gemacht. Ihr Fazit: „Es ist in der jetzigen Zeit einfach wichtig, sich täglich an die neuen Gegebenheiten anzupassen, und das tun wir.“
Viele Schnelltest-Angebote
MediaMarkt und Saturn verweisen für Hildesheim auf ihre Zusammenarbeit mit örtlichen Testzentren. Es gebe aber Überlegungen, auch direkt an eigenen Märkten Schnelltests anzubieten.
Schnelltest-Möglichkeiten gebe es etwa durch die Angebote von Hil-Care auf der Lilie und andernorts reichlich. Ebenso verweist Arneken-Galerie-Manager Holger Höfner auf das Angebot von Corona Freepass in dem Einkaufszentrum. Zudem bieten zahlreiche Apotheken und Arztpraxen Schnelltests an. Bei Hil-Care bekommen die Kunden einen QR-Code, den allerdings nur Händler auslesen können, die das System „Checkpoint“ der Hildesheimer Firma Youco nutzen.
Per Zettel oder Mail
Allerdings erhalten Getestete auch eine E-Mail mit Zeitpunkt und Ergebnis ihres Schnelltests, die sie im Geschäft vorzeigen können. Die Apotheken stellen Papier-Zertifikate über die Tests aus, in beiden Fällen müssen die Ladeninhaber einen größeren Aufwand bei der Dokumentation in Kauf nehmen. Hil-Care-Mitgesellschafter Sebastian Adamski wünscht sich, dass sich Hildesheims Händler möglichst auf ein System einigen, das dann alle nutzen. Ein Vorschlag dazu: Die Stadt habe ja bei der Planung der Modellkommune allen Händlern für einen Monat die Checkpoint-Gebühren bezahlen wollen – das könne sie doch nun auch angesichts der Notbremse tun. Im Rathaus ist das allerdings kein Thema. Von der Testpflicht befreite doppelt geimpfte weisen sich unterdessen mit ihrem Impfausweis aus.
Ein Test pro Person und Woche ist kostenlos, wobei in der Praxis mangels Kontrolle auch mehrere freie Tests möglich sind. Sebastian Adamski ärgert sich in dem Zusammenhang nur über eins: „Derzeit schicken Firmen offenbar ihre Mitarbeiter zu uns, um sich im Rahmen der Bürgertestung kostenlos checken zu lassen und so ihrer Testpflicht als Arbeitgeber genüge zu tun.“ Das sehe er „sehr kritisch, da müssen klare Regeln her“.
