HAZ-Interview

Viel Kritik an Hildesheims Verkehrspolitik: Was sagt Baudezernentin Andrea Döring?

Hildesheim - Die Veränderungen am PvH haben der Stadt Hildesheim viel Kritik eingebracht. Die HAZ hat darüber mit Baudezernentin Andrea Döring gesprochen – und sie auch gefragt, wie die teilweise sehr heftigen Attacken bei ihr und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ankommen.

Andrea Döring ist seit 2017 Baudezernentin bei der Stadt Hildesheim. Foto: Werner Kaiser

Hildesheim - Die Veränderungen am PvH haben der Stadt Hildesheim viel Kritik eingebracht. Die HAZ hat darüber mit Baudezernentin Andrea Döring gesprochen – und sie auch gefragt, wie die teilweise sehr heftigen Attacken bei ihr und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ankommen.

Hallo Frau Döring, sind Sie mal über den PvH gefahren in den letzten Tagen?

Ja, jeden Tag.

Mit welchem Verkehrsmittel?

Mit dem Rad.

Und wie lief es so?

Als noch markiert wurde, bin ich nur ganz schwer an den Markierungsfahrzeugen vorbeigekommen, aber Autofahrer haben mich einscheren lassen, das fand ich gut. Die Autos allerdings standen oft im Stau, das lief natürlich nicht so gut.



Wieso natürlich?

Weil der Verkehr eben nicht normal fließen kann, wenn auf der Straße gearbeitet wird, da muss man Verständnis haben.

Andere hatten da weniger Verständnis als Sie. Die Umgestaltung hat zu einer Welle der Empörung geführt, vor allem Autofahrer waren sauer – hat Sie das überrascht?

Nein, das ist im Augenblick gang und gäbe. So bald irgendwo gebaut wird, und sei es nur für einen Tag, auf einem Gehweg, oder für vier Wochen wie jetzt auf dem PvH, dann gibt es sehr viele Beschwerden und Unterstellungen, dahinter steckten Planungsfehler.

Hätte die Stadt nicht durch eine Info-Kampagne vorbeugen müssen, damit sich die Menschen nicht überrumpelt und überfordert fühlen?

Ich würde mir wünschen, wir könnten mehr Öffentlichkeitsarbeit machen. Das kann aber nicht die zuständige Bauingenieurin oder der zuständige Bauingenieur leisten, dafür brauchen wir andere Menschen, die dafür geschult sind. Ich bin daher sehr glücklich, dass die Stadt im nächsten Jahr – wenn der Stellenplan so genehmigt wird – zusätzlich jemanden bekommt, der auf den Sozialen Medien informiert – auch über das, was wir im Baudezernat machen. Ich hoffe, wir können dann intensiver und schneller berichten: Wann beginnen Baustellen, warum gibt es die, wann enden sie.



Ich dachte eher gerade mit Blick auf die Verkehrspolitik der Stadt an Info-Kampagnen und Bürgerversammlungen, in denen die Stadt das Große und Ganze erklärt. Wäre das keine Idee?

Das hängt vom Thema ab. Bei den Arbeiten am PvH habe ich jetzt nicht die Notwendigkeit dazu gesehen. Wir haben das überall erklärt, in der Politik darüber gesprochen, in vielen Gremien, in der Presse die Pläne vorgestellt. Das ist ja auch alles schon vor 13 Jahren im Zuge des Integrierten Verkehrsentwicklungskonzept besprochen worden. Und seither immer wieder, auch gerade im Zusammenhang mit den vorübergehenden Abbiegeverboten in der Schuhstraße.

Sie haben gerade selbst darauf hingewiesen: Das Grundkonzept, das jetzt angewendet wird, ist 13 Jahre alt. Hätte die Stadt nicht die Pflicht gehabt, die Pläne auf Basis neuer Daten zu aktualisieren?

Ja. Und das haben wir auch gemacht. Wir wollten das auch viel eher machen, mussten aber die Verkehrszählungen wegen der Corona-Pandemie verschieben. Die Ergebnisse haben gezeigt: Der Verkehr hat etwas zugenommen und die Zahlen sprechen nach wie vor dafür, so vorzugehen, wie wir das tun. Wenn der Verkehr in der Innenstadt aber inzwischen deutlich abgenommen hätte und der Durchgangsverkehr führe – wie von uns gewünscht – über den Stadtring außenrum, hätten wir den Umbau der Kreuzungen sein lassen können. Das war aber nicht der Fall.

Die Umgestaltungen an den Kreuzungen zielen darauf ab, den Durchgangsverkehr zu verdrängen, generell wünscht sich die Stadt mehr Umsteiger auf Rad und Bus. Doch müssten dazu nicht die Angebote besser sein, damit die Menschen eine Alternative zum Auto haben? Zumal beim SVHI immer wieder viele Fahrten ausfallen.

Man muss das zweiteilen. Wenn ich mir das Netz und den Takt des Stadtverkehrs ansehe, finde ich das für eine Stadt mit unserer Größenordnung sehr gut. Doch wir haben eben diese Fahrtenausfälle wegen Krankheit, durch den allgemeinen Fahrermangel – ohne diese Einschränkungen wäre das Angebot gut. Man kann das aber nicht dem SVHI anlasten, das Unternehmen tut alles, was möglich ist.

Aber hätte die Stadt nicht warten müssen, bis es beim Stadtverkehr wieder rund läuft?

Wie lange wollen wir denn warten? Es gibt in der ganzen Republik einen Fachkräftemangel im ÖPNV. Außerdem sind die Themen doch 13 Jahre auf die lange Bank geschoben worden.



Die Umgestaltungen an den Kreuzungen sollen den Busverkehr begünstigen. Nun kommt aber mancher Bus auf den Zuwegen zum PvH wegen der neuen Spuraufteilung kaum voran, gerade auf der Wollenweberstraße. Läuft da nicht etwas schief, was nutzt da eine eigene Busspur an den Ampeln?

Nach meinen Beobachtungen funktioniert das auf der Zingel, auf der Goslarschen Straße und in der Schuhstraße. Wie das aber auf der Wollenweberstraße ist, kann ich zwei Tagen nach der Fertigstellung noch nicht beurteilen. Doch ich sehe, dass es schon in der Goschenstraße eng wird, da müssen wir nochmal genau schauen. Wobei da eigentlich wegen der neuen Ampelschaltung an der Ecke Hohnsen/Struckmannstraße weniger Autos ankommen sollten. Aber wir gucken uns das alles im Betrieb genau an. Und wenn da Stellschrauben zu verbessern sind, passen wir das an. Ich habe auch selbst schon festgestellt, dass die Grünphasen für Fußgänger in der Wollenweberstraße zu kurz sind..

Es gibt auch inhaltliche Kritik an der Spuraufteilung, zum Beispiel bei der Zusammenführung von Autos und Radfahrern aus Richtung Goslarscher Straße in die Schuhstraße. Ist diese Kritik berechtigt?

Autofahrer und Radfahrer müssen aufpassen – und das tun sie auch. In der Verkehrsplanung gibt es den Spruch: Unsicherheit schafft Sicherheit, da in dieser Situation alle Verkehrsteilnehmer aufpassen.

Die Stadt hat immer damit argumentiert, sie müsse das Konzept bis Ende 2023 umsetzen, weil sonst der Verlust der Fördermittel drohe, ein Aufschub sei nicht möglich. Wären die Kreuzungen dann etwa gar nicht umgestaltet worden?

Wir hätten die Kreuzung auch dann umgestalten wollen – wir möchten doch den Durchgangsverkehr aus der Innenstadt raushaben. Wir müssen auch die Stickstoffdioxid-Belastung in der Schuhstraße beachten. Jetzt liegen wir zwar seit einigen Jahren unter dem Grenzwert der EU. Doch es gibt Bestrebungen, den zu senken.

Was glauben Sie, wann sich die Menschen an die Veränderungen auf dem PvH gewöhnt haben?

Vier bis sechs Wochen wird das dauern, nach Weihnachten können wir Bilanz ziehen – der Dezember ist der Monat mit der stärksten Verkehrslast. Und dann im Januar gegebenenfalls etwas ändern, wenn das nötig ist.

Derzeit produzieren die Veränderungen eher mehr Staus als vorher. Ist das im Hinblick auf den Klimawandel nicht kontraproduktiv, weil da mehr Kohlendioxid entsteht?

Klar, im Stau und in Baustellen ist das so. Aber es ist eine steile These zu behaupten, die Veränderungen führten auf Dauer zu mehr Staus. Lassen Sie uns doch jetzt erstmal im Betrieb gucken, wie das alles läuft.

Macht das alles überhaupt Sinn ohne eine Nordumgehung? Braucht nicht auch die Kaiserstraße dringend eine Entlastung?

Ja, das ist auch ohne Nordumgehung sinnvoll. Wir wollen den Durchgangsverkehr aus den Wohnquartieren herausbekommen, zum Beispiel in der Neustadt – das schaffen wir durch die Umgestaltungen an den Ampeln. Denn bislang kam man fast schneller voran, wenn man durch die Wohnviertel fährt, als wenn man den Stadtring benutzt. Das war schlecht.

Und die Kaiserstraße?

Da muss auf jeden Fall Durchgangsverkehr raus, in diese Kategorie fallen nach alten Verkehrsprognosen rund 4.000 bis 6.000 der insgesamt 40.000 Autos, die dort täglich unterwegs sind. Es ist daher unbedingt notwendig, dass das Land die Nordumgehung vorantreibt.

Erleben wir beide deren Einweihung noch in unseren Berufsleben?

Das glaube ich kaum. Aber ich würde mir wünschen, dass wir den größten Teil der Planung noch erleben.

Sollte Hildesheim nicht wie andere Kommunen darüber nachdenken, die Straßenbahn zu revitalisieren?

Wir wollen ab 2025 ein neues Mobilitätskonzept entwickeln. In dessen Rahmen sollten wir für alle Visionen offen sein und viele Dinge andenken. Realistisch betrachtet, haben wir allerdings wohl nicht genug Platz für eine Straßenbahn.

Man hat den Eindruck, die Menschen reagieren immer empfindlicher auf Veränderungen im Verkehr. Der Ton gegen Rat und Verwaltung wird rauer, die Bauarbeiter sind bei den Markierungsarbeiten beschimpft worden. Mutet die Stadt den Menschen mit solchen Eingriffen gerade zu viel zu?

Nein, das denke ich nicht. Ich glaube vielmehr, dass sich die Gesellschaft sehr verändert. Wie ist denn damals mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg umgegangen worden, wie mit den großen Umbauprozessen in den 70er Jahren, der Stadtsanierung in der Nordstadt, bei der ganz viele Straßen saniert wurden? Gab es da auch solche Diskussionen? Nein. Da waren die Menschen einfach froh, dass sich etwas in der Stadt tat, die Dinge nach vorne gebracht wurden, dass Fortschritt zum Tragen kommt. Und seinerzeit ist auch den Fachleuten mehr vertraut worden als heute: Es wird wissenschaftlich kaum etwas so intensiv untersucht wie der Verkehr, da gibt es so viele Vorschriften, die den Verkehr sicherer machen.

Haben Sie ein Beispiel?

Habe ich. Es gab viel Kritik an der Umgestaltung der Kreuzung Wunramstraße/Konrad-Adenauer-Straße in Ochtersum. Wir haben rechnerisch belegt, dass das funktioniert – es ist uns nicht geglaubt worden, selbst nach einer Testphase nicht wirklich. Und: Es funktioniert!

Die Stadt plant ein Parkraumkonzept. Das liegt zwar noch nicht vor, dürfte aber darauf hinauslaufen, dass kostenlose Parkplätze am Straßenrand vor allem in den Wohnvierteln wegfallen und auswärtige Autofahrer in die Parkhäuser ausweichen sollen. Steht da nicht der nächste Aufschrei bevor, von Pendlern und Händlern?

Doch, das wird so sein, darauf müssen wir uns auch einstellen. Deshalb müssen wir als Stadt das Thema sehr gut begleiten, müssen mit der Politik, der Bevölkerung, den Akteuren in der Innenstadt, den Händlern und den Institutionen, die sich dort engagieren, sprechen. Wir müssen darlegen, was mir machen wollen. Ich weiß aber schon jetzt: Wenn wir dann eine einzelne Straße anfassen, wird es trotzdem einen Aufschrei geben. Es bekommt eben nicht jeder mit, was man vorher macht.

Das Baudezernat und damit auch Sie als Dezernentin stehen in den vergangenen Monaten immer wieder in der Kritik. Nehmen Sie sich das zu Herzen, was macht das mit Ihnen?

Ich nehme mir das nicht zu Herzen. Doch ich finde unsachliche Kritik unerträglich, die Beleidigungen, die Häme, dieses mangelnde Vertrauen, dass man als Fachfrau nicht wahrgenommen wird, dass unsere Mitarbeiter nicht als Fachleute wahrgenommen werden. Dabei arbeiten wir alle gerne für die Stadt!

Wirkt sich diese Stimmung denn aus?

Viele Mitarbeiter schauen nicht mehr in die Zeitung oder in die Sozialen Medien, weil es traurig macht, was man dort manchmal lesen muss. Viele machen das daher nicht mehr: Sie sagen, das belaste sie zu sehr.

Verstehen Sie die Kritik an der Bauverwaltung?

Ja, ich verstehe die Kritik an den Unannehmlichkeiten während der Markierungsarbeiten am PvH. Es ist nicht schön, wenn man im Stau steht, eine halbe Stunde länger braucht als gedacht oder wenn einem ein Arzttermin deswegen flöten geht. Aber wir hätten die ganze Kreuzung auch sperren können. Wir haben das lange überlegt, aber dann entschieden, das nicht zu machen – es hätte doch sonst noch mehr Unmut gegeben. Es wäre aber vielleicht klarer gewesen.

Tut sich Hildesheim nach Ihrem Eindruck besonders schwer mit Veränderungen im Verkehr?

Wenn ich mit den Kollegen aus anderen Städten rede, höre ich Ähnliches. Die sind alle der Kritik ausgesetzt, bei Verkehrsthemen meinen eben viele, mitreden zu können.

Ihre Amtszeit läuft im Jahr 2025 aus. Möchten Sie weitermachen? Glauben Sie, der OB schlägt Sie wieder vor?

Damit beschäftige mich jetzt nicht, das ist alles viel zu früh! Aber ich mache meine Arbeit sehr, sehr gerne. Eine Amtszeit reicht gerade dazu, eine gewisse Richtung einzuschlagen, viele Dinge vorzubereiten. Eine zweite Amtszeit führt dazu, die Maßnahmen umzusetzen und zu erleben, wie sich diese Wirkung entfaltet.

Wünschen Sie sich manchmal mehr öffentliche Unterstützung vom Oberbürgermeister bei Verkehrsthemen?

Er stärkt mir da den Rücken, auch nach außen. Er hat ja die Klimawende als wichtig bezeichnet – und dazu gehört auch die Mobilität. Ich würde übrigens gern auch noch etwas loswerden.

Was wäre das?

Die Hildesheimerinnen und Hildesheimer können mit Ihrem Verhalten selbst dazu beitragen, die Lebensqualität hier zu steigern. Wer mit dem Auto in die Stadt will und dabei nur ein oder zwei Kilometer zurücklegen muss, sollte sich überlegen: Kann ich nicht auch das Rad oder den Bus nehmen oder zu Fuß gehen? Und wenn ich das Auto nehme, weil ich eine längere Strecke von Süden nach Norden fahren muss: Muss ich wirklich durch die Innenstadt oder kann ich dabei nicht Wohngebiete meiden, indem ich den Stadtring nehme? Ohne ein Umdenken, ohne eine veränderte Mentalität, kann die Verkehrswende nicht gelingen und können die gewünschten Effekte nicht erreicht werden.

Interview: Rainer Breda

  • Hildesheim
  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.